Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 17 (21.5.1884)
- Date
- 1884-05-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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vor und legte bei diesem Anlässe eine seltene Begabung an den Tag. Herr Zempliner besitzt eine sehr schone Baritonstimme und in Folge seiner Befähigung als geschulter Sänger eine tüchtige Baal T’fillali wäre nnr zu wünschen, dass der genannter Herr einen größeren Wirkungskreis erhielte. W—r. Wien. Dem Berichte, welchen das Curatorium des israelitischen Blindeninstitutes aus der Hohen Warte über die Wirksamkeit des Institutes in den Jahren 1881, 1882 und 1883 veröffentlicht, entnehmen wir Folgendes: ,In dem letzten Triennium erhielten 45 Zöglinge — 35 männliche und 10 weibliche — Erziehung und Unter* richt Derzeit befinden sich 37 Zöglinge in der Anstalt. Dem Vaterlande nach gehören nach Niederösterreich (Wien) 2, nach Böhmen 4, nach Mähren 4, nach Galizien 13. nach der Bukowina 1.- nach Ungarn 6, nach Croatien 1, nach Slavonien 1, nach Deutschland 3. nach Rußland 2. Der jüngste Zögling ist 8, der älteste 19 Jahre .alt. Auch in dem letzten Triennium haben mehrere Zöglinge, und zwar 6 an der Zahl, die Anstalt verlassen, um im praktischen Leben die Kenntniße und Fähigkeiten zu verwerthen, welche sie in der Anstalt sich angeeignet haben. — Von den Zöglingen, welche in früheren Triennien, in den Jahren 1877, 1879 und 1880 ausgetreten sind, können wir berichten, dass dieselben mit Fleiß und Erfolg der Aus- Übung ihres Handwerkes obliegen und sich in jeder Beziehung einer müstergiltigcn Lebensführung befleißigen. Die Ergebniße, welche wir hiemit von der Thätigkeit der in unserer Anstalt ausgebildeten Zöglinge verzeichnet haben, bestärken uns neuerdings darin, als das höchste Ziel unserer Anstalt die Heranbildung von Menschen anzustreben, welche für Len Kamps des Lebens mit wahrhaft religiösem Sinn, mit ehrenhaften Grundsätzen, mit gründlichem, veredelndem Wissen und mit der Fähigkeit ausgerüstet sind, durch die Ausübung eines Hand- Werkes mit dem täglichen Brode auch die achtungsvolle Theilnahme aller guten Menschen zu erwerben. — Modelliren und Zeichnen, welche seit Jahren in unserer Anstalt als selbstständige Disciplinen betrieben werden, bilden einen wesentlichen Theil dieses Unterrichtes. Die Gegenstände des literarischen Unterrichtes sind: Religionslehre, biblische Geschichte, hebräisch Lesen und Uebersetzen, deutsche Sprache (Lesen, Sckreiben, Sprachlehre, mündlicher und schriftlicher Gedankenansdrnck), Rechnen, geometrische Formenlehre, Naturgeschichte, Naturlehre. Geographie und Geschichte, Zeichnen, Modelliren. Die Zöglinge wurden in einer unteren und in einer oberen Abtheilung unterrichtet; die erstere besuchen 27, die letztere 10 Schüler. Die Leitung und Ueberwachung des Gesammtunterrichtes war auch in diesem TrienniilM dem bisherigen hochverdienten Direetor Herrn Simon Heller anvertraut, welcher im Vereine mit seiner sorgsamen, pflichttreuen Gart in auch die Administration des Hauses und die Verpflegung der Zöglinge mit größter Gewissenhaftigkeit besorgt: in dem Lehrkörver jedoch, sowie in der Bestimmung des Lehrziels sind mehrfache Veränderungen eingetreten. Am 25. October 1881 übernahm Herr Josef Singer, Obercantor der israelitischen Cultusgemeinde, in selbstlosester Weise den Gesangsunterricht. Herr Obercantor Singer widmet sich seiner schönen Aufgabe mit der Innigkeit eines wahren Künstlers und mit der vollen Hingebung eines Menschenfreundes. Der seelenvolle Gesang der blinden Kinder, insbesondere der ergreifende Chorgesang beim Gottesdienste, beweist, wie meisterhaft Herr Obercantor Singer es versteht, seinen Unterrichtsgegenstand nicht allein kunstgemäß zu ver- Mitteln, sondern ihn auch zu einem wirkungsvollen Factor für die Veredlung und Erhebung seiner Schüler zu gestalten. Herrn Obercantor Singer sei hiermit für seine so erfolgreiche und Menschenfreundliche Wirksamkeit an unserer Anstalt der wärmste Dank ausgesprochen. — Der technische Unterricht hat zum Gegenstände: das Bürstenbinden, das Korb- und Sesselflechten,^ das Mattenschlagen und das Rouleauxweben. Wer an einem Arbeitstage in die Werkstätte unseres Institutes tritt und das frohbewegte Leben, welches unter den jungen, blinden Handwerkern herrscht, den freudigen Pflichteifer der Vorgeschrittenen, das Nachstreben der Anfänger und die gespannte Aufmerksamkeit der Lernenden beobachtet, der wird die Ueberzeugung gewinnen, dass an dieser Stätte eine der bedeutungsvollsten Erziehnngs- Aufgaben vollbracht wird, indem hier nicht allein alle Fähigkeiten des blinden Zöglings ausgebildet werden, welche ihn znm nützlich wirkenden, selbstständigen Menschen machen, sondern auch alle Tugenden, welche ihn mit Selbstvertrauen und Selbstachtung erfüllen und ihm Die Aufrührer sprachen die Mithilfe der reicheren Bürger an, doch diese waren großmüthig genug, es abzuschlagen, weil sie den Juden weniger Geld schuldig waren. Hierauf wandten sie sich an die Geistlichkeit, wurden von dieser bestärkt, angeführt und gesegnet. Der Führer des Haufens war ein Domherr, dessen Eifer so groß war, dass er iu seinem Chorhemde, in dem er sich so sicher als in einem Panzer dünkte, ihnen beistand. Als er sich jedoch eines Tages zu nahe wagte, fand er seinen Tod unter einer eiustürzcuden Mauer, die ihn erdrückte. Der Verlust eines so frommen Führers würde bei einer anderen Gelegenheit die Leute vielleicht zur Besonnenheit gebracht haben, doch hier behielt die Habsucht die Oberhand, der Angriff wurde fortgesetzt, bis endlich die Juden einsahen, - sie könnten sich nicht länger halten. Sie versammelten sich, um Nath zu halten, was in dieser äußersten Gefahr noch zu thnn übrig bliebe. Als der Rath zusammen war, da erhob sich der greise Chacham, ein Mann von großer Gelehrsamkeit und Gottesfurcht, und redete die Versammlnng iolgendcrmaßen an: Männer von Israel, der Gott Eurer Vorfahren ist allwissend, und Niemand darf fragen, warum Ihn st Du dies? Heute bestehlt er uns, für sein Gesetz zu sterben, für das Gesetz, das wir verehrt haben von dem Tage an, da cs uns gegeben worden, das wir rein bewahrt haben während nnserer Gefangenschaft unter allen Nationen. Was können wir für die vielfachen Tröstungen, die es uns reicht, für die überschwengliche Hoffnung, die es uns bietet, was können wir weniger thnn als dafür sterben? Unsere Nachkommen sollen dies Buch der 1 Wahrheit erblicken, das wir mit unserem Blute besiegeln, und l unser Tod, der unsere Treue verkündet, soll Israels Wanderer j mit Vertrauen erfüllen. Ringsum ist der Tod vor unseren! Augen, was bleibt uns übrig, als nach einem ehrenvollen und | leichten Ende zu sterben? Fallen wir in dis Hände unserer! Feinde, und schon können wir ihnen nicht mehr entrinnen, dann ] wird uns er Tod schreckiich sein, denn sie dürsten nach unserem j Blute und heulen um das Schloß gleich Wolfen, j Daher ist mein Nath, wir übergeben unser Leben freiwillig j unserem Schöpfer, wir werden unsere eigenen Henker undentgehen ihren Qualen. Wir erkennen den Unsichtbaren in seinen Handlungen, Gott rnsi uns, lasst uns dieses Rufes nicht unwürdig sein. Selbstmord in Augenblicken, wie die fetzigen sind, > ist erlaubt und vernünftig. Wir haben Beispiele, Ihr Männer von Israel, dass unsere Vorfahren bei ähnlichen Veranlassungen so gelhan haben, wie ich Euch heute rathe. Hierauf setzte der Greis sich nieder und weinte. Die Versammlung war in ihren Meinungen gelhcür. Kräftigere fanden seinen Ausspruch weise, doch die Schwachen murrten über den furchtbaren Rath. Da erhob sich der Rabbi noch einmal und sagte mit fester und lauter Stimme wenige Worte: ,Meine Kinder, da unsere Meinungen getheilt sind, so! mögen Diejenigen, welche meinen Nath nicht gut heißen, sich aus s der Versammlung entfernen!' — Einige entfernten sich, doch die Mehrzahl verband sich mit dem Rabbi. Sie singen nun damit an, ihre Habseligkeilen den Flammen zu übergeben, dann