Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 25 (24.7.1884)
- Date
- 1884-07-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Daß Bedeutendste, was man gegen unsere Ansicht anfübren kann, ist offenbar, dass.wir von der Accent-beion 1111g abgegangcn sind. Dieses Argument wird auch in einer Abhandlung über hebräische Literatur von Dr. A- G. Hofsmann gegen unsere Behauptungen angeführt, sedocb ist es zn bedauern, dass daselbst nicht näher auf unsere Gründe eingegangen wird. Die Accente sind, als trennende und verbindende Znterpnnklation obne Zweifei der vortrefflichste Eommentar der Schrift und sowohl hiedurch, als in manch anderer Hinsicht von der außerordentlichsten Wichtigkeit. Aber, dass die Masoreten durch diese Zeichen zugleich die Tonsilbe eines Wortes andeulen wollten, und dass der Hebräer wirklich, wie man aus der Stellung des Accentes בראשית (mit dem Ton auf der Letzten) und nicht vielmehr בראשית gesprochen habe, dies ist, was wir, ungeachtet es alle neuen Grammatiker gewissermaßen als traditionelle Meinung behaupten, noch immer auf das Stärkste bezweifeln. Schon Eichhorn und Jahn finden es unwahrscheinlich, dass die Hebräer aus diese Weise betont hätten, und es lässt sich keine alte Sprache aufweisen, in welcher eine durchgehende Betonung der letzten Silbe stattgefunden hätte, Namentlich auch im Syrischen und Arabischen ist dieß nicht der Fall, wie ebenfalls Jahn anführt, bei welchen so nah verwandten Dialecten man allerdings eine Analogie mit dem Hebräischen erwarten sollte. Nur in einigen neuereil Sprachen, z. B. im Französischen, ist eine Betonung der letzten Silbe üblich, wiewohl diese Silbe nach der lateinischen Betonung des Wortes oft als die vorletzte erscheint, und da bekailntlirb viele gelehrte Rabbinen in Frankreich lebten, so möchte man beinahe glauben, dass der Gebrauch, auch im Hebräischen die letzte Silbe zu betonen, dort entstanden und erst später mit der auc anderen Gründen an , demselbe 11 Orte sich findenden ,נגינר in Verbindung gebracht worden sei. Der Name, unter welchem dieses Zeichen auf uns gekommen ist עינה (Melodie) bezieht sich auch nur auf die im Orient mehr als bei uns sing e 11 d e Declamation und Jnterpunction*), enthält aber sonst nichts von der Bezeichnung der betontesten Silben 1m einzelnen Worte selbst. Dies stand auch mit jener wichtigen Function der Accentzeichcu oft im Widerspruche, wie man sich unter andern auch aus dem in Bezug auf unsere Ansicht bedeutsamen Umstande überzeugen kann, dass ungefähr ein Drittheil der Accentzeichen, wie Sarka, Segolta, Tlischa u. a. stets einen festen Platz am An׳ fange oder Ende des Wortes einnimmt, ohne irgend einen Bezug auf eine Tonsilbe zu haben. Die doppelte Setzung solcher Accente sinder sich bei weitem nicht in allen Fällen und ist wohl erst später entstanden. Verließen sich nun hier die Masoreten offenbar darauf, dass . der Leser nach seiner sonstigen grammatischen Kenntnis die Tonsilbe finden werde, so konnten sie dies auch in den übrigen Fällen thun. Alan sieht also, dass die nächste Bestimmung, welche die Masoreten diesen Zeichen geben, bei einem Drittheil wenigstens, die Toubestimmung vollkommen ausschloss und dass wir Grund haben, dies auch von den anderen zwei Drittheilen anzunehmen. Es gibt indes auch von der Natur der hebräischen Silben bergenommene und andere grammatische Gründe, welche wider die allgemein geltende Meinung sprechen, dass die עינה zugleich die Tonsilbe andeute. Manche grammatische Erscheinungen, .. elche man mit der Tonangabe der Accente in Verbindung bringt, stehen zwar allerdings mit der anderweitigen *) Bekanntlich sind die an allen Orten in der Hauptfachähnlichen, gewiss alten Melodien der Sarka, wie man die Tafel der Accentzeichen nach dem ersten derselben nennt, die dem Sinne des Textes, theils verbindend oder trennend, theils Einzelnes besonders hervorhebend, sehr anpassend sind, nnd für welche die Cantillation, in welcher die Araber nach ähnlichen Zeichen den Koran lesen, eine Analogie darbietet. Bestimmung der Accente im Zusammenhänge, aber lassen sich stets eben so gut, oft besser, zuweilen auch allein dann erklären, wenn man von der Ansicht abgeht, dais diese Accente eben da sind, um dis Tonsilbe zu bestimmen. (Fortsetzung folgt ) Israel, Hellas and Rom. Das allgemeine menschengeschlechtliche Leben ist ein Product der neueren Zeit. Das Alterthum bestand nur im Einzelleben der Völker, von denen sedes seine eigene Nichtung und Ausgabe hatte. Es waren nicht bloß die vom Libanon und seinen Bergzügen umschlossenen Hebräer, es waren auch die Hellenen, die alle Nichtgciechen Barbaren nannten, es waren auch die Römer — die erst später griechische Cultnr sich einpsropsten und zuvor Jedwedem das römische Bürgerrecht geben mußten, ehe sie ihn als Menschen anerkennen konnten — die einzelnes Volksleben verlebten, Egyprer, Chaldäer und Juden nicht zu gedenken. Erst die Neuzeit hat den Völkern ein Gesammtleben gegeben und Allen alle menschlichen Bestrebungen überantwortet. Hiemil fällt auch schon die den Hebräern so oft vorgeworfene Zsolirung zusammeu, da derselbe Vorwurf den übrigen Völkern des eigentlichen Älterthums gelten würde. Was haben die Griechen für die Perser gethan, was die Römer für die Iberer und Germanen? Nur erst, als die wahre Grenze des eigentlichen AltertbumS überschritten worden, kann man die Vorderasien überichwemmenden Griechen und die vom Ebro bis zum Euphrat verbreiteren Römer ein dürftiges Allgeweinlebeu vordereireu sehen, und da war es denn auch, .wo von den Hebräern das Christenthum emauirte, und sie also wahrlich einen genügenden Theil dazu beitrugen. Indem wir also annehmen, dass jedes bedeutende Volk des Älterthums seine besondere Lebensaufgabe halte, müssen wir diese in wenig klaren Worten zu bestimmen suchen. Israel halte die religiöse Erkenntnis, Hellas Kunst und W i ss enschaf t, Nom Die ä r a a r 5־ und Rechrsvers a ן jung zur Aufgabe. Darum treten als die hervorstechendsten Geisteseigeuschafteu dieser Völker als Boden, aus dem die angegebenen Lebensproducle derselben hervorwuchsen, aus: in Israel das G emütb, in Hellas die Phantasie, in Rom der praktische Verstand. Nun konnte» zwar Israel und Hellas nicht ohne Staatsleben, Israel und Nom nicht ohne Knnstleben, Hellas und Rom nicht ohne religiöses Leben sein; diese aber waren bei ihnen stets ihrer eigentlichen Tendenz unter- und beigeordnet und nahmen von dieser ihre Färbung an. Daher bei Israel eine Staatssorm voll religiösen Elementes, theokratisch; in Hellas ein stetes Schwanken und Verwirren der Oligarchie und Demagogie; — in Israel nur religiöse Lyrik — in Hellas für das Gebiet der Religion nur phantastische Gebilde — in R o m batte Kunst nnd Religion nur eine praktische Tendenz, die Dichtkunst war lediglich Rhetorik, die plastische Kunst, Genuss, die Religion nur von materiellem Bestände. Vergleichen wir die Natur der Eutwicklungsobjecte der drei Völker miteinander, so ist es eben naturgemäß, dass, indem Kunst und Staat nur etwas Endliches und Begrenztes sind, die beiden Völker, welche deren Substrate waren, sobald sie ihre Ausgabe gelöst, von dem meuschengeschlechtlicheu Organismus ausgeschieden werden mußten, dass aber, weil Religion unendlichen und unbegrenzten Inhalts ist, sie auch zu fortdauernder Entwickelung ihr Substrat erhalten und verewigen mußte — noch dazu, da wiederum es nicht die ganze Kunst und der ganze