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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-06-14 · Heft 20 (14.6.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 20 (14.6.1884)
Date
1884-06-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 gerührt, in süßem Nichtsthun weiter verharrt, der kennt nicht die Pflichten, die er seinem Stande, sich und den Seinigen gegenüber zu erfüllen hat und wird dies später gewiss tief bedauern muffen. Darum lasset uns treu und brüderlich Zusammenhalten, Einer für Alle, Alle für Einen, und unserem Werke kann der Erfolg nicht ausbleiben. Ueber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XV. Und das Publikum? Nun, das Publikum, es möchte in seiner Gewohnheit nicht gestört, in seiner Lieblingsbeschäftigung nicht beirrt sein. Eine bekannte, nun längst Heimgegangene Freifrau v. L . . . . äußerte beim Anhören eines Sulzer'schsn Gottesdienstes: ,Das ist kein Ohasen, das ist ein Galech, in diese Synagoge geh' ich nicht: denn da kann man nicht beten'.! Doch Sulzer wußte wohl, dass die Befriedigung einer aus fachmännischer Erfahrung resultirenden Gestaltungswelt mehr gilt als die Beurtheitung des Laien. Die autonome Verwaltung unserer Gemeinde liefert den Erklärungsgrund hiefür, dass unsere Glaubensbrüder den Chasen nach ihren Intentionen heranzubilden bestrebt sind, diejenigen würdigen, welche in der Synagoge ״unterhalten' und diejenigen verurteilen, welche, der geschichtlichen Entwickelung folgend, einen Schritt vorwärts gehen. Nicht Jedermanns Sache ist es jedoch, den lieben, bekannten, wenn auch ausgefahrenen Weg, gedanken- und planlos weiter zu schlendern und einer verwerflichen, aber sicheren Wirkung zu Liebe, seine Ideale zu zertrümmern. damit zu brechen, was er durch rastloses Streben und eifriges Studium als Leitstern seines Wirkens anerkannt.״ Ja wohl! auch die Sülze r'schen Bestrebungen, die nun allgemein anerkannten, allgemein geschätzten haben ihre Leidensgesckichte wie alles Hobe und Edle, welches stets nur von der allerdings maßgebenden Minderzahl der Mitmenschen anerkannt und gewürdigt wird; ein Werk, das einer fachmännisch-durchbildeten Gedankenwelt, einem edlen Zielbewußtsein entkeimte, bei dem jedoch auch der Hinblick auf die geschichtliche Entwickelung nicht außer Acht gelassen ward, bleibt unter allen Umständen ein Kunstwerk und mit diesem Na god’lu etc. schuf Sulzer ein Kunstwerk edelster Art. Richten wir nun unser Augenmerk auf die Bedingungen, welche bei jedem schaffenden Künstler, also auch bei Sulzer. vorausgegangen sein müssen, um ihn zum Schöpfer solch' eines Werkes geeignet zu machen, so müssen wir entschieden zur Ansicht gelangen, dass die gewonnene Anschauung, d. h. Anhören und Studiren der Musik-Classiker und der Gvttesfunke ״Genie" sich in heiliger Umarmung küßten. Ja, gewonnene An׳ sckauung! Das Vertiefen in die Gliederung formvollendeter Schöpfungen soll dem angehenden Künstler die Richtung vorzeichnen, die er zu wandeln habe, Vorlegeblätter zum getreuen Darnachrichten für den Kunstnovizen, zur Weckung und Verfeinerung des Geschmackes, zur Kräftigung und Erweiterung der! eigenen Ansichten sind allerdings äußerst nöthige Hilfsmittel — allein, fragen wir, wären Epigonen der Malerkunst mit eigener Richtung möglich, wenn die Kunstjünger zum ewigen Copiren selbst Nembrandt'scher und Nafacl'scher Originale gezwungen wären? Und erst beim Synagogen-Neeitativ, welches lediglich der Ausfluss momentaner Gefühlsregung ist, unter allen Umständen und Verhältnißen zum ewigen Nachsingen einzelner Piecen verdammt zu sein? Unmöglich! Darum müssen wir an dieser Stelle unser tiefstes Bedauern darüber aussprecken, dass Nestor Sulzer so ängstlich darüber wacht, nur seinen Na god’lu maasecho und beileibe kein von einem Andern componirtes Nccitaliv in den Gebelshänsern Israels vorgetragen zu wissen.*) Soll denn das Synagogen-Neeitativ dort stehen bleiben, wo es vor 40 Jahren stand? Müssen unsere Componisten in ihren ähnlichen Arbeiten eine ewige Generalpause eintreten lassen? l *) Diese Sonderbarkeit haftet übrigens auch anderen׳ unserer Compo - nisten an. Rabbi Raschi von M. Goldschmidt. Rabbi Raschi lebte im elften und zwölften Jahrhundert (1040 bis 1105) und war in Troyes in Frankreich geboren. Sein Name wird heute noch' neben dem des berühmten jüdischen Gelehrten Maimonides mit großer Ehrfurcht genannt. Er schrieb einen Commentar zur Thora und zu mehreren Propheten, sowie eine Erklärung zum Talmud, ein wahres Riesenwerk, ohne welches man jenes dunkle Buch rabbinischer Weisheit nicht würde verstehen können. Außerdem war Rabbi Raschi ein großer Mathematiker und ein außerordentlich frommer Mann. Als Rabbi Raschi alt geworden war, wünschte er zu wissen, wen er zu seinem Gesellschastsbruder im Paradiese haben sollte; denn es fiel ihm natürlich gar nicht ein, auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, dass ein so gelehrter und rechtschaffener Mann, der niemals die Ceremonien überschritten hatte, in Edens Garten auf einem goldenen Stuhle mit einer Perlenkrone auf dem Haupte sitzen und sich an der Herrlichkeit Gottes sättigen werde. Aber er wollte doch gern wiffen, mit wem er zusammen an demselben Tische sitzen müffe (denn die Frommen sollen paarweise sitzen). Nachdem er gefastet und lange gebetet harte, offenbarte sich auch Gott vor ihm in einem Traume and theilte ihm mit, dass sein zukünftiger Kamerad Abraham ben Gerson, mit dem Beinamen Zadik, in Barcelona sein werde. Als Rabbi Raschi dies in Erfahrung gebracht hatte, verspürte er - große Neigung, die Bekanntschaft seines zukünftigen Nachbars schon in diesem Leben zu machen, und begab sich in Folge dessen auf den Weg nach Barcelona. Er malte sich im voraus das Aussehen seines Freundes im Paradiese aus: ein mageres, blasses Gesicht, tiefliegende Augen, langer Bart, krummer Rücken, zitternde Beine, ein Mann, der Tag und Nacht das Gesetz studirt, gesaftet und gebetet habe; denn nur ein solcher verdiene den Beinamen Zadik (der Fromme). Wie groß war daber Rabbi Naschi's Verwunderung, als er׳ nach Barcelona kam und keinen Abraham Zadik fand. Zwar waren Mehrere durch diesen Zunamen geehrt worden; aber sie hießen nicht Abraham ben Gerson. — Endlich fragte er, ob denn nicht in der Stadt ein Mann wohne, der Abraham ben Gerson heiße? ,Wie,' rief man, ״meint Ihr Don Abraham, den Reichen? Wie kommt ein Mann wie Ihr dazu, nach einem solchen Heiden zu fragen, der Alles thut, was Gott verboten hat? Das ganze Jahr kommt er in keine Synagoge und dazu speist er Unreines! Den wollet.Ihr besuchen, Rabbi Raschi?" Das ist ein schöner Kamerad, den ich haben soll, dachte der Rabbi bei sich, aber begab sich dennoch auf den Weg zu Don Abraham.

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