Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 17 (21.5.1884)
- Date
- 1884-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Freilich sind die Auskünfte, die wir (;eben konnten, nicht immer in entsprechender Weise gewürdigt worden, aber dies ist nicht unsere Schuld und liegt nickt in der Sacke. Wir möchten nun den Kern, der darin liegt, zu einem nützlichen Organismus ausbilden. Jeder College, der irgend einen Posten in Aussicht hat oder an einer Concurrcnz tbeilzunehmen wünscht, möge sich zuerst an uns wenden, um zu erfahren, ob die Zustände der betreffenden Gemeinden normale sind, wie die Behandlung des Cantors und seine Stellung beschaffen ist, und ob die Reisespescn, die man aufwendet, nicht weggeworsen stnd. Da wir dabei nicht etwa, eizr Vermittlungsbureau im Auge haben, vielmebr nur. das- Interesse des Cantors zu fördern wünschen, so werden wir: gÄvrsL in der Lagtz sein, Äielest Sorgen zu ersparen. Von Kosten kann dabei keine Rede sein, denn wir fassen die Sache nicht vom geschäftlichen Standpunkte ans. Die Gpslünfke .werden stets ganz privater Natur sein, da wir uns bestreben werden, ein wahrA tiMrsglschtzs Bild von der Sachlage zu bieten. fohl gweites, nicht minder wichtiges Mittel zur Abhilfe wäre wohl die staatliche Anerkennung. Wenn jetzt der Cantor in der flagrantesten Weise in seinen Rechten verletzt wird, so kann er oft wegen der Kostspieligkeit und Langwierigkeit der gerichtlichen Prozedur dieselben nicht verfechten. Ganz anders wäre die Sachlage im Falle der staatlichen Anerkennung. Der Cantor hätte dann die Möglichkeit im admistrativen Wege, in leichter und billiger Weise sein Recht zu stnden. Es wäre daher für unseren Verein die Aufgabe׳ eine sehr würdige, für diese Anerkennung des Standes der Cantoreu an competenlcr Stelle einzutreten. Vor Allem aber legen wir unteren College!! selbst an's Herz, nicht allzu leichtfertig im Stellenwechsel vorzugeben, wobt zu überlegen und nicht blind zuzugreiscn; denn, um es noch einmal zu sagen, nicht Alles ist Gold, was von der Ferne dem Golde gleicht. Acker Musik u. Poesie der alten Hebräer.*) Der Standpunkt, welchen die Hebräer gegen andere Völker des Altcrihums in Hinsicht der Kunst einnehmen, ist zuweilen falsch beurtheilr worden. Es lässt sich nämlich nicht leugnen, dass sie in manchen Küiisteu allerdings hinter gleichzeiligen Nationen zurückblieben, dass wir bei ihnen vergebens jene Werke der Malerei und Bildhauerei suchen, dass sich nicht bei ihnen jene wunderbare Leichtigkeit und vollendete Harmonie architektonischer Verbältuiße eiitwickeltc, in welchen Griechenland ein Vorbild aller Zeiten wurde. Hierauf gestützt, hat man mitunter keinen Anstand genommen, den alten Hebräern im Allgemeinen Sinn für Kunst abzusprechcn,. ihnen Unbildung und Rohheit vorzuwerfen und ihnen namentlich keine bessere Musik zuzutrauen, als man jetzt etwa bei den Wilden sindct. Ja, man würde ihnen unfehlbar, nach solchen Voraussetzungen, auch jede Anlage zur Dichtkunst abgesprochen haben, wenn die glücklicher Weise noch vorhandenen Werke selbst ein solches Urtheil nicht von vornherein zurückwiesen. Man hat indess nicht gefühlt, da'S die bezeichnelen Werke zu jener ganzen Ansicht, die die Hebräer gern zu wahren Wilden *)Obigen Aursatz entnehmen wir den Schriften eines bereits versterdenen, bedeutenden Gelehrten und glauben, dass diese stylistisch und auch inhaltlich gediegene Arbeit das Interesse unserer Collegen erregen und gewiss auch zur weiteren Erörterung der darin behandelten Fragen aneisern werde. Die Redaction. machen möchte, den lebendigsten Contrast bilden. Von der alten Bibliothek der Hebräer ist uns nur ein Band übrig geblieben. Dieser ist zwar der heiligste und wichtigste, aber eben deshalb, eben feiner eigentlich religiösen Teiidenz wegen, konnten wohl manche Gattungen der Poesie oder Redekunst, die mehr dem häuslichen Leben,- den ländlichen Vergnügungen angehörten. in demselben keinen Raum sinden. Wie viele Denkmale der; Kunst, des Wissens der Hebräer gingen uns hier verloren! Salomo allein verfasste, nach Kön. 4, 12. 13., 3000 Sprüche und 1005 Lieder und redete über alle Thiere und Pflanzen. Von andern Büchern, namentlich einigen größeren geschichtlichen Werken, sind uns 4 Mos. 21, 14. Jos. 10, 13. (vergl. - 2 Sam. 1> 18;) 1. Kön. 11, 41. 14,19. 15, 7. 2 Thron. 12, 15. 13. 2^, HO, 34. 24, 27. 27. 7. W, 32. 33, 19.. nur die Titel übrig geblieben. Und doch liefert schon jeder einzelne Band genug? sam? Beweise, dass die Hebräer in keiner der bedeutendsten Formen sprachlicher Darstellung auf der Stufe der Mittelmäßigkeit sieben geblieben. Denn wiewohl die ausführlich211, hisiorischen Werke verloren gingen, so wird inan dock in den Büchern, die wir noch besitzen, und namentlich auch in den Büchern Mosis, mitunter Proben eines böchst gelungenen historischen Styls sinden. Für andere Formen der Erzäblnng können die eiugreisende, lebensvolle Schilderung der Verluste Hiobs, sowie die ganze einleitende Erzählung dieses Buches und die vortreffliche Fabel Jotams als Beispiele gelten. Selbst eine kleine Probe diplomatischen Styles findet sich in dem Buche der dichter (11, 12—27). In der Beredsamkeit, namentlich der religiösen, dürfen wohl die erhabenen, hinreißenden Ermahnungen der Propheten als Muster gelten, wenn sie auch die Regeln heutiger Rhetorik zum Theile verschmähen; ferner die Vortragsweise, in welcher die göttliche!! Lehren und Mahnungen in dem 5. Buche Mosis wiederholend aneinander gereiht sind, welche, wie der letzte Ruf eines scheidenden Freundes der Menschheit durch alle Jahrtausende hindurch Hallen und. so oft man dies Buch liest, einen stets neuen und tief ergreifenden Eindruck auf das Gemüth hcrvorbringen. Gewissermaßen gehört hierher auch das schöne Weihgebel Salonions. Und was sollen wir nun von der religiösen Poesie der Hebräer sagen, die in erhabenen Betrachtungen über Gott und seine Werke, in dem Gebete des Preisenden oder des Dankenden, des Reuigen oder des Bittenden, kurz, in jeder Form, in welcker sich der Mensch zum Uebersinnlichen erhebt, für alle Zeiten als Ideal dasiebt, dem man sich nur mit glücklichen Nachahmungen an die Seite zu stellen wagt? Soll man dieses Volk, welches Psalmendichter wie David und Assaph hat. welches ein .Buch Hiob besitzt, dessen göttliche Nätbsel Menschenverstand zu Schanden machen, zu welchem Moses und Jesaja sprachen, mit welchem Jeremija klagte, toll das Volk, welches diese und so viele große Männer aus seiner Mitte erzeugte, und sie wandeln sah auf jenen wunderbaren Höhen der Poesie, der religiösen Begeisterung und Heiligkeit der Sitten, soll es ihrer ganz unwürdig gewesen sein? Soll keine Wechselwirkung siairgefnuden haben zwischen den Söhnen und den Vätern? Jahrhunderte hindurch sich ein blübender Garten Gottes in einer Sandwüsie erhoben haben? Und wenn dieses Volk so roh war, konnte es jene Männer verstcben? Und verstand es sie nicht, zu wem sprachen sie? — Gewiss also, dieses Volk mußte für das Bessere Sinn haben. Das Schöne, wo es sich auch fand, konnte ihm nicht gleichgiltig sein, und keine Gefühllosigkeit schreckte bei ihm die Kunst zurück. Wenn wir also gleichwohl einen Unterschied in ihrer Aufnahme bei ihm stnden, so müssen andere Umstände zu Grunde liegen, und es ist keineswegs schwer, diese aufzustnden.