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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-07-24 · Heft 25 (24.7.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 25 (24.7.1884)
Date
1884-07-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— e - — Wie ich aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, soll in Frankfurt a. d. Oder ein fehr ' fchönes Waisenhaus gebaut werden. Zwe! edelgesinnte und wohlthätige Mitglieder der dortigen Gemeinde, die Herren Calmaun Levy und Banquier Mende/ haben nämlich fehr namhafte Geldsummen zu diesem heiligen, gottgefälligen Zwecke gespendet ישלם ה' פעלם. — In Folge der Propaganda des Cantors L. Sachs in Guben haben sich zahlreiche Mitglieder der dortigen israel. Gemeinde der Alliance israelite universelle augeschlcsfen. — Der vor einigen Jahren in Calau (bei Cottbus) verstorbene R. Meier Ball (Israelit) hinterließ u. A. der Stadt 1500 Mark mir der ausdrücklichen Bestimmung: die Zinsen dieses CapitalS alljährlich an arme Kinder ohne Unterschied der Confession zu vertheilen. — In Calau wohnen jetzt gar keine Juden. A. Z. Lemöerg. Wie wichtig es ist, einig vorzugehen, NM seine Rechte gegen Hebelgriffe zu wahren, beweist die Constituirnng des Müller- und BäckervereiueS in Lemberg. Der Verlauf war felgender: Vor beiläusig 5—6 Wochen ernannte der gewesene Zunftmeister obiger Corporation, Herr Eduard Gottlieb, ein Comiie aus 20 Mitgliedern zur Ausarbeitung eines Statutes für die Müller- und Bäckergenossenschast, und als der Vorsitzende das ihm von der Behörde zugestellte Musterstatut dem Comite vorlesen ließ, stellte man den Antrag, man möge aus der Mitte dieses Comiie's ein engeres von 5 Mitgliedern zur genauen Prüfung und Ausarbeitung der Statuten wählen. Dieser Anlrag wurde acceptirr und die gewählten Mitglieder des engeren ComiteS, 4 Christen und 1 Jude, traten gleich an die Arbeit. Vorige Woche wurden nun sämmtliche Müller und Bäcker zu einer Generalversammlung eingeladen, mit der Tagesordnung, einen Ausschuß zu wählen und Las Statut zu genehmigen. Sämmtliche Mitglieder erschienen, natürlich im guten Glauben, dass das engere Comite sich gewissenhaft seiner Aufgabe entledigt habe; allein wie groß war die Enttäuschung, als man das Statut zur Hand nahm und darin den eingeschmuggelten Passus vorfand, dass eiu Jude nie Vorsteher des Vereines sein dürfe. Als die versammelteu jüdischen Handwerker darauf, sowie auf den Umstand aufmerksam gemacht wurden, daß für den Ausschuß trotz der enormen Ueberzayl der jüdischen Handwerker fast lauter christliche Gewerbsleute vorzuschlagen wären, so entfernten sich wie auf Commando sämmtliche jüdische Wähler aus dem Rathhausfaale, um die Generalversammlung unmöglich zu machen. Von einigen Mitgliedern wurde alsdann eine Versammlung der jüdischen Acüller und Bäcker einberufen, bei welcher Gelegenheit man stch über eine entsprechende Wahlliste einigte und sich gegenseitig versprach, wie Ein Mann zur Generalversammlung zu erscheinen und gegen die Ausschließung der Juden von der Würde eines Vorsitzenden zu stimmen. Bei der am 14. b. M. abgehaltenen Generalversammlung wurden in der Thar die Candidaten dieses Comite's durchgefetzr und eine entsprechende Anzahl von jüdischen Mitgliedern in den Ausschuß gewählt, sowie selbstverständlich die Beschränkung, Laß kein Jude Vorsteher des Vereines sein darf, mit eelaranter Majorität aus dem Statute gestrichen. Jassy. Wie wir -bereits gemeldet, wird bald ein neues Gesetz erscheinen, das den Handwerkern, die nicht in der vom Staate gegründeten Hanwerkerschule (zu der nur Arbeiter christlicher Confession zugelassen werden)' ausgebildet wurden, die Ausübung ihres Handwerkes verbiet.!. Dieses Verbot wird abermals Tausende von Juden an den Bettelstab bringen. Die hervorragendsten Männer unserer Gemeinde vereinigten sich also, um ein Comite zu bilden, das den unbemittelten Juden, .denen durch die barbarischen Gesetze der Erwerbzweig abgeschnitten wird, nach Amerika und anderen Ländern befördern soll, wo es ihnen nicht v erboten ist, auf anständige Weise ihr Leben zu friste». Dank den Bemühungen des Herrn Jakob Ritter v. Neuschotz. der in Gemeinschaft der hervorragendsten Männer der Stadt Sammlungen veranstaltete, die den Ertrag von 70.000 Francs ergaben, war das Comite bereits Dienstag, den 24. Juni, in der Lage den ersten Transport Emigranten, bestehend aus 40 Familien, circa 200 Seelen, abgehen zu lassen. Die Bahudirection mar so gut, zu diesem Behufs einen Separatzug zu bedeutend ermäßigten Preisen zur Verfügung zu stellen. Eine Menschenmenge, die nach Tausenden zählte, gab den Auswanderern das Geleite. Man ries ihnen allgemein ,ans Wiedersehen" zu, denn es gibt keinen Juden hier, der nicht den Plan bar, dieses Land zu verlassen, wo die Gesetze, anstatt Segen und Wohlstand, so viel Jammer über eine friedliche Menschenelasse bringen. Das Unterstütznngscomite hofft in 3 bis 4 Wochen abermals im Stande zu' sein, 40 Familien zur Auswanderung verhelfen zu können. Doch die Geldmittel, die dem Comite zur Verfügung stehen, reichen noch nicht aus, da die wenigen wohlhabenden Juden unserer Stadt nicht in der Lage sind, diesem Massenunglück abzuhelsen, und deshalb wäre es dringend uöthig, dass auch die ausländischen Juden, deren Humanität sich oft schon bewährte, ihr Schärslein dazu beitragen sollten. Am Samstag vor der Abreise der Emigranten, hielt Herr Rabbiner Tauber vor einem sehr zahlreichen Publikum in der großen Synagoge, wo sämmtliche Auswanderer in der Nähe der heiligen Bundeslade versammelt waren, eine Rede, worin er den hiesigen Menschenfreunden dankte, dass sie durch ihren Eifer und ihre Opfer- Willigkeit das Schicksal so vieler Unglücklicher zum Guten gelenkt halten. Daraus ertheilte er den Abreisenden seinen Segen. Möge, auch Gott feinen Segen ihnen zu Theil werden lassen, damit sie in der Ferne eine glückliche Heimat finden. Wom. Das berühmte römische Ghetto befindet sich im Zustände vollständiger Demolirung in Folge des neuen Stadtplanes, welcher allmälig zur Ausführung gelangt. Während früher die Bewohner des Ghetto dort zwangsweise ihren Aufenthalt nehmen mußten, sind dieselben heute größtentheils — es handelt sich dabei meistens nur um arme Israeliten --- nicht zu bewegen, das alle historische Stadtviertel, wo ihre Vorfahren wohnten, zu verlassen. Die Bewohner der Via Fiumara, einer der Hauptstraßen des Ghettos, welche bereits niedergerissen wurde, haben sich sämmtlich bei Verwandten in den stehengeblievenen Straßen einguartierr, woraus eine enorme Uebervölkerung entstanden ill. Dieser Umstand hat den Vorltand der Judengemeinde veranlaßt, eiu Comite zu bilden, um die Bewohner des Ghetto zu veranlassen, sich in den übrigen Stadtvierteln anznsiedeln. London. Unter sehr zahlreicher Betheiligung wurde dieser Tage die 13. Jahresversammlung der Auglo-Jewish-Association abgehalren. Baron Henry de Worms führte den Vorsitz. In seiner die Verhandlnngen einleitenden Rede constatirte er, dass die Verfolgung der Juden nur noch in zwei europäischen Ländern existirt näinlich in Rußland und Rumänien. In ersterem Lande hätte sich die Lage der Juden im vorigen Jahre gebessert und dies fei theils den Bemühungen der Association, theils dem Umstande zuzuschreiben, dass General Jgnatiew nicht mehr zu den Rathgebern der Krone .gehöre. WaS Rumänien anbetrifft, ,so habe die gesetzgebende Körperschafr dieses Staates sich gegen die Unterzeichner des Berliner Verrrages von 1878, welcher die Emancipation der rumänischen Inden stipulirt, eines Treubruches schuldig gemacht, denn sieben Achtel der jüdischen Bevölkerung Rumäniens litten noch immer unter den alten Unfähigkeiten. Jungst hätte er (Worms) die Aufmerksamkeit der britischen Negierung ans diese Zustände gelenkt und Lord Eduard Fitzmaurice versprach, dass der Gegenstand iü reifliche Erwägung gezogen werden würde. Schließlich erklärte der Vorsitzende, dass das von der Association und verwandten Vereinen geleitete Erziehungswerk im Orient langsam aber sicher fortschreite. G egen 5000 jüdische Kinder genießen gründlichen Schulunterricht.

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