Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-05-21 · Heft 17 (21.5.1884) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 17 (21.5.1884)
Date
1884-05-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452977--1006-3455100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 3 — *Die Künste gingen überall von den Religionen ans, weil die Erhebung zum Ueberirdiscben zunächst geeignet ist, alle geistigen Kräfte des Menschen in Anregung zu bringen, ibn auch im Aeüßcrn zu Opfern zu bewegen und Viele zur Förderung eines Werkes zu vereinigen. Die ältesten Bauwerke von Bedentüng waren Tempel (und auch Grabmäler, weil die Bestattung der Todten überall zu den religiösen Pflichten gehörte). Die ältesten Gesänge waren Lobgesänge der Gottheit und Er׳ zählung ihrer Thalen. Tragödie sowohl als Komödie bei den Griechen hatten bekanntlich auch diesen Ursprung. Ebenso die Bildhauerei, die wir schon in ihren rohesten Anfängen im Dienste der Religion finden und an ihrer Hand zur Meisterschüft griechischer Künstler aufstreben sehen. Bei der Wiederbelebung der Künste in Europa war eö ebenso. Malerei und Musik kamen durch religiöse Anwendung in Ausnahme — daber noch der Name Kapelle. — Dasselbe gilt vom Drama. Die Baukunst gedieh ebenfalls anfangs am meisten durch Unter stützung der Religion; in ihrem Dienste entwickelte sich der erhabene Charakter der sogenannten gothilchen Baukunst. Aber so vielen Werth auch diese Künste an und für sich haben, so waren sie doch bei den Heiden größtentheils zunächst aus Jrrlhümern über das Wesen der Gottheit hervorgegaugen und wurden dann selbst Anlässe zu neuen Verirrungen, indem sie sich zum Theil auf Begriffe der Vielgötterei und auf sinnliche Auffassung des göttlichen Wesens stützten. Der Hebräer also, über solche Vorstellungen durch seine Religion erhoben, fand in ihr keine nächste Veranlassung zur Ausübung jener Künste, ja er mußte sogar im Allgemeinen in Hinsicht ihrer Anwendung vorsichtig sein, wenn er verhüten wollte, dass sich mit ihnen heidnische Jrrthümer einjchlichen. Dieses führt darauf hin, dass man bei den alten Hebräern vor Allem zu unterscheiden hat: Künste, die von der'Religion begünstigt waren, und solche, d ie es nicht waren. Das höchste Wesen unter einem Bilde zu verehren, war, nach den Grundsätzen der Religion, ausdrücklich und streng verboten. Hier war also keine Gelegenheit zur Entwicklung der Malerei und Bildhauerei gegeben. Die ersten heidnischen Tempel entstanden wohl aus dem Wunsche, die Statuen der Götter vor dem Einflüsse der bösen Witterung zu schützen. Da nun die Hebräer keine Slatuen hatten und auch, zur Verhütung abergläubischer Missbräuche und aus anderen Gründen, nicht an jeder beliebigen Stelle opfern dursten, so war kein Anlass zur Errichtung von vielen gottesdienstlichen Gebäuden, also zur Uebung in dieser Art von Architektur gegeben. Diese Küllste waren also im Allgemeinen von der Religion nicht begünstigt, d. h. insoweit sie aus dem Götzendienste hervorgiugen, oder zu demselben verleiten konnten. Wie wenig man aber das Recht habe, aus diesen Umständen auf Mangel an Kunstsinn überhaupt bei den Hebräern zu schließen, ja wie wenig die Verschmähung die Kunst selbst, als solche, traf, kann man schon aus den mannigsachen, zum Theile sehr künstlerischen Arbeiten sehen, die für das heilige Zelt angegeben wurden, worunter auch Webereien mü eingewobenen Figuren (2 Mos. 26, 1.) und Bildhauerarbeiten (Cherubim), noch mehr aber aus der Art und Weise, wie vom Künstler gesprochen wird, dem ein göttlicher Geist innewohne und dessen freier, nicht handwerksmäßig an hergebrachten Formen sich bindender Erfindungskraft (להשב מהשב ת) fyter die höchste Würdigung wird, 2 Mos. 31, 1. ff. Was die Baukunst betrifft, so sieht es auch hier nicht so arg aus, als man gewöhnlich aus dem Umstande schließt, dass Salomo zum Tempelbaue phönizische Künstler kommen liess. Zwei Gründe gibt der König selbst dafür an; der erste ist, dass die phönizischen Künstler besser die Bearbeitung der Cedern verständen — dies mussten sie auch, da alle Ccdern auf einem Reviere des Libanon wuchsen, welches nicht zum hebräischen, sondern zum phönizischen Gebiete gekörte, folglich ein bei ihnen einheimischer Baum war, besten sie sich vielfach auch beim Schiffsbau bedienten,- Ezech. 27, 5. — daher sollten sie den hebräischen Arbeitern behilflich!ein, 1 Kön. 5, 20. Der zweite Grund war, dass die Anzahl der hebräischen Arbeiter, wie groß sie auch war, für diese außerordentlichen Werke nicht, ausreichte. Es gehr also hieraus keineswegs hervor, dass die Hebräer von den Phöniziern die Baukunst selbst und alle dazu gehörigen Arbeiten erlernen oder sich gar ihren Tempel erst von jenen mussten bauen lassen, wobei man namentlich auch vergessen zu haben scheint, dass der erste Architekt und noch andere Beamte bei diesem Bau nothwendig Israeliten sein mussten, weil eben israelitisch-religiöse Ansichten und Gesetze auf die ganze Eintheilang, Anordnung und Ausschmückung dieses Gotteshauses, wie auf die einzelnen Theile und Gerälhe derselben, einen so durchgreifenden Einfluss ausübten, dass unmöglich heidnische Künstler die Oberaufsicht und Leitung des Ganzen übernehmen konnten. Uedrigens gehört hieher auch die Kunst, in Felsen zu arbeiten, indem man große Räume zur Beisetzung von Leichen in den Berg selbst, mit gewaltiger Arbeit und großer Kunst hineinarbeitete, zu welchen geschmackvoll verzierte, mit steinernen Thüren verschlossene Eingänge führten. Diese Kunst scheinen die Hebräer schon früh geübt zu haben (1 Mos. 50, 5), und noch erregen die Gräber Josephs und Josua's — bei Sichern und zu TimnatSerach;— noch die Gräber der Richter Israels, der Könige von Juda uüd die anderen Felsenwerke von Jerusalem das Erstauneu der Reisenden; ungeheure Monumente, die sich den colossalsten Werken des Alterthums anschließen. Dass die Hebräer spä- 1er auch im griechischen Geschmacke große Bauwerke errichteten, ist bekannt. Daher nimmt auch ein wohlunterrichteter Kenner dieser Dinge (Hirt, Geschichte der Baukunst bei den Allen. Bd. 1) keinen Anstand zu bemerken, dass die Israeliten, ,in Rücksicht der Beharrlichkeit zu kühnen und großen Unlernehmünzen, einen ehrenvollen Rang in der Geschichte der Baukunst des Orients einnehmen.' (Fortsetzung folgt.) Vom Ausdruck. (Schluss.) Die Phantasie ist die schaffende Kraft im Künstler, welche durch das Gefühl in Bewegung gesetzt und durch den Verstand geleitet nird, oder um ein Bild aus dem Leben zu enilshnen: der Verstand ist die Ueberzeugung des Rechten, das Gefühl der Entschluss der Ausführung, die Phantasie die Thatkrast. Jene sind nichts ohne diese, und es ist daher die Aufgabe eines guten Lehrers, nicht nur durch den Verstand und das Gefühl mittelbar, sondern auch unmittelbar auf sie einzuwirken. Dies geschieht theils durch Schilderungen großer Kunstmomente, theils durch Einführung in die poetischen Geheimniße vollendeter Werke, theils durch Charakteristiken echter Künstler, durch Einweihung in den Gang ihrer Entwickelung, durch erhebendes Darstellen ihrer hohen Begeisterung, Ausdauer und deren herrlichen Folgen. Einer durch solches Verfahren veredelten und gesteigerten Phantasie werden keine Schwierigkeiten im Ausdrucke unbesiegbar sein, ihr wird jede zu lösende Aufgabe als Erscheinung entgegentreten, die als Ideal dem inneren Gesicht des Sch affenden vorschwebt; was weder Verstand noch Gefühl ihn ahnen lassen, das wird sie dem Begeisterten wie im Blitze zuführen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.