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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-06-22 · Heft 21 (22.6.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 21 (22.6.1884)
Date
1884-06-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Bedürsniße entsprungen, den Tact recht bemecklich zu machen. Sollte nun dasselbe rhythmische Gefühl sich nicht auch in der Dichtkunst geltend gemacht haben, zumal, da wir wissen, dass Dichtkunst und Musik in den ältesten Zeiten eng verbunden waren? Ja noch mehr, die Psalmen waren eigentlich für rbythmisch-musikalische Aufführung bei den gottesdienstlichen Cböreu und Wechselgeiängen abgesasst, wie war dies möglich ohne Gleichmaß der Reihen, obne rhytmische Fügung der Glieder und Worte? Ist es denkbar, dass die Sprache der Texte den Forderungen eines musikalischen Ohres Trotz geboten hätte, und dass man dies Jahrhunderte lang ertrug, obne es zu fühlen und zu ändern? In der poetischen Schreibart der Hebräer gibt es ganz eigene, besonders verlängerte Wortsormeu.(ישרעתהי אימתה und dergleichen mehr). Aus dem gleich häufigen Gebrauche auch der gewöhnlichen Formen derselben Wörter siebt man. dass diese keineswegs der Poesie anstößig waren. Die Entstehung sener Verlängerungen kann also uriprünglich kaum eine andere Veranlassung gehabt haben als das Nedürsnis, im Versmaße eine Lücke anszusüllen. Wenigstens sind ähnliche Formen in allen Sprachen für das gleiche Bedürfnis vorhanden. Es lässt sich gar nicht anders denken, als dass der hebräische Dichter in dem ihm so eigenen Gedankenparallelismns sebr bald auch zu einem äußeren Gleichmaß der einander geistig entsprechenden Glieder, wenn dasselbe noch nicht da war, die natürlichfte Aufforderung finden mußte. In der That kann es selbst dem oberslächlichsten Ueberblickc nicht eutgehen, dass die parallelen Glieder einander au Länge und Wör'.erzabl auffallend entsprechen. Ja, diese Aebnlichkcit der äußeren Länge und der Wörterzahl findet nicyr blos zwischen den parallelen Theileu einer und derselben Reihe, sondern zwischen den ganzen Gedaukenreibeu selbst, und zwar durch ganze Gedichte statt. Schon Meyer und Lowth machen daraus ausmerksam, dass namentlich in den. alphabetischen Gedichten eine solche Längenähnlichkeir sianfinde. ,dass selbst in einzelnen Gliedern die Wörter, ja man möchte sagen, die Silben sich einander gleich sind', und es kann sich Jeder überzeugen, dass dieses auch in s ehr vielen uichtalphabeiischen Gedichten gleicherweise der Fall ist. Diele, ohne Zweiset gar nicht zu übersehende Erscheinung, w e i ch e m a u i u p r o s a i s ch e u Stücken vergebens suchen wird, war allein das positiv Nichtige, welches allen bisher ausgestellten Systemen, so falsch auch die befolgten Regeln waren, wirklich zu Grunde lag, und welche solchen Systemen in den Augen ihrer Erfinder jene Uunmstößtichkeil gab, au die sie so fest glaubten. Ohne jenes wirklich gegebene Gleichmaß würde es G r e v e nicht vermocht haben, ganze, lange Gedichte hindurch eine gleiche Länge der Verse nachzuweisen, und Anton nicht, einander durch gleiche Verslänge entsprechende Strophen und Antistrophen? Willkürlichkeiten der Orthographie und Beronung.konnten hier wohl keine Unebenheiten 'gleichmachen, aber die Grundzüge jener Regelmäßigkeit konnten dies nicht erzeugen, sie mußten schon im Texte selbst vorbereiter sein- In der That haben israelitische Forscher eine gleiche Zahl der Glieder, ja selbst der Silben, bei mänchen Stücken wirklich nachgewiesen. So macht aus gleiche Silbeuzahl z. B. in Syr. 10, 5. Ps. 119, 146.!46, 9. R. Moses ben Chabib aufmerksam. In Sckilte haggiborim wird dasselbe von 4. Mos. 21, 17. nachgewresen. Der Gelehrte R. A s a r i a, dessen großer Belesenheit weder die Anmerkungen des P h i l o und I o s ep h u s, noch die der Kirchenväter entgingen, sucht die Hexameter, von welchen Josephus und die anderen Schriftsteller sprechen, gleich, wie die drei- und vierfüßigen Verse in einer entsprechenden Anzahl von Gliedern nachznweisen (ein jedes Glied besteht nämlich aus einem Worte oder auch aus zwei kleine!: verbundenen Wörtern). So hat der Vers: מים l וברוח 1 אפך 1! נערמו zwei Dimeter, d. i. vier Melra,.Füße oder Glieder. Die Verse . אמרי־פי I ואדברה 11 ותשמע 1 הארץ i האזינו 1 השמים יערף 1 כמטר 1 לקחי 11 תול 1 כטל 1 אמרתי bestehen aus je drei Metren, welche zusammen sechs Metra geben. So bestehen nun, sagt er, der Gesang 5. Mos. 32 und daS Lied Debora's aus Halbreihcn von drei Metren (Gliedern), dieses gebe für die ganzen Reihen sechs Metra nach Art der so berübmten beroischen Dichtungswei.'e (שיר אירויקו), d. i. des Hexa- Meters. Diese sinnige Idee hat Moses Mendelssohn (bei 2. Mos. 15.) noch Weiler ausgesührt. Jndtzs, wer sieht nicht, dass wir selbst hiermit noch nicht am Ziele stehen? Wer kann sich wohl denken, dass Moses und David und die anderen heiligen Dichter der biblischen Gesänge in den! Fluge ihrer Begeisterung Silben oder auch Wörter gezählt hätten? Und zu welchem Ende sollte dies auch geschehen sein? Die!e Gesänge wurden ja nicht für das Auge, sondern für die erhabensten Bedürsniße des Herzens verfasst. Wenn alio der Sanier bei der Form seiner Dichtungen!roch aus Fnvas Rücksicht nabm, so waren es sicher die rhythmischen Anforderungen des Obres bei ihm und seinen Zuhörern, denn diese wurden zunächst gehört in den Chören des Tempels oder in den Volksverlainmlunzen (5. Mos. 31, 30.). Dieses Verlangen nach Rhythmus konnte aber nicht durch eine Gleichzahl, sondern nur durch ein Gleichmaß der Worte und Silben besri.digt werden. In der That kann man sich auch leicht überzeugen, dass, wie gering auch die Verschiedenheit der Silbenzahl mehrerer Reihen oft ist, doch auch andererseits nur selten eine vollkommene Gleichheit derselben statlsinde. Und was die Gleichzahl der Glieder betrifft, ׳ so bat man auch hier die Bemerkung gemacht, dass oft statt dreier Glieder nur zwei stehen, wenn etwas größere Wortformen sich sinden. Dieses zeigt klar, dass die Gleichzahl der Silben und Glieder hier keineswegs dar Letzte ist, ans rvelchcs es abgesehen war, denn in diesem Falle könnte ja die kleinere oder größere Form der Wörter entweder ganz gleichgiltig sein, oder die Silben müßten durchaus genau gezählt werden, sondern dass sie selbst einem anderen, höheren Gesetze untergeordnet!vac, welches bei den Reihen sich geltend machte. Und welches andere konnte dies sein, als das Gesetz des Nhylmus? Die Gleichzahl mit einander harmonirender metrische r Glieder oder Füße? Vergleichen wir eine Reihe deutscher oder griechischer Hexameter, so werden wir aus denselben Gründen selten vollkonunene Gleichheit, aber auch nie zu große Verschiedenheit in der Zahl der Wortglieder oder selblt der Silben sinden, weil das gegebene Maß von sechs Verssüßen zwar jene nicht fordert, aber auch diese nicht gestattet. Das unbestreitbare Resultat aller dieser Betrachtungen scheint uns zu sein, dass wir Grund genug haben, irgend eine Ar! von Nhylmus in der Poesie der Hebräer anzunehmen, und dieser Nhytmus ist es, der, ehe man noch Glieder und Silben zu zählen versuchte, und ehe jene anderen Systeme aufgestellt wurden, zunäwst sich dem Ohre und Gefühle des Lesenden be-!üerkbar machte, ohne dass man sich der -Regeln, auf denen er beruhte, bewusst werben konnte. Dieser rhytmische Klang der Psalmen und anderer Bücher entging, wie bereits oben angeführt wurde, großen Kennern der Sprache dieser Bücher nicht, ihn hörten vor Allem auch die Erfinder jener Systeme. Auch R. Moses ben Chabib sagt ausdrücklich, 'dass es auch eine zweite Art von Versen gebe, bei welchen eine Ungleichheit der

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