Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 25 (24.7.1884)
- Date
- 1884-07-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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sind geuüthigt, die Predigten der Bekehrer anzuhvien, aber sie schenken denselben nur geringe Aufmerksamkeit. Ein Hauptmittel zur Bekehrung der Juden sind die Schulen der Missionäre. Sie besitzen eine Schute, wo ungefähr 30 Kinder christlich erzogen werden. Ferner haben sie eine Schule, die von einer Anzahl jüdischer Kinder aus der Stadt besucht wird. Dieselben sind in religiöser Beziehung einer doppelten Uebung unterworfen. Sie müssen einerseits dem christlichen Gottesdienste beiwohnen, an den Kirchengesängen Theil nehmen, und den Sonntag festlich begehen. Andererseits lässt man sie zu Mittag eine ^2>2"Mahlzeit Hallen, lässt sie den Sabbath beobachten und die hebräischen Gebete in der gewöhnlichen Weise hersagen. Auch die Mädchen sind von Seiten der Mission der Gegenstand derselben Aufmerksamkeit wie die Knaben, und dieselben lassen sich auch manchmal in empfindlicher Weise beeinflußen. Vorgerückte Schüler werden bei christlichen Handwerkern in die Lehre gegeben, wo insbesonders über ihre religiöse Erziehung gewackl wird. Die meisten Handwerker verlangen sogleich die Taufe der Lehrzesellen, welches ja der Zweck und der Triumph der Mission ist. Auch durch die ärztliche Unterstützung sucht dis Mission unsere Glaubensgenossen zu fangen. Da die israelitischen Spitäler nicht ausreichcn, geht man in die Spitäler der Missionäre, wo gesiissentlich eine ">V2"Küche geführt wird. Es gibt sehr wenige Familien, selbst bei den Wohlhabendsten, die nichr den Arzt der Missionäre in Anspruch nehmen. Derselbe macht umsonst Besuche, gewährt gratis Mevicamente, aus deren Etiquets die Aufschrift ,אני ה' רפאך' und dazwischen das Kreuz, sich befindet. Dieser Arzt spricht wenig von der Religion und genießt großen Einfluß fast bei der ganzen jüdischen Bevölkerung der heiligen Stadt. Denjenigen, welche ihre Kinder den Missionsschulen anvertrauen, werden Unterstützungen in Geld und in Naturalien, die Miethe, die Steuern gegeben, mit einem Worte, Alles, was es ihnen ermöglicht. die Almosen aus der Stadt zu entbehren,'und sie dazu bringt, sich aus dem ihnen bereiteten Aergerniis nichts zu macken. Streitigkeiten und Schlägereien entstehen zuweilen zwischen den von der Mission proregirten Inden und ihren Glaubensgenossen. In allen Gelegenheiten ermangelt die Mission nickt zum Schutze ihrer Schützlinge den Arm der Sicherheit anzuruien, gewöhnlich den englischen oder amerikanischen Consul, welche officiell zu Gunsten der Verehrer der Mission interveniren, welche so zu sagen immer Recht baben. Ein neues Netz, womit die Mission ihre armen Opfer zu fangen glaubt, ist die Erdichtung von Ackerbancolonien. Die Gesellschaft bat für die Summe von mehr als 2000 Pfund Sterling ein Terrain gekauft. Ein Theil der eingewanderlen Inden, die sich dahin begeben hatten, ist schon wieder zurückgekebrr, sei es, dass die Wirklichkeit ihren Erwartungen nicht entsprochen hat, oder dass sie endlich das durch die Mission beabsichtigte Ziel eingesehen haben. Der Jnipector dieser Colonie ist ein gewisser Moriz Hall, ein getaufter Jude. Man berichtet, dass er gesagt haben soll: ״Ich hoffe, dass noch vor Ende eines Jahres in Artus kein einziger Jude mvhr sein und man mich als Herrn des Platzes dort lassen wird'. Die Zahl der Uebertritte zum Christenthum unter den eingewanderten und den einheimischen Armen beläuft sich seit mehreren Jahren auf nicht mehr als kaum 25. Aber schon die bloße Berührung mit der Mission übt auf die Unglücklichen die nachtheiligsten Wirkungen aus; das ist in erster Linie der Hass gegen ihre Glaubensgenossen, hernach die Heuchelei und endlich die Untreue gegen die beiden Religionen. Eine Lockerung der Sitten und der Familienbande, der Verlust jeder Achtung, die Ausgelassenheit und die Heuchelei, das sind die Früchte der Mission, das ist der traurige Zweck, den das englische Geld erfüllt. Literarisches. ״Schirath Jacob," Gesäuge für den i s r. G o t t e s d i e n st für Selo und Chor, mit u n d o h n e O r g e l b eg l e i t u n g, von O b e r e a n t o r I. B a ch m a n n. So betitelt sich das neueste Werk auf dem Gebiete des Synagogengesanges, und unser verehrter College, Obercantor I Bachmann in Odessa, ist es, dein wir diese reichhaltige Sammlung zu verdanken haben. Um einerseits zahlreichen Aufforderungen bcfreundeter College» uachzukommen und andererseits auch an dem unter den Cantoren allgemein gewordenen Streben nach Veredlung und würdevoller Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes Autheil zu nehmen, fah sich Bachmann zur Herausgabe seiner Gelänge veranlasst- Dem schon oft laut gewordenen Vorwurfe der Ueberproduction auf dem Gebiete des Synagogengesanges versucht der Verfasser in der Vorrede mit folgenden Worten entgegenzutreten: ..Das Streben nach Veredlung des jüdischen Gottesdienstes hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders lebhaft kundgethan; seit dem Erscheinen jenes epochemachenden Werkes, das so erfolgreich die Runde um die ganze civilisirte Welt gemacht und den Grund zu einem geregelten Gottesdienfte gelegt Hai, sind gar Manche aufgetreten, die ihre synagogalen Werke der Oeffentlichkeit übergaben, die mehr oder weniger denselben Zweck, wenn auch meistentheils in variirter Form, verfolgten. Wenn man aber in Betracht zieht, dass die Anzahl der isr. Gotteshäuser sehr gross ist, dass der Gesang den hauptsächlichsten und wichtigsten Theil unseres Gottesdienstes bildet, und Lass endlich auch Li׳,׳ Gebetordnung nicht dieselbe ist, sondern vielfach von einander abweichr, so kann man leicht zum Schlüße kommen, dass die synagogale Gesangsliteraiur schwerlich reich genannt werden kann, und dass das Gebiet des Synagogengesanges durch Las bis jetzt Geborene bei weitem nicht erschöpft ist." — Der Verfasser macht nun zwar aufmerksam, dass das Werk hauptsächlich für den Gotlesdiensi in Rußland mit seinen großen Chormassen berechnet sei, fügt aber mir Recht hinzu, dass wohl auch anderwärts die reichliche Zahl von Reeitativen und leicht ausführbaren Compositionen ansprechen werde. — Wir behalten uns vor, auf Las bedeutende Werk nächstens zurückzukommen und dabei mehr iirs Detail einzngehei:. Kleine Chronik- AollöuS. (Orig.-Corresp.) Es dürfte zum ersten Mai evorgekommen sein, dass eine neuorganisirte Israel. Gemeinde, die bisher noch n i e einen Cultusbeamten engagirr. das Bedürfnis fühlte, zuerst einen Rabbiner aufzunehmen. Ein solcher Fall ist thalsächlich in Plauen (Sachsen) eingetreten. Diese junge Gemeinde zählt gegenwärtig 24 Mitglieder und ist in stetem Wachsen begriffen; sie besitzt weder Canlor noch Schocher, weder Temvel noch Sefer-Thora, weder Friedhof noch rit. Badehaus. Und doch har diese Gemeinde schon jetzt einen Rabbiner und Prediger angestellr! Rar einige streng-religiös lebende Familien hegen den Wunsch, einen aufznnehmen, weil dieselben ihren Bedarf an ^2?2-Fleisch!Heils von hier, theils von Leipzig und Dresden beziehen müssen. Nur während der Festtage sindet in einem gemietheten und dazu hergerichisren Locale öffentlicher Gottesdienst start, bei welchem der dortige Rabbiner, Herr Dr. Bruckftein (Zögling des Breslauer Rabbiner-Seminars) gleichzeitig die Functionen des Vorberers verrichten muss.