Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 18 (29.5.1884)
- Date
- 1884-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Pränumerations-Preis für Mitglieder des ö.-u. Cantoren-Vereines ohne Musikbeklage viertelj. . sl. 1.— mit Musikbeil viertelj. ff. 1.25 für Nichtmitglieder in Oesterr.» Ung. ohne Musikbeil, vierteljährig .... fl. 1.25 mit Musikbeil, viertelj. fl. 1.50 für Abonnenten im Auslande o. Musikbeil, viertelj. fl. 1.50 mit Musikbeil, viertelj. fl. 1.75 Organ die GesMint-Interessen Mischer Cmttnrai. Erscheint jeden ä<$iet1 Hag. Begründ er: Obercantor Icrkoö Wcruer7. r ר Administratio« Wien. II., Novaragasse 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Nr. 18 Wien. 29. Mai 1884. 4. Jahrgang. Uelier ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XIV. Die im 861111׳ Äon I enthaltenen ChorcomPositiondn fanden bis nun 'ihre-sachgemäße-, kritische Würdigung,' und erübrigt es uns nur eines, für die Geschichte des Synagogengesangcs höchst wichtigen Umstandes Erwähnung zu thun, welcher, außer Acht gelassen, entschieden eine Lücke in unserer Betrachtung bilden müßte: nämlich die Anwendung ganz neuer, willkürlicher Melodien für solche Gebetsnuinmern, dis das Allerbeiligste des betenden Juden bilden und denen bereits eine traditionelle Melodie anhaftete. Es liegt ganz abseits unserer Anschauung, unserem verdienstvollen Nestor Sulzer damit einen Vorwurf machen zu wollen, dass er Nummern, wie Owinu mal kenu oder Aclonoj adonoj beim Ausheben der Thora, von einem ,Christen" componiren liess, der ,Jude" Meyerbecr hat ja ebenfalls ein Paternoster und andere religiöse Gesänge für die Kirche geschrieben; wir nehmen hierbei durchaus keinen religiösen, sondern lediglich einen historischen Standpunkt ein. Gewiß! Der Owinu malkenu (von Josef Drexler) lebt als theures Angedenken im Herzen vieler Glaubensgenossen, und wäre aus dem Gottesdienste der meisten Gemeinden, trotz mancher fachmännischer Bedenken nicht so leicht zu entfernen. Der sebr populär gewordene Adonoj adonoj ist ja von Drexler äußerst wirkungsvoll geschrieben und bildet namentlich das bekannre Sopransolo eine Lieblingsstelle vieler Zuhörer, allein weshalb vermissen wir hierbei gänzlich jene Melodien, welche in der vorsulzerischen Periode die Herzen der Juden so mächtig ergriffen? Weshalb ging Sulzer überhaupt bei all' den Stellen, die er von christlichen Meistern bearbeiten ließ, der Tradition aus dem Wege? Sind das nicht Momente, die, angesichts der hohen Bedeutung eines Sulzer, zu ernstem Nachdenken, zu tiefem Forschen anregen? Wir werden im Verlaufe unserer Arbeit Gelegenheit haben, unserer Sympathie für die fortschrittliche Bestrebung bei Bearbeitung solcher Stellen, denen keine traditionelle Melodie beigegeben war, Ausdruck zu verleihen, w.ie wir ja schon oft dargelhan. dass die Form, selbst der traditionellen Weisen, eine zeitgemäßere werden müsse, allein für die vollständige Verwerfung des lleberlieferten können wir unmöglich plaidiren. Die Annahme, dass Sulzer die Anknüpfungsnothwendig keit an die Tradition nicht für nötbig erachte, ist entschieden ausgeschlossen; denn bei gewissen Stellen, wie Hodu Ksukoth 11:10 Ma’riw lerosch hasehanah treten uns ja — aller- 'dings nur visionartig — Klänge aus der guten alten Zeit entgegen. Der geniale Sulzer, dessen Herzblut seinem Volke galt, dessen glühende Phantasie und reiche Gedankenwelt nur der Veredlung des jüdischen Gottesdienstes geweiht war, wußte wohl all' die zarten, edlen Pflänzchen, die aus einem früheren Jahr- Hunderte in seine Zeit bincinrankten, als heilige Errungenschaften einstiger Streber zu schätzen; wenn er dieselbe — mir Unkraut und Gestrüppe — nur um einen Weg zu bahnen, vom heiligen Boden entfernte, so haben wir hierfür keinen anderen Aufklärungsgruud als höchstens den, dass das damalige Judenthum, welches in der Umgestaltung seines Gottesdienstes ebenfalls ein Verbe sserungsn.ittel seiner socialen Stellung erblickte, etwas ,Neues" verlangte und Sulzer, in dem Bewußsein, dem Volke zu dienen — den geschichtlichen Standpunkt einen Moment außer Acht lassend, mit Allem tabula rasa wachte. — Uebrigens haben all' diese, seinerzeit willkürlich componirten Gebetsnummern wie Elohenu welohe awosenu, 8'laeblonuvon Fr. Volkert, Oschamnu von Drexler u. A., unter dem maßgebenden Geleitsbriefe Sulzers allgemeine Aufnahme gefunden und bilden seit Jahrzehnten einen wesentlichen Theil der jüdisch-gottesdienstlichen Gesänge. Und nun zum Schlüsse! ״last not last^ das von Sulzer geschaffene Syuagogen-Necitativ. Bilden wir uns nun nach der gewonnenen Anschauung von den im Schir-Zion I enthaltenen Chorgesängen die vielleicht sachlich-divergircndsten Urtheile, so müssen Alle, selbst die Gegner Sulzers, in dem Ausspruche übereinstimmen, daß Sulzer der Schöpfer des synagozalen Rrcitativs sei. Wir unterschätzen keineswegs den Werth der Bestrebungen, welcher den Vorgängern Sulzers beigemessen wird — wir wären sogar gewillt — da doch dem Judenthum wahrlich ein Anrecht auf Romantik nicht abgesprochen werden kann — Lovy unsern Musik-Romantiker zu'