Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 20 (14.6.1884)
- Date
- 1884-06-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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e - Ueberlritt der Grenze erforderlichen Papiere; und wollte sie endlich die rumänische Behörde als ausweis׳ und subsistenzlos über die Grenze befördern, so wäre eben zuerst die Frage zu -beantworten, wohin wohl solche Schüblinge abzusetzen seien! .Damit, ist aber auch zur Genüge erwiesen, wie sehr berechtigt .die Bedenken waren, welche von Seile Oesterreich-Ungarns gegen das Verbot des Hausierhandels erhoben worden sein sollen. Man geht eben in Rumänien bei Lösung der Iudenfrage ganz anders zu Werke, als es in den Absichten des Berliner Congresses war, als derselbe die Anerkennung der Selbständigkeit Numäniens von der Erledigung dieser Frage im Sinne der Humanität abhängig gemacht hatte; und wenn auch die durch das Hausirverbot in Rumänien hervorgerufenen Verhältniße nichr derartiger Natur sind, daß sich die Diplomatie auf's neue mit der Regelung der Rechtsverhältnisse der Israeliten im unabhängigen Königreiche Rumänien beschäftigeil könnte, so n׳äre es doch wahrlich nicht zu billigen, wenn man diese in der Thal mehr als traurigen Verhältniße nicht mit völligem Schweigen übergehen würde. Freilich sucht die Privatwohlthäligkeit oas Loos der armen Hausirerfamilien so viel als möglich zu mildern, und hat namentlich der schwedische Consul in Braila, Herr Mendel, durch einen Aufruf zur Unterstützung der brodlos gewordenen Familienväter ein nachahmnngswürdiges Beispiel gegeben. Doch ist die Frage, um welche es sich handelt, eine solche, daß sie auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise zu erregen völlig geeignet ist. ■ Wien. Der .Neuzeit* vom 6. d. Ni. entnehmen wir: Bei der Trauerfeier für den seligen Präses der Cultusgemeinde Dr. Zg. Kuranda, welche der Gemeindevorftand im Bethause der inneren Stadt veranstaltete, wurde ein deutsches Lied, nach dem 43. Psalm in Musik gesetzt von Obercantor Singer, gesungen. Die Composition ist eine sehr gelungene, gibt den Text in Tönen treffend wieder und versetzt die Seele allmälig in eine ruhige Stimmung voll Ergebung. Die schöne und rührende Melodie fand großen Beifall, so dass Las Lied zur Todtenfeier am zweiten Tage des Wochenfestes wieder vorgetragen wurde und verfehlte auch das zweite Mal nicht, einen tiefen Eindruck auf die große Versammlung im Bethause zu machen. Besonders die Frauen fühlten sich von dem Gesänge, dessen Psalmtext sie verstanden und der ihnen zu Herzen ging, tief ergriffen, so dass einige Damen der Cultusgemeinde den Herrn Obercantor Singer ersuchten, ihnen einen Clavierauszug zu geben, damit die ansprechende Melodie auch zu Hause gespielt werden könne. Dieser Erfolg ist nicht zu unterschätzen, da es ein großer Fortschritt zum Bessern wäre, wenn die Tempelmelodien in den jüdischen Familien heimisch würden. Die Entstehungsgeschichte dieses deutschen Liedes zur Seelenfeier und dessen Ausführung sind selbst sehr rührend. Der selige Dr. Kuranda war feit längerer Zeit damit beschäftigt, ein passendes deutsches Lied für die ״Haskara“ zu wählen, um den Wunsch vieler Frauen in der Gemeinde, die von der hebräischen Liturgie nichts verstehen, zu erfüllen. Der nach Psalm 43 gedichtete Text gefiel ihm und — siehe da, das Lied wurde zum ersten Male gesungen, als die Gemeinde ihrer Trauer um das Hinscheiden ihres verehrten Präses feierlichen Ausdruck gab. Es bewährte sich da der Spruch der Weisen: ״Gutes tritt auf Veranlassung des Guten in's Dasein!" Herrn. Obercantor Singer gebührt der Dank dafür, dass er einen schönen Psalmvers in deutschem Gewände rasch populär gemacht hat*). *) Diese Anerkennung der Leistungen unseres verehrten College», Obercantor Singer, in einem Blatte, das sonst nicht gewohnt ist, die Ver- Dienste der Cantoren zu würdigen, erscheint uns als ein bedeutender Erfolg seiner Wirksamkeit, zu dem wir ihm herzlichst Glück wünschen. Die Red. Aus Waiern. Nach ber ״Münchener allg. Zeitung* hc? der Magistrat der baierischen Haupt- und Residenzstadt den Betrag von Mark 10.000 zum Baue, einer neuen, zweiten Synagoge daselbst bewilligt, deren Errichtung sich nach Zunahme der israel. Mitglieder für unabweisbar herausstellte. An Mannheim mußte vor Kurzem ein Officier i. N. durch moralische Pression aus dem Heeresverbande treten, weil er eine Jüdin — zudem eine getaufte aus einer in Städtischen und Negicrungskreisen höchst angesehenen Familie — zu heiraten beabsichtigte, und seitdem vermuthlich bereits geehlicht hat. — Ein Gesuch um Versetzung in ein anderes Regiment, wie auch die wiederholte Bitte um Abhilfe gegen diese antisemitischen Chicanen wurde abschlägig beschieden und blieb auch das Ansuchen an den deutschen Kaiser, als obersten Kriegsleiter, erfolglos, weshalb diesem nichtisrael. Angehörigen der glorreichen deutschen Armee im Lande der Gottesfurcht und frommen Sitten nichts übrig blieb, als seinen Abschied zu nehmen, da er von seiner Braur nicht lassen wollte. Berlin, 5. Juni. Gestern ist dahier ein Congreß der Rabbiner Deutschlands zusammengetreten, der für das deutsche Judenthum von großer Bedeutung zu werden verspricht. Die Anregung zu diesem Congreß gab das Rabbinat der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Dr. Ungerleider, Dr. Frankl, Dr. Maybaum, welchem sich 41 der ersten Rabbiner sofort anschlossen und folgende höchst beachtenswerthe Einladung gemeinschaftlich Unterzeichneten und -an sämmrliche Rabbinen Deutschlands ergehen ließen: ״Verehrter Amtsbruder! Die beklagenswerthen Ereignisse ber letzten Jahre haben wohl auch in Ihnen wie in allen College» das Bedürfniß wachgerufen, zur ,Wahrung ber Ehre des Judenthums nach außen, wie zur Kräftigung des religiösen -Sinnes im Innern, eine gemeinsame Berathung der Rabbiner Deutschlands herbeizuführen. —- Um diesem tiefempfundenen Bedürsniße zu genügen, erschien es uns dringend geboten, eine allgemeine Versammlung der Rabbiner Deutschlands nach Berlin einzu-. berufen, zu der wir Sie hierdurch auf den 4. und 5. Juni d. I. ergebenst einladen. Die zur Discussion gestellten Gegenstände sind: 1. Oeffentliche Erklärung, die interconsessionelle Stellung des Judenthums betreffend, 2. Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts, 3 Bildung eines Verbandes der Rabbiner Deutschlands. Jeder religiöse Differenzpunrt ist von der Discussion ausgeschlossen u. s. w. — In Anbetracht der heiligen Interessen, zu deren Wahrung die Versammlung berufen ist, dürfen wir mit Zuversicht erwarten, daß keiner unserer Amtsbrüder bei der Berathung fehlen wird.* — Die Vorarbeiten für den Congreß hatre der Rabbiner Dr. Ungerleider in Berlin übernommen. — Unter den auf dem Congreß erschienenen Rabbinern werden genannl: Rabbiner Dr. Ziemlich aus Nürnberg und Dfftrictsrabbiner Dr. Grüuebaum aus Landau. — Zum Punkt 1 der Tagesordnung ist seilens Der Einbernfer der Entwurf einer öffentlichen Erklärung, die interconfessionelle Stellung des Judenthums betr., den Mitgliedern des Congresses unterbreitet worden, welcher folgenden Wortlaut hat: ״Das Gebot der Nächstenliebe, welches im 3. Buch Moses Cap. 19, V. 18 mit den Worten: ״Und du sollst lieben deinen Nächsten, wie dich selbst, ich bin der Ewige!* verkündet wird, be> zieht sich nichr allein auf den Stammes- oder Glaubensgenossen, sondern ist, ebenso wie das daselbst CapI 24, V. 22 verkündete Gebot Der Gerechtigkeit: ״Ein Recht sei euch, der Fremde sei wie der Eingeborene, denn ich bin der Ewige, euer Gott!* als ein uneingeschränktes, alle Menschen umfassendes Gebot anzusehen. -— Jeder, der sein Menschthum darin bekundet, daß er Gerechtigkeit übt, Liebe bethätigt und in Demuth wandelt vor Gott, gilt, dem Judenthum, auch wenn er in einem anderen Bekenntni s geboren ist, als theilhastig d.er ewigen Seligkeit, nachdem Spruche R. Josuas : ״Auch