Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 18 (29.5.1884)
- Date
- 1884-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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größte Gewicht geben. Umsomehr ist es zu bedauern, dass wir über die musikalischen Ausdrücke und Bezeichnungen der Hebräer, gleichwie über die Einrichtung ihrer Instrumente so vielfach im Dunkeln sind. Denn wiewohl man, nach der Meinung eines Gelehrten, ungefähr anderthalb tausend Schriftsteller annehmen kann, die über diese Materien Untersuchungen angestellt, so ist es ihrem Scharfsinne doch nickt gelungen, so manche Zweifel, die hier obwalten, zu lösen. Allerdings sollte man von den Betrachtungcn der Musik sowohl als der Instrumente der heutigen Orientalen manchen Aufschluss über die Archäologie dieser Kunst erwarten, zumal bei der Bemerkung, dass in jenen Ländern Lebensweise und Sitte sich weniger ändert als anderswo; aber vergleich! man den hohen?)Lang, den diese Kunst in Kreisen annahm, die Könige ihr angewiesen, vergleicht man die ansge׳. zeichnete Stellung, welche jene alten Sänger und Meister einnahmen, mit den Lerhälrnißen des heutigen Orients, so sieht man, dass gerade in den hieher gehörigen Beziehungen so Vieles dort anders ist, als bei den alten Hebräern, dass man. nur in einzelnen Fällen, und auch da mit großer Behutsamkeit, einige Rückschlüsse zu machen sich erlauben darf. Die Hebräer hatten Saiten-Znstrumente. Blas- und Schlag- Instrumente. Das Wort für Saiten überhaupt kommt Ps. 190, 4 vor und heißt: מנים» Instrumente mit Saiten sind נבל und כנור. Alan hat über die etwaige Verschiedenheit dieser beiden nicht reckt iu's Klare kommen können, ebensowenig wie bei der griechischen Lyra und Cither. Indes dürfte uns wohl hierbei die Bemerkung, zu Hilfe kommen, dass wir überhaupt zweierlei Gattungen von Sailen-Instrumenten finden, nämlich solche, bei welchen die Saiten über einen Resonanzboden hinlaufen, wie bei der Guitarre und dem Clavier, und andere, bei welchen die Saiten nur an ihrem einen Ende mit dem Resonanzboden in Verbindung gesetzt sind und also an beiden Seiten frei stehen, wie bei der Harfe. Man könnte jene Cither-, diese Harfen- Instrumente nennen. Diese Hauptverschiedenheit, :.eiche auf die ganze Spielart Einfluss hat, bestand fast ohne Zweifel auch bei נבל und כנור. Die Form der Instrumente selbst, welche sehr vieler Veränderungen fähig ist, ist minder wichtig und lässt sich in Bezug auf die hebräischen nicht mehr mit einiger Sicherheit ermitteln. Für בנוד bat die griechische Uebersetznng kintira oder auch kithara, jo auch die syrische כצרא und .nweilen קתרא♦ Man kann also kaum zweifeln, dass dies d-.:u Wesen nach dasselbe Instrument ist, welches die Araber nach Spanie: brachten, dort Guitarre genannt wurde und aucb bei uns in verschiedenen Formen vorkömmt und die Namen Cither. Guitarre führt. Es ist sehr öglich, dass das gewöhnliche -בנה bei den Hebräern in der bei uns üblichen Weise gespielt wnrde, wobei die Linke auf dem Griffbrette die Saiten verkürz! oder verlängert und die rechte Hand die Töne greift. Gleichwohl kam wahrscheinlich auch eine andere Form derselben Jnstrumenlen-Galtnng vor, die sich vielleicht von dem gewöhnlichen בנור durch den Mangel eines Griffbrettes unterschied, aber dafür eine größere Anzahl von Saiten halte. Dieses war denn das 1 בנח״ על השמינית. Cbron. 15, 21 und hiemit wohl gleichbedeutend שמיניית Ps. 6, i. 12, 1.: Cither zur Octave eingerichtet, also mit acht Saiten, die ebenso viele Töne angaben. Indes ist die Bedeutung von שמינית unsicher. Auch zur Zeit des Zossphns gab es ein בנ1ר (kinüra) mit 10 Saiten. נבל ist nun wohl nichts Anderes als ein Instrument wie unsere Harfe, deren Form schon sehr alt ist, wie man dies aus der Abbildung eines solchen Instrumentes, welche man in Egypten, in einer Höhle nahe beb Theben fand, sehen kann, wobei man zugleich von der Schönheit der Form, welche den heutigen Arbeiten nichts nachgibt, äußerst überrascht wird. Von dem gewöhnlichen נבל wird unterschieden das נבל עשת Ps. 33,. 2. 144, 9.. auch nur עשר genannt. Ps. 92, 4., das ist die Harfe mit 10 Saiten. Das gewöhnliche נבל hatte nach Zosephus 12 Sailen. Möglich also, dass die Zahl der Saiten den Unterschied (1. besonders Ps. 92, 4.) der beiden Instrumente bildete. 1 נבלעלעלמו־ת Chron. 15, 20., vergl. Ps. 46, 1 ist dunkel. Von Blasinstrumenten werden sehr häufig genannt הצצרה und שופר, Trompete und Horn. Beide unterscheiden sich lausbahn. (Damals war es nur den Aerzten erlaubt, Zugpflaster und Schröpfköpfe zu gebrauchen, den Advocaten nicht; deshalb nannte man die Ersteren Doctoren, die Letzteren Fiskale.) Eines Tages, als wir eben die poetische Classe freguentirten, ereignete sich das Wunder, dass sich ein jüdischer Student in unserer Classe inscribiren ließ. Er hieß Koricsaner. Er war kein junger Bursche mehr; er hatte die Vierzig überschritten. Bis dahin war er Kalligraph gewesen, unterrichtete im Schönschreiben, copirte Gratulationen rc. Das war freilich ein trauriges Brod. In feinem vorgerückten Alter ambirionirre er, Arzt zu werden und mußte zu diesem Zwecke früher die Humaniora abfolviren. Die Grammatik und die Syntax erlernte er zu Hause, ohne die Schule zu besuchen, was er nur mii riesigem Fleißs zu bewältigen vermochte, denn seine Auffassung war keine allzu rasche. Eines TageS blieb er von der Schule weg und als der. Professor ihm deswegen am nächsten Tage eine Rüge errheilre, sagte der gute Koricsaner als Entschuldigung: ,Verzeihen Sie, Herr Professor, ich konnte wahrhaftig nicht kommen, denn meine Frau hat mich eben gestern mit einem kleinen Jungen beschenkt." Man kann sich die luftige Stimmung Lenken, welche diese ungewohnte Entschuldigung in der Classe hervorrief. Nur der Professor lachte nicht; er nahm Alles ernst, und seinem Schüler zum Neugeborenen Glück wünschend, ließ er ihn für diesen Tag frei, damit er seine Frau pflege. Der gute Koricsaner selbst nahm die Sache auch sehr ernst, wie Alles im Leben. Die Kalligraphie verträgt sich nicht mit dem Spass. Einst dispmirlen wir vor der Stunde, Koricsaner und ich. Die Streitfrage war, ob im ungarischen Metrum der Buchstabe , h" ein Mitlaut ist oder nicht? Ich behauptete ja, er sagte nein. Zuletzt schleuderte ich ihm die Worte zu: .Was verstehst Du davon? Du bist ein Jude?" Woraus er repondirte: ,Du aber bist blos ein Kind!״ . Eine schreckliche Beleidigung! Einem 14jährigen Manns zu sagen, er sei ein Kind! Heutzutage wurde man deshalb den Beleidiger fordern. Damals machte man kürzeren Proceß mir ihm. Er war 40 Jahre alt, ich 14. Aber ich war ein Ungar, er nur ein Jude! Grund und Rechtstitel genug, um ihn am Kragen zu fassen und seinen Rücken mit der Faust gehörig zu bearbeiten. Eben als ich in dieser Weise am Rücken meines jüdischen Schulcollegen das Consonantenthum des Buchstaben .h" demonftrirte, trat der Professor in den Hörsaal. Er war ein strenger und gerechtigkeirsliebender, wackerer Mann: er bestrafte mich (seinen Schwager!) für diese Uebertretung und behielt mich in der Schule zurück; ich durfte erst'Abends nach Hause gehen. Und das war eine große Schande. (Schluss folgt.)