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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-06-06 · Heft 19 (6.6.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 19 (6.6.1884)
Date
1884-06-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— s - Kleine Chronik. Wien. Sonntag den 1. Zuni ist in Baden bei Wieneiner der verdienstvollsten und bekanntesten Vertreter der österreichischen Zudustrie,' Herr Adolf P o l l a k Ritter v. 9t u d i n, Chef der Firma; A. M. Pollak, in Folge eines Schlagansalles im 68. Lebensjahre plötzlich gestorben. Er hatte das Verdienst, die Zündwaaren-Fäbnkation in Oesterreich aus eine so hohe Stufe der Vervollkommnung gehoben. zu haben, dass seine Erzeugniße auf dem Weltmärkte die Concurreuz mit allen ausländischen Producten siegreich behaupteten und bis in die entferntesten überseeischen Länder exportirt wurden. Er hat das österreichische Zündhölzchen zu einem Artikel des Welthandels gemacht, und durch die Etiquetrten seiner Zündhölzchenschachteln ist sein Name - in Nord׳ und Südamerika wie in Australien, China und Japan populär und wohlbekannt geworden. Einen nicht minder ehrenvollen Ruf erwarb er sich aber auch durch seine Humanitären Werke und Stiftungen, denen er große Summen seines Vermögens widmete. Pollak war im Jahre 1817 in Wscheraditz (Bezirk Horzowitz) in Böhmen geboren worden und—wendete sich schon als junger Mann auf Grund sorgfältiger Vorstudien der technischen Industrie zu- Noch nicht 20 Jahre alt, gründete er im Jahre 1836 in Prag eine Zündwaarenfabrik, die einen so günstigen Aufschwung nahm, dass er schon im ersten Decennium ihres Bestandes nach dem Orient exportiren konnte. Er errichtete ferner 1846 eine Niederlage seiner Fabrikate in London, 1847 eine solche in New-Pork und begann 1849 seine Zündwaareu bis nach Californien zu senden. Im Jahre 1850 gründete er eine Niederlage in Siducy und in Len folgenden Jahren dehnte er den Export seiner Produere auf die Hauprhandelsplätze von Südamerika aus. Von 1858 au betrieb er den Export nach China, er׳ richtete im Jahre 1859 ein Waarenlager in Pokohaiua und erhielt 1860 die Bewilligung für den Import seiner Artikel in ganz Rußland. So beherrschte er thatfächlich mit seinen Erzeugnißen den Weltmarkt, und erst allmälig ist es der französischen und englischen Industrie gelungen, ihren Producten neben den Pollak'fchen Fabrikaten in den außereuropäischen Ländern Absatz zu verschaffen. Von seinen Fabriken gingen die meisten neuen Erfindungen und Verbesserungen in der Züudwaaten-Erzeugung aus, die dann allgemein nachgeabmt wurden, und seine Znudwaareu sind in allen Ausstellungen mit den ersten Preisen prämilrl worden. Die Hauptsabriken Pollak's für die chemische Fabrikation waren in Prag, Budweis und Wien; durch die Zweig-Etablissements in Christiansberg, Maderhausen und Woduitza verschaffte , er nicht nur dem Holzreichthume des Böhmerwaldes lohnenden Äbsatz, sondern auch der armen Gebirgsbevölkeruug jener Gegenden reichlichen und stetigen Verdienst. In seinem Humanitären Wirken bekundete sich zugleich das Verständnis und Interesse, welches er für die Förderung der Volksbilduug und der wissenschaftlichen Studien hegte. Schon in früheren \ Jahren gründete er Schulbücherstiftungen in feinem Geburtsort Wscheraditz, in Smichow und Budweis, in Schärfling und in Wien. Eine Stiftung von 3000 fl. Capital bestimmte er für Söhne öfterreichifcher .Militärs. In Wscheraditz dotirle er eine zweite Lehrerftelle an der dortigen Volksschule. Ein großartiges Denkmal, mit welchem sein Name stets ehrenvoll verbunden bleiben wird, ist endlich das Rudotphininn in Wien, welches er zur Erinnerung an Die Geburt des Kronprinzen errichtet hat. Es ist dies bekanntlich ein Stiftnngs- Haus, in welchem alljährlich 75 Hörern des Polytechnieums nicht nur freie Wohnung und Verpflegung, sondern auch alle Hilfsmittel und Behelfe für ihre Studien in liberalster Weife unentgeltlich geboten werden. Das Gebäude wurde am 19. December 1868 in Gegenwart des Kaisers und des Kronprinzen eröffnet. Schon viele ausgezeichnete Schüler der Wiener technftcheu Hochschule haben ihre Studien,, zu denen ihnen die eigenen Mittel fehlten, im 9tudolph.num abfolvirt. Wie trefflich dieses Institut eingerichtet ist, beweist der Umstand, dass dasselbe ein eigenes Laboratorium für 15 Studirende der Chemie enthält. Abgesehen von den hohen Kosten des Baues und der ,Einrichtung. hat der Stifter ein Capital von l 60 000 fl. für die Er- Haltung der Anstalt gewidmet und die Zinsen von weiteren 5000 fl. zu Prämien für Hörer der Technik bestimmt, welche während ihrer Studien hervorragende Leistungen in der Physik oder Chemie anfzuweisen haben. Seine letzte humanitäre Stiftung — eilt Kindergarten in Baden für hundert Kinder ohne Unterschied der Eonfession 7— > sollte er nicht mehr in Wirksamkeit treten sehen. Die Anstalt, für ' deren Errichtung er im heurigen Frühjahre einen Bauplatz in der Lessinggasse ankanste, ist jetzt im Ban begriffen. Für seine Verdienste auf industriellem Gebiete und für .sein humanitäres Wirken hat Pollak im Jahre 1858 das goldene Verdienstkreuz mit der Krone, nach der Londoner Ausstellung von 1862 den Franz Josephs-Orden und nach der Errichtung des Rudolphinums im Jahre 1868 den Orden der Eisernen Krone dritter Classe erhatreu, auf Grund dessen er 1869 in den Adelsstand mit d.e!n Prädicate ,von Nudin' erhoben wurde. Sein Ableben ist heute Morgens dem Kronprinzen Rudolf als Protector des Rndolphinums augezeigt worden. Vom Gebäude dieser Stiftung weht zum Zeichen der Trauer über den Verlust des Gründers eine schwarze Fahne. Wien. Die ״Neue freie Presse" enthält in der Nummer vom 1. Juni eine Besprechung der Memorien Hftne's, der wir folgende höchst interessante Stelle entnehnien: Es kann nicht fehlen, dass in den Memoiren Heine's auch hin und wieder Streiflichter aus das Judenthum fallen, von dem er das Große und Ewige anfzusassen und das vielfach Lächerliche seiner endlichen Erscheinung darzu stellen gleichbegabt war. Fast nur unter Eltern und Verwandten verkehrend, äußert er sich in vorwiegend freundlichem Sinne über Juden und jüdische Dinge. Sollen wir, eben von einem auserlesenen Genüsse herkommend, undankbar sein gegen das Judenthum, das uns Deutschen in Heinrich Heine einen großen Dichter geschenki hat? Aus der drangvollen Gegenwart retten wir uns zurück in den Bereich der Geschichte. . Ein wunderbares Volk, diese Inden! So eigenthümlich in ihren Anlagen, als seltsam und merkwürdig in ihren Geschicken. Sie bilden ein scharfes und beharrlich wirkendes Ferment in der christlichen Geschichte, überall durch die Macht des Geistes und eine unübertroffene praktische Begabung entschieden eingreifend in' die höchsten und beschämendsten Fragen der Memchheit — große Philosophen und Gottesgelehrte, große Dichter und Tonkünstler, große Mathematiker und Finanzmänuer. Eine Geschichte des Judeuthums in diesem Sinne, als eine Art Biographie des ewigen Juden, dessen Bart sich in der Spitze stets verjüngt, wäre ein Buch, in welchem sich die ganze Bildnngsgeichichte der christlichen Menschheit auf's würdigste spiegeln würde. Auch nur den Einfluss des jüdischen Geistes aus die moderne Biltungsgesclftchte des deutschen Volkes zu schildern, wäre eine lockende Ausgabe. Da müßte der Geschichtschreiber reden von jener intellectnell wie sittlich großartigen Gestalt deä Benedict Spino.a und seinem Einstuss auf die deutsche Philosophie; er mutzte daS Verhältnis Moses McndelSsohn's zur deutschen Literatur schildern, und namentlich wie er geistig milgearbeiier an Lessing'S jchöner Dichtung von der religiösen Toleranz; auch den Eiiistujs, den das Hans Rothschild und andere jüdische Häuser aus die Finanzverhättnisse der deutschen Staaten genommen, dürfte er auf keinen Fall mit Stillschweigen übergehen. Dann käme auch Jacob Meyerbeer an die 9ieihe, der für das deutsche Volk eine geschichtliche Oper geschaffen; Felix Mendelssohn nicht zu vergessen, der, als die großen Sprosser in den germanischen Wäldern verstummt waien, seinen reizenden Gesang erhob, die verknöcherten Formen der Kammermusik zu neuem Leben aufrüttelte und dem vierstimmigen Männergesang wieder einen

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