Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 18 (29.5.1884)
- Date
- 1884-05-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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nennen — wir wissen wohl, daß man vor Sulzer nicht bloß ״gelungen", sondern auch ״gesagt" — allein dieses ״Sagen", das breite AuSspinnen des Musikgedankens, diese musikalische Uebersättiguug der Wortillustration mit kühnen Trillern und gewagten Coloraturen können wir unmöglich als die Vorboten d es Kunstwerkes betrachten, wie cs uns Sulzer in dem Na god’lu Nr. 5 und ki liinneh ojVeeho adonoj Nr. 7 Sehir Zion I vorführt. Wahrlich! ein Kunstwerk, würdig im Herzen eines jeden Fachgenossen als theurcs Vermäcktniß eine Stätte zu finden. Einfach, in des Wortes edelster Bedeutung, erscheint dieser Na god’lu in keuscher Abgeschlossenheit als zarte Blüthe, die weder durch grelle Farbenpracht, noch durch berauschenden Dust irgend welch' besondere Aufmerksamkeit für sich beansprucht, gleichsam als flüchtige Skizze bingewvrfen. und doch, welch' vollbewnßte Verwendung des Tones! Welch' ideale musikalische Unterstützung dcsWorrcs! ״Fühlt ihr euch berufen Priester zu sein, sogreifet die Hostie wenigstens mit reinen Händen an", so ruft ein bedeutender Mann unseres Jahrhunderts; ja, auch Sulzer muß seine Hände, dem frömmsten Juden gleich, andachtsvoll genetzt haben, bevor er diesen Na god’lu schrieb. — Heilige Weihe er״' füllt den weiten Raum — Schauer durchbebt das Menschenherz — man fühlt die Nähe Gottes — Na god’lu ma asecho adonoj! — Aus dem Tunke! entschwundener Tage sich in die Gegenwart schüchtern hineinwagend und sorgfältig prüfend, ob es auch die richtige Stätte betreten, wagt es das (A nur schrittweise, zögernd, sich vorwärts zu bewegen und erst bei adonoj nur um eine Stufe höher zu steigen; welch' kühnes Wagniß, in einer Zeit voll Lärmens und raffinirtcn Tongeklingels, mit dieser einfachen, achtmal wiederkebrenden Quinte als Schöpfer eines neuen Kunstgebictcs hervorzutreten! Ja, eine achtmal wicderkehrende Quinte! Doch bald wird es lebendiger — es treibt und Iprießt wie junges Laub am Lenzeusmorgen; der feste Glaube an Vergeltung durchzitterr die Worte: ki binnsb oj ’wecho jowedu jispordu etc.; mächtig erbraust die zuversichtliche Verheißung für einstige Belvhnung des Guten und Edlen: Zaddikkatomor jiüocb— und schließt mit einem an die ganze Welt gerichteten Glaubensbekenntniße: Zuri welo awloso bo! — Ein edles Zielbewußtsein, den absurden Zugeständnissen an die Kehlen- und Zungenfertigkeit der damaligen Obasauim ans' dem Wege gebend, ganz allein eine Bahn zu betreten, die der Synagoge vollständig fremd, dem Judenthume ganz unbekannt war. Hier war die Neuerung am Platze! Ack, wie schwer ist es doch, solch' neue Bahnen zu betreten! Neue ersprießliche Verkehrswege zu zeigen! Die alte, staubige, auSgefahrcne, aber bekannte Landstraße ist ja viel angenehmer, bequemer. — Sulzer zeigte einen neuen Weg und gab der Synagoge das arg gemißbrauchte und zerrissene Wort, künstlerisch gestaltet, gleichsam neugeboren, wieder zurück. (Fortsetzung folgt.) Aelier Mustlr unk» Poesie der alten Hebräer. IL Aian sieht also, dass auch, wo die Religion der Kunstliebe manche Schranken setzte, sie selbst nicht unterdrückt werden sollte und nicht ward. Um wie viel freier mußte sie sich entfalten, wo die Religion sie belebte und hob! War dies nur zunächst bei der religiösen Poesie der Fall, kamen die Hebräer hier allen übrigen Völkern des Alterthums in eben dem Maße vor, als sie dieselben an Erhabenheit der religiösen Ideen übertrafen, oder auch umgekehrt, als die Griechen ihnen in Werken der Bild- Hauerei aus ähnlichen Gründen vorsteheu, so konnten sie auch in der Musik, welche sich von den ältesten Zeiten her eng an die Dichtkunst anschlois und ja derselben Richtung des Gefühls entspricht, nicht hinter anderen Völkern des Alterthums zurückbleiben. Die'allgemeine Liebe, welche diese Kunst zu allen Zeiten genoss, die großartigen Anstalten für Tempelmusik seit David und Salomo und der Umstand, dass ganze Familien, wie die Familie Assaphs, sich Jahrhunderte lang besonders dieser Kunst widmeten, kann dem eben Ausgesprochenen nichts anders als das Wie ich Phitolemit wurde. Von Maurice Jokai. Was nützt das Leugnen? Ich war in meinem Kindesalter ebenfalls Antisemit, wie alle unentwickelten Menschen. Die Dienstboten fabulirteu mir den Kopf voll, dass die Juden zu ihrem Passahfeste das Blut von Christenkindern gebrauchen, und zwischen unserem Hause und der Schule lag eben die ״Baranyay-Curie", in welcher Juden wohnen dursten. Auch der Schächter wohnte dort. Ich sab es jeden Tag. wie die Judenfrauen aus seinem Thore die Gänse mit geschlachtetem Halse herausbrachten. Meine Phantasie ergänzte das Uebrige. Schreckliche Dinge geschehen dort drinnen! Ich getraute mich gar nicht, allein vor diesen Gewölbthüren vorüberzugehen, wo die sinstern Männer mit langem Barte, mit der Hand im Kastanärmel, mit den Füßen in Pantoffeln saßen; ein Dienstbote mußte mich bis zum Hofe der Schule geleiten oder zum Mindesten mußte sich meine Schwester Esther vor unsere Hausihüre stellen und mir nachschauen; und wenn ich an der Thüre des Schächters zurückblickte und bemerkte, Lass mir Niemand nachschaue, weiß Gott, so lief ich auch von der Hälfte des Weges zurück. Und was ich in der Schule aus einem großen, dicken Buche — es hieß Hübner — lernte, war auch nicht darnach angethan, um in mir Vorliebe für die Juden zu erwecken. Wie kann man es erlauben, dass diese Menschen, welche einen Heiland so grausam umbrachten, frei herumgehen? Wer meine Ansichten am Vollkommensten theilte, war unser Hund Csiczka. Hei, wie stürinte er herbei, wenn hie und da eine solch' bärtige Gestalt in unseren Hof kam! Da war auch ich tapfer und hetzte den Cziezka: ,Allo putz! Faß an!" und lachte herzlich, wenn der auswärts Fliehende mit dem Pantoffel klapperte, bis er zum Gassenthore gelangre. Als ich dann größer wurde, schickte man mich nach Preßburg, deutsch zu lernen. Dort erfuhr ich sodann, dass es am Ende der Stadt einen verfluchten Ort gibt, den man Schloßberg nennt. Dieser ist von lauter Juden bewohnt und daher das Nest und die Herberge aller goti- und menschenwidrigen Verbrechen, so dass der Student, von dem man erfährt, dass er auf dem Schloßberg war, sofort aus der Schule ausgestoßen wird. Bestärkt in diesein Glauben kehrte ich wieder nach Komorn zurück, wo es dazumal noch ein berühmtes Gymnasium mit drei philosophischen und poetischen Classen gab. Ich war bis dahin noch keinem einzigen jüdischen Studenten begegne!, weder im Gymnasium noch im Lyeeum. Wozu hätte auch der Jude lateinisch gelernt? Ein Amt konnte er nicht bekleiden, .Advocat, Ingenieur konnte er nicht werden. Wozu brauchte er die lateinische Sprache? Nur um den Horaz zu. verstehen: ״Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus.“ Darf denn der Jude gut gelaunt sein? Wein trinken und tanzen? Das wäre komisch! Für die Juden war nur eine einzige wissenschaftliche Laufbahn offen: die ärztliche, oder wie man sie damals nannte, die Doctors-