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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-07-08 · Heft 23 (8.7.1884) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 23 (8.7.1884)
Date
1884-07-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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— 5 — Kleine Chromk Wien. Sonntag den 6. d. M. fmd in der Schule der hiesigen türkischen Jsraeliten-Gemeinde die Schlußprüfung statt, bei welcher der Vorsteher der Schule, H>»rr Marcus M. Russo, sowie zahlreiche Gemeindcmitglieder anwesend waren. Die schönen Resultäte, die bei dieser Prüfung zu Tage kamen, sind hauptsächlich ein Verdienst des seit einem Jahre mit der Leitung der Schule betrauten Directors, Herrn Emanuel Groag, daher diesem tüchtigen Schulmanne vollste Anerkennung zu zollen ist. 'Budapest. Ein hiesiger Glaubensgenosse hatte dem berühmten Vertheidiger im TiSza-Eszlarer-Prozeß und unermüdlichen Vorkämpfer für die Rechte der Juden, Karl E ö t v ö S, die Gevatterschaft bei seinem neugeborenen Söhnchen angetragen, und Eötvös hatte sich zur Annahme bereit erklärt. Durch die Erkrankung seiner Gattin verhindert, sein Vorhaben auszuführen, richtete Eötvös an seinen Stellvertreter, den Herrn Redacteur der ,Jüdischen Pester Zeitung* ein längeres Schreiben, in welchem es heißt: »Ich wundere mich stets, woher es komme, dass Viele meiner israelitischen Mitbürger, die eigentlich nie die Gebräuche ihres Glaubens üben, und sich über- Haupt überhaupt über alles, was Religion ist, längst hinweggesetzt haben, dass sich auch diese mit einer an's Unglaubliche grenzenden Liebe an das Judenthum klammern und bereit sind, sich für dasselbe aufzuopfern. Wie kommt das? Ist mit dem Judenthume Ehre, Macht und Ansehen verbunden? Nein, im Gegentheile. Sie wissen es so gut als ich, dass unsere jüdischen Mitbürger nur darum, weil sie Juden sind. — zur Schmach unseres Zeitalters sei es gesagt — Demnthigungen, tausenden von Unannehmlichkeiten, ja directen Verfolgungen ausgesetzt sind. Und sie ertragen das alles geduldig, um nur bei der ehrwürdig alten Religion des Berges Sinai bleiben zu können, von welchem das Licht für alle Völker der E.de ausgegangen - ist. Ein-einziges Wort: Ich will nicht mehr Jude sein, ein einziger Gang in die Kirche, die Aufnahme einiger Tropfen Wasser, und abgelegt ist die drückende Last, welche der Jude seit Jahrtausenden geduldig, ja mancher sogar freudig trägt. Der Jude spricht jedoch das Wort nicht aus, er will den einzigen Gang nicht machen und scheut vor den wenigen Wassertropsen zurück. Warum? Viele wissen es selbst nicht, sie fühlendes blos, dass sie nicht anders können. Nun denn, ich will es Euch sagen warum: Weil der Israelit schon in seinem zartesten Alter, indem er in den Bund seines Volkes aufgenommen wird, für seine Religion bluten muss, das achttägige Kind blutet, ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, der Erwachsene will und weis; es, und blutet doch für sein Judenthum. Die Geschichte des jüdischen Volkes selbst ist nichts, als ein langes, langes Bluten. Von der Knechtung in Egypten bis zu Jstocz blutet Israel, und dieses starke lange Bluten kann kein Weltmeer von Wasser vergessen machen. Israel, das durch eine Welt von Leiden gegangen, hat mich stets mit Bewunderung erfüllt, und wer nicht von Hass geblendet ist, bewundert dieses Volk ebenso, wie ich es thue.' ßvlIHns. Wie wir nachträglich erfahren, hatt der Prediger der Cottbuser Synagogen-Gemeiude, Herr Dr. Dienstfertig, den am 10. November cr. stattgefundenen Sabbathgottesdienst dazu benutzt, um auch seinerzeits im Namen der israelitischen Religionsgemeinde den Luthertag von der Kanzel herab zu feiern. Der Inh alt der Rede, welche auch in manchen jüdischen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregen dürfte, war etwa folgender: Unser heutiger Wochenabschnitt führt uns zum ersten Male unseren Stammvater Abraham ein, wie er für sich und seine Nachkommen von Gott dem Herrn seine heilige Misiion übernimmt. In der bei dieser Gelegenheit verkündeten göttlichen Verheißung muthen uns ganz besonders die Worte an: ״Und es werden sich mit Dir segnen alle Geschlechter der Erde." Mv sehen heute unsere Straßen geschmückt, von allen Seiten lassen Jubelton und Festesstimmen sich hören. Sollen wir allein etwaa draußen bleiben? Stehen wir allein dieser Festeßstimmung fremd und unbetheiligt gegenüber? — Nein, mit ganzem Herzeit könnett auch wir Israeliten bei dem heutigen Feste unseren vollsten Antheil finden. Denn der Mann, der heute gefeiert wird, er hat wahr gemacht unser Texteswort: ״Und es werden sich mit Dir segnen alle Geschlechter der Erde." Diejenige Verheißung, die einst am Sinai an Israel erging: ,,Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk", sie gipfelt doch wohl in dem Gedanken, dass nicht hierarchischer Despotismus, sondern eigenes überzeugungstreues Fühlen und Denken das Grundelement des religiösen Glaubens und Lebens sein muss. Diesen Gedanken hat Luther zur Richtschnur und zum Eckstein der christlichen Religion eingesetzt und dadurch hat er sich nicht allein zum Reformator der Kirche, sondern zum Schöpfer einer neuen, dem tebensvollen Fortschrit und der reinen ttnverfälschten Wahrheit zustrebenden Zeit gemacht/ Nicht das, was Luther geglaubt hat, sondern seine Lehre, wie man zum Glauben gelangt, hat dem Dr. Martin Luther seine hohe geschichtliche Bedeutung verliehe». Nicht in jedem einzelnen Wort seiner Schriften, in welcher er vielfach, wie eS ja nicht anders mözsich ist, noch als ein Kind seiner Zeit sich zeigt, sondern in seinen 95 Thesen, die er an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlng, in welchen der Geist der Wahrheit und der Freiheit als Grundpfeiler des religiösen Glaubens proclamirt und festgehalten wird, da spricht der Geist Luthers in seiner reinsten Echtheit und Unbefangenheit sich aus. Luther selbst weist in seinem erhabenen, fernhin ausschauenden Endziel weit über sich hinaus. Diejenigen also, , welche sich nur an den Buchstaben anklanunern, welche nur für das einzelne Wort, nicht für das erhabene Ideal Luthers eintreten, welche die Geister knechten und sie zum Glauben desseil zwingen wollen, was ihnen allein als Wahrheit gilt, welche jeden Andersgläubigen, sei er noch so unbescholten und noch so sittenrcin, verlästern und verhetzen, diese, und stehen -sie an Ehren und Würden noch so hoch, verdunkeln und verfälschen dennoch das, waS Lnther, ihr geistiger Schirm- Herr, zu dessen Lehre sie sich bekennen, in Wirklichkeit erstrebt und gewollt hat, diese also haben im eigentlichen Sinne gar keinen Grund, an dem heutigen Tage sich der Freude hinzugeben. Wir Israeliten aber, wir, die leiblichen und geistigen Söhne Abrahams, deren uraltes, heiliges Vermächtnis, den Geist der Wahrheit und der Freiheit Luther auf seinem Boden zur Wirklichkeit und zu Ehren gebracht hat, wir können heute an dem Festesjubel unserer christlichen evangelischen Mitbürger von ganzem Herzen theilnehmen. Wie wir mit innigem Danke es anerkennen müssen, dass auch für uns Israeliten mit und durch Luthers Auftreten eine bessere und schönere Zeit begonnen hat, so haben wir auch die volle Berechtigung, uns heute mit den Fröhlichen zu freuen, indem wir durch Luther in schönster Weise erfüllt sehen das Wort der göttlichen Verheißung: ״Und es werden sich mit Dir segnen alle Geschlechter der Erde.* Dass wirklich diese Verheißung allein, nicht aber ein eigenes Land und Reich, nicht irdisches Gut und materieller Besitz, wie unsere Gegner uns imputiren, das letzte und höchste Strebeziel der israelitischen Glaubensgemeinde ist, dafür haben wir auch hier den sehr naheliegenden Hinweis, dass der hier ausgesprochenen göttlichen Verheißung der Befehl Gottes vorangeht: Gehe hinweg ans Deinem Land, aus Deinem Geburtsort und aus Deinem Vaterhause u. s. w. Belgrad. Der serbische Justizminister Marinkovic hat in Sachen der definitiven Regelung der rechtlichen Stellung der Juden in Serbien nachfolgendes Circular an alle königlichen Gerichte erster Instanz gerichtet: Als die Vertragsmächte auf dem Berliner Congresse dem damaligen Fürstenthume und gegenwärtigen Königreiche Serbien die

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