Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 22 (30.6.1884)
- Date
- 1884-06-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Schüler die jüdische Geschichte kennen. Ein elfjähriges Kind, welchem man die Frage vorlegte, warum das Purimfest eingesetzt wurde, antwortete: weil man die Megillab ließt. — Und warum liest man die Megillah? — weil eC Purim ist. Einer der Nabbiuen, welcher bereits seit 6 Monaten den Unterricht in einer Talmud-Thora ertbeilte, und den man srug, was er bis dahin gethan, antwortete: Ich war Gehilfe bei einem Schuhmacher. — Warum haben Sie Ihr Gewerbe gewechselt? — Mein Meister hat mich fortgeschickt und da ich keinen anderen Lebenserwerb fand, habe ich mich als Rabbiner für die Kinder niedergelassen, wie es auch mein verstorbener Vater getban. Es ist daraus ersichtlich, dass man die Stellung eines Lehrers nur im allerschlimmsten Falle ergreift, und dass dieses Amt von früheren Schuhmachergehilfen oder anderen, ebenso competenlen Leuten besetzt wird. Zu bewundern ist dies nicht, denn die armen Nabbinen verdienen kaum das zum Leben erforderliche Brod. Die Lebrer der Talmud- Thora wenden verschiedene Marterwerkzeuge als Disciplinarmittel an. Zuvörderst den im Orient sehr verbreiteten Falaka, ein dicker knotiger Stock, in welchem sich 40 Centim. von einander getrennt zwei Löcher befinden; hiedurch werden dann die beiden Enden eines langen Seiles gezogen. Das Kind wird auf die Erde g׳׳legt, seine beiden Füße werden von dem Seil zusammengeschnürr llnd zwei seiner Kameraden halten die beiden Enden des Stockes, während der Rabbiner mit einer Peitsche bewaffnet die Strafe austbeill. Zweitens kommt der Tombrnk, eine Art Handschellen aus Holz. Hier werden die Schläge auf die Hände gegeben, wogegen sie bei dem Falaka auf die Fußsohlen versetzt werden. Das Opfer schreit und bittet, doch da hilft nichts; der Rabbiner bleibt unerbittlich und gibt niemals weniger als 13 Schläge, wie die' Zahl der Wörter im 38. Vers (16) des 72. Capitels des Psalms. ,Die Israeliten zu Aidin sind im Allgemeinen sehr orthodx, aber .sie wissen Alle fast nichts von der Thora. Ihre materielle Lage läßt gleichfals viel, zu wünschen übrig; die Hälfte der Bevölkernng kann als arm betrachtet werden. Trotz der erstaunlichen Ertragsfähigkeit des Bodens und der verhältnismäßigen Bedeutnug des Localhandels, befinden sich nur wenige Familien im. Wohlstand, während es sehr reiche Leute gibt unter den Tüiken und׳ Griechen der Stadt. Die Gesammt-Bevölkerung von Aidin beträgt 30.000 Seelen, worunter 2900 Israeliten. Einige unter diesen sind Blechschläger, Schneider, Schuster. Das Hans Barki, das bedeutendste und angesehenste in Aidin, besitzt einen Dampfbetrieb zum Entkörnen der Baumwolle. Andere Iraeliten haben Gärten, Feigenanpflanznngen und Meiereien. Eine große Anzahl unter ihnen beschäftigt sich mit dem kleinen Handel; etliche unter ihnen arbeiten nur während 7 Monaten des Zabres und leben die übrige Zeit vom Betteln, oder auf irgend welche Art Es ist anznnehmen, dass der Mangel an Sicherheit unsere Glaubensgenossen daran gehindeit hat, sich der Bodencultur in einem so reichen und von der Natur begünstiglen Lande zu widmen. Der Boden, trotzdem er nur in der allerprimitivsten Art behandelt wird, ergibt in guten Jahren 12% von seinem Werth. Er würde fick viel höher verzinsen, wenn die Bewirthschaftnng nicht so fehlerhaft wäre und wenn die Sicherheit eS dem fremden Capital gestartete, den Bewohnern des Landes zu Hilfe zu kommen. Die Hanptproducte des Districts von Aidin sind: Baumwolle, Feigen, Süßholz, Getreide und Wolle. Man exportirt hiervon Millionen jährlich, und bilden sie die hauptsächlichsten Hilfsquellen des Vilazet. Das Gefühl der Solidarität scheint bei den Israeliten von Aidin nicht sonderlich entwickelt zu sein; sie haben keine Wohlthätigkeirsanstalt. Jedoch gibt' es Midraschim in Aidin und versammeln sich deren Mitglieder an bestimmten Tagen, um gemeinsam religiöse Vorlesnngen abzuhalten, wovon die Mehrzahl nichts versteht. Das Ergebnis einer Sammlung am Midrasch Nave Schalom dient dazu, arme junge Mädchen mit Mitgift und Ausstattung zu versorgen. Fünf junge Leute haben sich kürzlich zu einer Gesellschaft versammelt, welcher sie den Namen Leatid labo oder die Zukunft gegeben haben. Diese Gesellschaft hat bereits 5000 Fr. zusammengebracht; sie hat keinen bestimmten Zweck vor Augen, jedoch ist sie geneigt, einen Theil ihrer Gelder der Erziehung oer Kinder znzuwenden. Die Sitten und Gebräuche der Israeliten von Aidin gleichen denen von Tireh, doch ist der Typus, besonders bei den Frauen, regelmäßiger. Auch begegnet man in dieser Religion dem wahren osmanischen Typus, dem Mann des stolzen kriegerischen Aussehens. Die Landfraucn sind sehr arbeilstüchtig; oft_ sieht man sie zu Fuß ihren zu Pferde sitzenden Männern folgen. Es ist schwer, ein genaues Datum für die Niederlassung der Israeliten in Aidin zu bestimmen. Die Grabschriften reichen nicht über ein Jahrhundert zurück; kein berübmter Rabbiner wurde dort geboren. Die Familie Saragossi ans Aidin feiert am 18. Schewat eines jeden Jahres ein Fest, zur Erinnerung an ein Wunder, welches im Jahrs 5140 (1380) zu Gunsten der Israeliten Saragossa's, woher diese Familie stammt, staltgefunden haben soll. Die Begebenheit ist in einem Mannscrivt auf Pergament — Megillat Saragossi genannt — niedergeschrieben. Der Styl und die Abfassung der Erzählung erinnern sehr an diejenige des Buches Esther; am 18. Schewat eines jeden Jahres wird die Megillat Saragossi vorgelrageu. Hier folgt in kurzen Worten der Inhalt: ,Es gab in Saragossa 5000 Inden und 12 Synagogen. So oft es dem Könige gefiel, durch das Indenviertel zu kommen, eilten ihm die Inden von den Sefarim begleitet entgegen. Als die Nabbinen nach Uebereinkunft diese Sitte für eine Entweihung erklärten, beschlossen sie in Zukunft mit leeren Büchsen und den anderen Verzierungen der Sefarim auszuziehen und die Rollen in der Synagoge zu belassen. Ein getaufter Jude. Haim Sami, genannt Marcos, benachrichtigte biervon den König, welcher sich der Thatsache vergewissern wollte, um die Schuldigen zu bestrafen. Aber die Vorsehung beschützte die Juden. Am Vorabend eines bereits angemeldeien Besuches des Königs, erschien der Prophet Elias dem Samas Ephraim Baruch im Traume und gebot ihm, die Rollen, welche bereits ans den Büchsen genommen worden waren, wieder hinein zu legen. Ephraim beeilte sich diesem Befehle nachzukommen, und ebenso geschah es mit den elf anderen Samasim der anderen Synagogen. Am nächsten Tage, im Augenblick der Procession, erschien der König in Begleitung des Verräthers Marcos und seines Hofstaates, ließ sich die Kästen öffnen und' gegen sein Erwarten fand er darin die Sefarim. Der König ließ Marcos hängen, wie es Aßverns mit Haman gethan, überschüttele die Juden mir Wohlthaten und befreite sie während drei Jahren von allen Steuern. Zur Erinnerung dieser Begebenheit haben die Juden von Saragossa das Fest des 18. Schewat für sich und ihre Nachkommenschaft eingesetzt." Was dafür spricht, dass diese Legende auf einer historischen Thatsache beruht, ist, dass andere Familien Namens Saragossi, welche sich in Melasso und Smyrna niedergelassen, gleichfalls das Fest des 18. Schewat feiern. Fragenbeantunirtungen.! Zur Auflösung der in voriger Nummer von einem Collegen ausgestellten Fragen: ,Unter welchen Umständen es einem ׳אדק welcher von der מיתה bis zur קבורה, von allen מצות befreit