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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-07-08 · Heft 23 (8.7.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 23 (8.7.1884)
Date
1884-07-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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unsere Aussichten für die Zukunft erscheinen uns im schönsten Lichte. Freilich bleibt noch Vieles zu thun übrig, und die wichtigsten Fragen sind es gerade, welche die Zukunft zu lösen haben wird. Indem wir das Versprechen leisten, mit allem Eifer und der uns zu Gebote stehenden Kraft für die Weiterentwickeluug des Vereines wirken zu wollen, müssen wir an sämmtliche Mitglieder den warmen Appell richten, uns im kommenden Jahre kräftiger zuunterstützen, geeinigter uns zur Seite zustehen, als dies im verflossenen Jahre geschehen ist. Und nicht blos die Vereins- Mitglieder allein sind es, an die wir diesen Appell richten; alle College», die bis jetzt, sei es aus Nachlässigkeit, sei es aus Unkenntnis unserer Zwecke, dem Vereine ferne geblieben sind, laden wir ein, dem aufblühenden Vereine beizutreten und damit nicht nur das Interesse des ganzen Standes, sondern auch das eigene zu fördern. Die wichtigen Aufgaben, die wir auszuführen streben, sind wichtig nicht blos für einen kleinen Theil der Cantoren, sondern für alle, ob sie nun in einer-großen oder in einer kleinen Gemeinde thätig sind. Zu diesen Aufgaben zählen wir vor Allem die Gründung einer Pensionscasse, einer Krankeneasse, die Gründüng einer Cantorenschule, deren Nothwendigkeit gerade in den letzten Tagen mehr denn je hervorgetreren ist, die Durchführung der Schritte, die zur Erwirkung der staatlichen Anerkennung dienen sollen; alles Fragen, die nicht blos Vereinsmitglieder inleressiren, sondern für jeden Standesgenossen von höchster Wichtigkeit sind. Wir geben uns deswegen auch der Hoffnung hin, dass in diesem Jahre die College» sich zahlreicher um unsere Fahne schaaren und so ein thatkräftigeres, rascheres Vorgehen ermöglichen werden. Nur die Erwartung sicherer und allseitiger Unterstützung verleiht Muth und Ausdauer, ohne welche kein großes Ziel erreicht werden kann. Jacov Dauer, Josef Singer, Präses-Stellvertreter. Präses. Eine jüdische Iudenhetzerei. Unter diesem Titel veröffentlicht die ״Dresdner Reform" einen Bericht, der ihr über die traurigen Zustände in der Gemeinde Z ü l l i ch a u in Deutschland von beglaubigter Seite eingesandt wurde: ,Allwöchentlich ereignen sich in den jüdischen Gemeinden Sachen, welche sogar die jüdischen Zeitschriften nicht verschweigen und mit den schärfsten Worten kririsiren, die einen traurigen Blick auf die maßlose Agitation und deren Folgen in den Gemeinden des Hauses Israel werfen. Eine dieser Gemeinden ist unzweifelhaft die zu Züllichau, Neg.-Bez. Frankfurt a. O., mit welcher wir uns heute beschäftigen wollen. Die Gemeinde, welche seit langen Jahren nicht nur mit ihren Beamten, sondern auch unter einander in Zank und Streit lebt, zählt etwa 20—22 Mitglieder. So z. B. schimpft man sich auf offener Straße ״Versiuchter Jude rc.!" Eine wie die andere Partei sucht sich Zeugen und nun wird die Sache dem Gericht übergeben. Hier wird der Beamte um Schlichtung des Streites angegangen, der sich auch die größtmöglichste Mühe gibt, den Streit zu schlichten — aber vergebens; es kommt zum Termin und eine der beiden Parteien verliert. Nun dankt man dem Beamten für feine Gefälligkeit dadurch, dass man seine Aeußerungen zu verdrehen, ihm Nichtbeachtung seiner contractlichen Verpflichtungen vorwirft und ihn dann U0I6L8 V016Q8 seines Amtes zu entsetzen sucht, während derselbe einen Contract auf längere Zeit hat. auch obendrein von der königl. Negierung angestellt ist, da derselben schon seit langer Zeit bekannt ist, wie die hiesige Gemeinde mit ihren Beamten verfährt. Kann denn die Gemeindevertretung etwas Nachtheiliges über die Führung des betreffenden Beamten nackweisen, so fragt sich wohl ein jeder Leser dieser Zeilen? Nein! Zeugniße der Stadtvertretung, wie überhaupt der Bürgerschaft bezeugen daS gerade Gegenibeil! Also aus welchen Gründen versucht es die Gemeinde zu Züllichau, ihren Beamten, der Familienvater ist, in's Verderben zu stürzen? Den Grund kann man sich nur in der tiefeingewurzelten Zanksucht der Gemeinde-Vertretung denken. Diese Gemeinde hatte seit dem Jahre 1873 nicht weniger denn 6 Cultusbeamte. Unter diesen Beamten wird dock wohl einer gewesen.sein, der der hiesigen kleinen Gemeinde genügt hätte, da doch jeder Beamte, respective Cantor, seine Gemeinde nach Kräften zufrieden zu stellen sucht. Aber man hat es brillant verstanden, sich der lästig gewordenen Cantoren zu entledigen. Auf offener Straße wurde einem Beamten in's Gesicht gespuckt, auch hat man es schon gewagt, einem derselben im Gotteshause Schläge anzubieten. Einen Beamten hat die Gemeinde abgesetzt, und wurde derselbe hiernach noch zu einer Gefängnisstrafe verurtheilt. Der Frau eines Anderen Hatte man zu einer Geldstrafe von 300 M. verholfen. Bei der Anstellung eines neuen Cantors am 13. October 1882, dessen Wahl im Gotteshause stattfand, suchte jeder Wähler mit feiner Meinung durchzudringen; so auch der Kaufmann Cohn; erregt setzte sich derselbe nieder und — verschied — wahrscheinlich vom Schlage getroffen. Ueber einen ausgesperrten Cantor berichtet die ,Frankfurter Oder-Zeitung" unter dem 30. Jänner 1883 aus Züllichau, ״dass der daselbst seit circa 72 Jahre amlirende Cantor sich trotz seiner Bemühungen und auch guten Leistungen die Zufriedenheit und die Sympathie des Vorstandes nicht zu erwerben vermochte, und zwar anscheinend, weil er ein wahrer Freund der freisinnigen Mitglieder der Gemeinde war, bei denen er sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Als der seltsame Cultusbeamte nun am letzten Freitag des Monats Jänner d. I. in die Synagoge gehen wollte, fand er das Gotteshaus verschlossen. Der sonst im Besitze der Schlüssel befindliche Wächter vermochte dem Wunsche des ausgesperrlen Beamten, die Thür zu öffnen, nicht nachzukommen, da der Vorsteher ihm die Schlüssel abgenommen hatte. Der Cultusbeamte konnte somit die Gebetftunde nicht abhalten. Hiernach ging der Beamte zum Bürgermeister und durch diesen wurde der Vorstand zuerst um Herausgabe der Schlüssel aufgefordert und dann, als er der Aufforderung nicht nachkam, mit einer später cxecutivisch cingezogenen Geldstrafe von 200 M. belegt." Dieser Canior hat es vorgezogen, seine Stelle, die ihm während seines kurzen Wirkens in der hiesigen Gemeinde soviel unsäglichen Kummer und Verdruß bereitete, wieder aufzugeben und ist bald darauf nach L. in Schlesien übersiedelt. Im Jänner 1883 veröffentlicht ein Cantor in der Zeitschrift: ״Der jüdische Kantor" zu Bromberg einen längeren Artikel mit der Ueberfchrifl: ״Ein Proceß zwischen Cantor und Gemeinde im Jahre 1873, den Herren College» zur Beachtung und Belehrung", in welchem derselbe erzählt, wie ihm die Gemeinde-Vertretung zu Züllichau aufgespielt hat. Derselbe wurde schriftlich engagirr. jedoch das Engagement nach einiger Zeit zurückgenommen. Der Cantor wurde nun. da man die Sache auf gütlichem Wege zu regeln keine Anstalten machte, gegen die Gemeinde klagbar, welche auch in beiden Instanzen den Proceß verlor. Trotz der Verurtheilung bequemte man sich aber nicht, ihn zu seinem Rechte kommen zu lassen, und derselbe schritt nun zum letzten Mittel — die Mitglieder des Vorstandes in Personal-

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