Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-01 · Heft 26 (1.8.1884) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 26 (1.8.1884)
Date
1884-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452986--1087-3455190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

— 3 Und doch haben, wie Wohl gewiss bei den Hebräern, so auch bei den Griechen die alten Dichter nickt nack der Accentstellung betont, wie man sich aus ihren Versen leicht überzeugen kann. Und so wie es interessantest, dass auch bei den Griechen der hexametrische Rhythmus der früheste gewesen zu sein scheint, da schon Homer, um die Zeit Salomo'S. so vollendete Verse schrieb, so würde man bei der Leseart eines heutigen Griechen eben so wenig die homerischen Hexameter heraushören, als man den wahren Rhythmus der. hebräischen Verse annehmen konnte, so lange man in der Betonungsweise Alles umkehrte. (Fortsetzung folgt.) Eine historische Skiye. Nach vorhandenen Chroniken und Manuscripten gesammelt und bearbeitet von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau. Im Jahre 1190 wurde Boleslawia oder Bunzlau durch den Herzog Boleslaus zur Stadt erhoben und mit festen Mauern umgeben. Schon zu dieser Zeit waren daselbst reiche Israeliten angesiedelt und mußten zur Erbauung der Stadtmauer bedeutende Summen Geldes beitragen, wofür sie die Erlaubnis erhielten, ihre Religion frei auSzuüben und eine Synagoge rc. zu erbauen. Im Jahre 1361 waren sie am zahlreichsten und besaßen in der Nicolai-Vorstadt (jetzige Löwenbergerstraße) unter dem Namen der Judengasse 36 Häuser und außerdem auch eine schöne Synagoge. Doch nicht lange sollten , sich die Juden der Ruhe und des Friedens erfreueiz. Die Liegnitzer Herzoge Wenzel und Ludwig, räumten den Bürgern das Recht ein, die Steine vom jüdischen Friedhöfe zum Bau der Stadtmauer wegzuführen. Dieser Frevel war nur ein Vorspiel in der Leidensgeschichte unserer damaligen Brüder. Als 1453 der Zwiespalt in der katholischen Kirche ausbrach, schickte der Papst den Bernhardiner - Mönch Johann Capistrano nach Schlesien, um die Einwohner zu den Grundsätzen der allein-seligmachenden katholischen Kirche zurückzuführen. Dieser Mann entzündete durch seine Beredsamkeit den Fanatismus bei dem großen Haufen derart, dass eine allgemeine Verfolgung der armen Juden erfolgte, trotzdem sie in großem Ansehen bei den Herzogen, Fürsten und Bischöfen standen. Capistrano wüthete aber fortwährend gegen unsere Ahnen, dem allmächtigen Gott zum Lobe und der katholischen Kirche zur Ehre, und bald traten auch die übrigen Mönche gegen sie auf. Mit dem Kreuze in der Hand zogen sie dem Pöbel voran, stürmten, vom Religionseifer erhitzt und Rach- und Naubsuchl, angelrieben auf die Juden, marterten und verbrannten sie. Heerdenweise wurden die Un. glücklichen zusammengetrieben, mit Keulen erschlagen, auf brenneude Scheiterhaufen gestürzt, oder in die Fluthen getrieben, wo sie einen elenden Tod fanden. Kurz man ließ kein Mittel unversucht, die Juden zu vertilgen und sich ihres Vermögens zu bemächtigen. Die Gerichtsobrigkeiten betheuerten zwar an vielen Orten ihre Unschuld, zogen aber doch die Güter der unschuldig erschlagenen und fortgejagten Juden als verfallen ein; daher kamen viele Magistrate, Bischöfe und Fürsten, die den Juden große Geldsummen schuldig waren, in Verdacht, dass sie nicht alle Kräfte angewandt hätten, den Grausamkeiten Einhalt zu thun, und vielmehr selbst'dazu beigetragen, sie zu vertilgen. 1418 mußten die Juden die Nachbarstadt Löwenberg verlassen, 1420 Jaüer. Die Verfolgungen wurden noch systematischer fortgetrieben, als Capistrano dem ׳schwachen König Ladislaus (böhmischer König) in einer gehässigen Abhandlung bewies, dass das Verfahren gegen die Juden recht und wohlgethan sei, worauf der König befahl, dass alle Judenkinder, die über 7 Jahre alt sind, ihren Eltern entrissen, von Christen erzogen und alle übrigen Juden aus dem Lande,gejagt werden sollten, während ihre Güter dem Fiscus zu überweisen seien. Nun ging das Verjagen, Foltern. Henken und Verbrennen auf's Neue an. In Bunzlau wurden die Juden 1453 am Tage Simon Judä 28. Oktober gänzlich vertrieben. In jener trostlosen Zeit, am 13. August, wurden in Breslau 16 und Schweidnitz 17 beraubt und verbrannt. 1454 am 2. Mai ließ Capistrano in Jauer 16 und am 11. Mai 41 in Breslau verbrennen, weil sie die Brunnen vergiftet haben sollten. Am 5. Juni wurden sie mit Gewalt aus Striegau gewiesen und man verwandelte die Synagoge in die St. Barbara Kirche. 1455 wurden die unglücklichen Juden unter schweren Leiden und Qualen abermals aus Breslau verjagt und ihr Begräbnisplatz verwüstet. 1457 vertrieb man sie aus Schweidnitz, und aus der Synagoge wurde zu Ehren des heiligen Frohnleichnams eine Kirche gestiftet. 1480 am 18. Mai wurden sie durch den barbarischen Herzog Hans aus Glogau verjagt. Zur Charakteristik dieses Tyrannen, der viel Jammer und Elend an verschiedenen Orten gestiftet, diene nachstehende Probe. In seiner Stube auf dem Schlosse zu Glogau hatte er auf einem Glasfenster einen Christus am Kreuze abgebilder. Dieses zerbrach und die Juden wurden der Thar beschuldigt und um mehrere Tausend Gulden geprellt — ein bequemes Mittel, seine stets leere Casse zu bereichern. 1492 wurde eine höchst unbarmherzige Verfolgung in Glatz veranstaltet, ebenso 1508 in Frankenstein, 1535 in Oels und 1543 in Leobschütz, woselbst die Synagogen in Kirchen und Zeughäuser verwandelt wurden. Die Bürger von Bunzlau sollen jedoch in jener verhäng- 5 nisvollen Zeit stets gegen die Juden menschenfreundlich gehandelt haben. Im 18. Jahrhundert wurden hier wieder sogenannte Schutzjuden geduldet, die auch Jahrmärkte besuchen durften. Am 11. März 1812 wurden die Israeliten durch das allerhöchste königliche Edict als preußische Staatsbürger erklärt und mir Concessionen versehen. 1815 wurde in Bunzlau seit Menschengedenken die erste jüdische Hochzeit gefeiert. Drei Familien, Israel Hülse, Meyer Schildlower und Moritz Zaller begründeten unter schweren Kämpfen und Anfechtungen die hiesige Gemeinde. 1816 kauften diese Biedermänner von der Stadt ein Grundstück zum Friedhof, der mir einem massiven Leichenhause versehen, und mit einer Mauer umgeben wurde. Hier soll der Tempel und die Mikwa von 1361 gestanden haben! Von dieser Zeit an wuchs die Mitgliederzabl, so dass sie 1824 den ehrwürdigen .Leser Fernvach als Lehrer anstellten, einen Tempel für den Gottesdienst einrichteten und am 22. Mai einweihten, bei welcher Gelegenheit der hiesige Heinrich Zaller (jetzt in Berlin) durch Herrn Fernbach consirmirt wurde. Im Jahre 1857 wurde ein größeres, schön ausgestattetes Bethaus, aber auch nur im Miethsverhältnis, eingeweiht und der Gottesdienst den Zeitverhältnißen entsprechend eingerichtet. Aber auch dieses Local entsprach in räumlicher Hinsicht nach Jahren den Bedürfnißsn der Gemeinde nicht mehr. Das verdienstvolle Mitglied, Herr Israel Hülse, hatte in der Voraussicht, dass der Gemeinde ein eigenes Gotteshaus dringendes 'Bedürfnis sein werde, vor seinem am 23. März 1863 erfolgMr^Tode neben anderen größeren Legalen ein Legat von 6009׳Mark zur Erbauung einer Synagoge ausgesetzt. Am 29. Mai 1877 wurde der Grundstein zu dem neuen Tempel gelegt und am 1. September 1878 wurde, im Beisein aller, Behörden der Stadt und der evang. Geistlichkeit, derselbe feierlichst eingeweiht. In hochherziger Munificenz gewährte die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.