Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 21 (22.6.1884)
- Date
- 1884-06-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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— S - verhungern! Sind wir nun nicht Heuchler? Der Zude ist ein praktischer Mann; auch er geht in alle Welt und predigt, «der nicht durch Worte, sondern durch die That: Juden verhungern zwischen Juden nie. Ist der Jude also nicht unser Lehrer? ״Bei unseren Beerdigungen werden oft Summen ausgegeben, von welchen Lebende jahrelang existiren könnten. Und der Jude? Ob ihm der Todte bei Lebzeit tbeuer oder nicht theuer war, legt er ihn gleichmäßig in einen einfachen schwarzen Kasten und bringt ihn nach׳ dem Friedhöfe. .Der Jude ist nie Ritter gewesen, er hat aber auch nie Religionskriege geführt; ja. es liegt ihm sogar nichts daran, - Andere zu seinem Glauben zu bekehren. Auch ist der Jude nicht naturwidrig flott und er behauptet nie, das Leben sei das höchste Gut nicht. Er schätzt sein Leben und Anderer Leben aus einfachcm Selbsterhaltungstriebe und weil seine Religion rbm das vorschreibt.* Kleine Chronik. Kascharr (Eröffnung der neuen israelitischen Schule.) Eine kurze, einfache, aber warhast erhebende Feier fand hier statt, da die hiesige israelitische Muttergemeinde ihre eigene H.imstätte für die Kindererziehung eröffnete. Das neucrbaute Parterregebäude besindet sich im Synagogen- Hofe und mündet mit dem Haupteingang in die Spitalgasse und mit einem zweiten Eingänge in den Tempelhof. Auf der Stirnseite der Straßenfront trägt das Schulhaus tie sehr passende Inschrift: ״Felekezet a iiemzetisegnek“ (.Confession der Nationalität*). Die im Hochparterre gelegenen Localitäten bestehen aus vier Classen-, einem Directionszimmer und dem Berathungssaale. Vor diesen Räumlichkeiten läuft ein geschlossener Corridor. Von Außen war das Gebäude mit Nationalfahnen drapirt. Der Sitzungssaal, in welchem die Einweihung begann, ist ein äußerst elegant, zweckentsprechend eingerichteter, lichter und bequemer Raum. An den Wänden befinden sich: obenan die Oelporträts der Majestäten, an den Seiten jene der drei Minister: Eotvös, Tisza und Trefort, ferner die des Obergespans Darvas und des Bürgermeisters Münster. Der Saal war überfüllt von Gästen und eine große Menge drängte sich noch auf dem Gange und im Hofe. Von den zur Feier Erschienenen heben wir die Folgenden hervor: Obergespan v. Darvas, welcher bei ׳einem Eintritt mit Elsenrufen begrüßt wurde, Vicegespan v. Comaromy, Bürgermeister Herr Münster, Schulinspector Herr Dr. Carl Veredy, Edmund v. Barezay, Qberstadthauptmann Herr Saab, Schulstuhlpräses Leopold Szikay, der reform. Pfarrer Samuel Beky, der evang. Pastor Herr Theodor Scultety, Gymnasialdirector Benedek, Realschuldirector Herr Mauritz, der Direktor der Lehrerpräparandie Joh. Erdödy, Bürgerschuldtrector Martonssy, die Professoren an der Rechtsacademie: Dr. Alois Klekner und Dr. Laurenz Toth, sowie der Lehrkörper der angeführten Lehranstalteu, ferner die Magistratsräthe Loos und Timko, die beiden Handelskammerpräsidenten Novelly und Haliko, der volkswirth. Referent und Stadrrepräsentant Siposs und v. A. Zum Beginn der Feier ertönte vom jugendlichen Sängerchor ein Weihelied, der 24. Psalm, dessen Vortrag ergreifend sowohl als auch künstlerisch vollendet war. Angenehm überraschend wirkte darin ein langer Tenorsolo des Chormeisters und Obercanlors Herrn Moritz Schorr. Nach dem allerseits andachtsvoll angehörten Gesänge begrüßte Herr Dr. Kain, Vorstand dei hiesigen Jsraeliten-Gemeinde, die Anwesenden und besprach den Zweck der Schule, für die Zukunft arbeitsliebende, arbeitsfähige Staatsbürger und diese zu Patrioten zu erziehen. Er empfahl die neue Schule dem Schutze und der Protectiondes Publikums und der Behörden Kaschau's. Nach ihm sprach Schulinspector Herr Veredy, der die Eröffnung dieser Schule ein Ereignis nannte und .die Verdienste des Herrn Dr. Kain um den Schulbau gebührend hervorhob. Herr Timko sprach als Vertreter der Stadt wenige, aber kernige Worte, den Beruf der Kirche zur Menschenbildung und der Schule zur Patriotenerziehung betonend. Er wünschte dem neuen Institute erfolgreiches Wirken, damit wahr werde, was an der Stirne des Hauses steht: ״F616k6z6t a nemzetisegnek“. Nach diesem hielt Herr Schuldüector M. Rottenberg im Tempel eine Rede mit allseits beherzig, uswerthem Inhalt, in dessen Schluss- ,Amen' gewiss jeder gute Mensch einstimmen muss. Den Schluss der Feier bildete die Absingung des ״Szözat“, den der Chor wieder meisterhaft vortrug. Wir müssen hier constatiren, dass wir den dem Herrn Obercantor Ai. Schorr vorangegangenen guten Ruf vollkommen bestätigt fanden, denn nicht nur, dass er sich. als sehr guter Sänger selbst producirte, sind seine in kurzer Zeit erzielten Erfolge mit dem jugendlichen Chor wirklich bewundernswerth und freut es unS, auch im israelitischen Tempel den Kircheugesang so schön culiivirt zu sehen. Am Nachmittag unternahmen zahlreiche Gemeindeinitglieder, sowie die gesammten Schulkinder einen Ausflug nach Banko. Wir vermögen nicht, diesen trockenen Bericht zu schließen, bevor wir nicht das Verdienst Jener gehörig und würdig Hervorheben, die in der edlen Bemühung um die Vollendung der Schule' wetteiferten- Es sind dies die Baucommission und die Gemeiudemitglieder, aus deren Beiträgen die Baukosten bestritten worden sind; aber Allen voran müssen wir den unermüdlichen, hingebungsvollen und -werkthätigen Gemeindepräses, Herrn Dr. David Kain stellen. Irankfurt a. W. In unserer Stadt werden jetzt die Häuser des ehemaligen Judeuvrertels abgetragen. Der ״Cölnischen Zeitung* wird hierüber geschrieben: ״Ein Stück Allfrankfurt steht vor dem Untergänge; die Judengasse soll niedergerissen werden, und Neubauten werden an die Stelle der schmalfenftrigen Häuser treten, welche unserer duldsameren Gegenwart von der Zeit erzählten, da mau die Israeliten in ein Ghetto einzwängle. Ihren eigentlichen Charakter hatte die 1452 angelegte Judengasse schon seit geraumer Zeit verloren; die Freizügigkeit veranlasste, dass die reichen Juden aus- und dafür arme Christen einzvgen. Dann stürzten 1872 auf der Westseite mitten in der Nacht einige Häuser ein, wobei mehrere Personen das Leben verloren. Für den Fremden bildete die Judeugasse auch so noch immer ein eigenthümliches Bild, und Wenige versäumten es, sie zu besuchen, um sich das Haus Nr. 148 anzusehen, dess n geschlossenen Fensterläden zeigten, dass es nicht mehr bewohnt war, und dessen schlichtes Äeußere in nichts verrieth, dass die Familie Rothschild in diesem Hause den Grund zu ihrem Reichthum legte. Und noch ein anderes Haus zog die Augen der Fremden auf sich, dasjenige Nr. 118, mit der Marmorrafel, welche in fast unleserlich gewordenen Goldbuchstaben ankündet, Lass darin Ludwig Barne am 22. Mai 1876- I geboren wurde. Marokko. Auf Veranlassung des französischen Consuls wurde der hiesige Gouverneur zu einer Strafe von 1000 Dollars verurtheilr, weil er an einem Festtage mohamedanischen Knaben die Erlaubnis gegeben, jüdische Arbeiter mit Steinen zu bewerfen. Derselbe Cousul brachte es zuwege, Lass es den Juden in Wazzan erlaubt wurde,- mit Schuhen an den Füßen die Straßen der Stadt zu passiren. Ueber die schlechte Justiz, welche in unserem Lande noch herrscht, wollen wir nur folgeudes Beispiel anführen: In Larasche wird auf öffentlicher Straße ein Jude von einem Mohamedauer ermordet. Den Mörder, den man kennt, lässt man fortlaufen,׳ und-als der englische׳