Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 17 (21.5.1884)
- Date
- 1884-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— .4b — Begeisterung schafft den Ausdruck, die Nüchternheit aber ן wird den großen und echten nie finden, sie sieht nichts als Nätbsel, wo jene nur Wesenheit und vernünftigen Zusammenhang ntdeckt. Hier werden Viele verwundert fragen: Wie ist es aber möglich, dies Alles in eine Unterrichtsstunde zusammenzudrängen? Darauf antworte ich: Es kommt nicht darauf an, wie viel, sondern wie gesungen wird. Man muss nur den Gedanken aufgeben, nach dem von uns bisher aufgestellten Systeme im Laufe eines Zahres große Sänger zu bilden. Die Unbilligkeit wäre zu weil getrieben: Gibt man doch einem Handwerker drei bis vier Zahre Zeit zum Lernen, und ein Künstler möchte in einem Monate fertig sein. Die gewöhnliche Unterrichtsmethode besteht darin, dass der Lehrer den einigermaßen mechanisch gebildeten Schüler nach der Quantität singen lässt, den Vortrag und Ausdruck aber ganz vernachlästigt, wie dermalen sogar am Conservatorium zu Paris. Nein, dies ist erstens dem Organismus schädlich, und zweitens bleibt bei dieser Methode keine Zeit zu geistiger Ausbildung des Zöglings, welche doch, wie wir gezeigt haben, unerläßlich zum .Ausdrucke ist, durch den der glänzendste Vortrag erst zum Gefange wird. Der Meister lasse den Schüler vielmehr wenig, aber mit allen Anforderungen einer strengen Schule singen und benutze die Pausen, welche er dem Schüler zur Erholung gönnt, dazu, die von uns gegebenen Lehren zu erfüllen. Dadurch wird er noch den Vortheil gewinnen, dass sein Unterricht mannigfaltig, ergötzlich sein und somit dem Schüler nie Ueberdruss einflößen wird. Ausdruck im Gesänge ist eine Naturgabe, welche die Kunst vergebens Nachzumachen streben würde: man kann sie erklären, leiten, aber nicht lehren. Ein kalter Mensch kann ein fertiger Sänger werden, aber nie ein ausdrucksvoller. Der Ausdruck kommt aus dem Gefühl; um jedoch immer ausdrucksvoll zu sein, muss man sich nicht stets dem Gefühle gänzlich überlassen. Es gibt keinen Ausdruck ohne Wahrheit, keine Wahrheit diesseits und jenseits der Empfindung, die man ausdrücken soll. Täglich bört man kalte und übertreibende Sänger, wovon die Ersten ibreu Zweck nicht erreichen,, die Letzteren ihn überschreiten. Beide mißfallen gleicherweise, indem sie fick von der Wahrheit entfernen. Diese zwei Klippen zu vermeiden, muss man den Umfang seines physischen und moralischen Vermögens genau kennen lernen, um es frei leiten zu können, wenn man den Gang . der Leidenschäften in den verschiedenen Charakteren der bürgerlichen Gesellschaft studirt hat. Achilles und Thersites, Medea und Antigone, Alexander und Panurg haben in den gleichen Leidenschaften nicht den gleichen Ausdruck. Der Geist muss das Gefühl leiten, in Kenntnis der Menschen aller Zeiten und aller Völker. Lang und mühsam ist dieses Studium, aber unerläßlich für den Sänger, der es ernst nimmt mit der Kunst. Ohne Studium keine Wahrheit, ohne Wahrheit kein Ausdruck, ohne Ausdruck kein Geschmack, ohne Ausdruck und Geschmack kein echter Sänger- Das hier gebrauchte Wort' Geschmack bedeutet nicht Anmuth und Zierlichkeii, die ein fertiger Sänger dem Gesänge geben kann. Es bedeutet das Vermögen, welches die Natur gibt, in der Reihe der Dinge jedes an seinen Platz zu stellen, der ihm gebührt. Dies ist der Geschmack, der vom Ausdrucke herrübrt. Änmutb und Zierlichkeit wechseln mit Zeit und Ort; sie bilden eine Manier, die man annimmt, vergißt und wieder mit anderen vertauscht. Der Geschmack, wovon hier die Rede ist, wechselt niemals, weil er sich auf die Natur gründet.. Ein Künstler, der ihn nicht besitzt, zu welcher Kunst er sich auch bekenne, wird nichts schaffen, was nicht das Gepräge der Mittelmäßigkeit trüge. Kleine Chronik. . Wien: Anläßlich eines freudigen Familienfestes in einem höchst geachteten Hause aus der Landstraße, trug der in dem dortigen Bethausvereine fnnctionireiide Cantor Herr M. Zempliner, der sich der größten Beliebtheit erfreut, auf allgemeines Verlangen einige Arien Die Juden von Hark- Als Richard Löwenberz den Thron Englands bestieg (1189), brachten die Juden, 11m sieb den königlichen Schutz zu erwerben, einen Tribut. Es waren daher Viele von den entfernten Theilen Englands nach Wesiminstcr gekommen; doch als sie dorr angelangt, fing der Hof und der Pöbel an zu glauben, sie hätten sich vereinigt, um den König zu behexen. Es wurde ein Beseht erlassen, der ihre Gegenwart bei der Krönung untersagte; doch Einige, deren Neugierde wohl größer als ihre Klugheit gewesen sein mag, wagten sich in die Abtei, in der Meinung, sie würden wohl unbemerkt in der Masse bleiben. 'Ob nun ihre Slimme oder die Gesichtszüge sie verrathen haben, genug, sie wurden alsbald entdeckt und flohen in großer Bestürzung nach allen Nichinngen, während die Uebrigen mißhandelt und fast ohne Spuren des Lebens hinausgeschleift wurden. Bald verbreitete sich das Gerücht, es sollten zur Verherrlichung des Festes die Juden geschlachtet werden. Der Pöbel, ebenso bereitwillig zur Königsschan als zum Aufruhr, ermordete die Juden, verbrannte und plünderte ihre Häuser. Benedict, ein Jude aus Port, nahm, um sein Leben zu reiten, die Taufe au, doch als er mit seinem Freunde Joveuus, dem reichsten unter den Juden, nach Uork zurückkam, starb er an seinen Wunden. Joveuus und sein Diener erzählten, was sich begeben, ihren Nachbarn, doch statt Mitgefühl zu erwecken, regten sic vielmehr die Wnth ans. Bald verband sich das Volk von Work, um es dem Volke von London nacbznthun. sie machten einen Angriff ans das Hans des verstorbenen Benedict, das, da es ziemlich weitläufig und fest war, den Verwandten und Freunden desselben zur Zuflucht diente, jedoch sie fanden Alle ihr Grab unter den Trümmern. Die bestürzten Inden eilten hieraus zu Joveuus, welcher sie zu dem Gouverneur des Schlosses führte und denselben vermochte, ihnen dorr eine Freistatt für ihre Personen und Esfecten zu gestatten. Unterdessen wurden ihre Wohnungen niedergerissen, die darin Befindlichen geiödtet, bis ans Wenige, die, zu feig ihre Ehre zu behaupten, sich zur Taufe bereitwillig fanden- Das Schloß war zur Vertheidignng stark genug, doch auf einmal stieg in den geflüchteten Inden der Verdacht ans, der Gouverneur, der oft ans- und einging, möchte sie verrathen und sie fühlten sich veranlasst, ibm den Eintritt zu verweigern. Er klagte deshalb beim Sheriff der Landschaft,- und da auch die Häupter der rasenden Partei, welche den Inden viel Geld schuldeten, sich mit ihm vereinigten, so erließ der Sheriff einen Befehl zum Angriff des Schlosses. Der grausame Haufe, mit den Soldaten verbunden, zeigte jetzt so viel Gier, die zu schlachten, auf deren Plünderung sie es abgesehen hatten, dass der Sheriff den Befehl bereute und ihn zurücknahm — doch es war zu spät! —