Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 17 (21.5.1884)
- Date
- 1884-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreicliisch-ungarische f ־ Pränumerations-Preis . für Mitglieder des ö.-u. Caotoren-Bereines ohne Musikbeklage viertelj. . st. 1.— mit Musikbeil viertelj. st. 1.2L für Nichtmitglieder in Oesterr.-- ' Ung. ohne Musikbeil, vierteljährig . . . . fl. 1.25 mit Musikbeil, viertelj. fl- 1.50 für Abonnenten im Ausland« o. Musikbeil, viertelj. fl. 1.50 mit Musikbeil, viertelj. st. 1.75 Organ die GrsMmt-IlltMSM jüdischer Cimtnren. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Odercantor Zcrkob Wcnrev. J|cdntüan »u» Adminiftratto« Wien, H., Novaragasse 27. werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. J Nr. 17 Wien, 21. Mai 1884. 4. Jahrgang. Wien, am 21. Mai 1884. Mit Bangen sehen wir Jahr aus Jahr ein dem Naben des Sommers entgegen. Tritt doch um diese Zeit gerade, wo die Natur im schönsten Schmucke dafteht und reichlichen Segen dem Menschen verspricht, das verborgene Uebel, an dem wir Cantoren leiden, scharf und oMn zu Tage, erfüllt uns mit Wehmuth und drängt uns die schmerzliche Frage auf die Lippen: wann endlich soll es enden, woher kommt die Erlösung? Dieses Uebel, verborgen ist es nur der Außenwelt, uns Cantoren selbst ist es ganz wohl bekannt, es heißt: Stellenwechsel und ungesunde Concurrenz. So lange diese Blätter für die Sache der Cantoren kämpfend einstehen, ist fast kein Vierteljahr vergangen, ohne dass wir dieses Uebel besprochen, ohne dass wir nach seinen Ursachen geforscht und unsere warnende Stimme erhoben hätten, um unsere College» möglichst von der Stellenjägerei abzuhalten und eine gesundere Basis für eine freie Concurrenz herbeizuführen. All' unser Streben hatte bisher in dieser Richtung wenig Erfolg und dies ist ja psycho logisch nur zu leicht erklärlich. Jeder Cantor ist nicht nur Cantor, sondern auch Gatte und Vater, und als solcher hat er das Srreben, die Lage der Seinen zu verbessern. Diese ist ja in vielen Gemeinden wah rlich keine beneidenswerthe und die Kämpfe, nicht nur mit dem Leben, sondern auch mit den Menschen sind keine geringfügigen. Und dieses Moment ist es ja gerade, welches die Luft zum Poftenwechsel am meisten befördert und die unbekannten, fernen Gemeinden im rosigsten Lichte erscheinen lässt, das mit verlockender Macht in die Fremde ruft. — So sehr wir diesen Umstand vollau f zu würdigen wissen und theilweise auch die Stellenjägerei dadurch entschuldigen, so können wir es doch auch nicht begreifen, wie man nicht endlich durch bittere Erfahrungen aus den Lehrjahren des Lebens heraustritt und einsehen lernt, dass in der Nähe Alles ganz anders aussieht als aus weiter Ferne, und dass nicht jede Gemeinde Gold ist, die den äußeren Glanz, desselben besitzt. Aber auch die Gemeinden werden uns endlich ganz und gar unbegreiflich. Oder sitzen denn nicht in deren Repräsentanzen Männer, die Kopf und Herz am "rechten Flecke haben, Männer, die selbst Familienväter sind, und die wissen, wie weh der Hunger thut, wie weh es thut, ohne jede sichere Stellung im Ungewissen herumzuschweben? Der Mensch wird uns, je mehr wir uns gerade in das Wanderleben der Cantoren vertiefen, ein unlösbares, unbegreifliches Rälhfel. Begreifen denn und fühlen die Gemeinderepräsentanten nicht, dasK jeder Cantor das Streben hat, die Lage der Seinen zu bessern, dass dies allein ihn in die Ferne hinauszieht? Und wenn sie es begreifen, warum verübeln sie es ihm, und warum die oft kleinliche Rache? Noch unbegreiflicher erscheinen uns jene Gemeinden, die mit der Existenz des Cantors Ballspiel treiben, die leichten Muthes ihm Amt und Würde versprechen und einen Moment später ihm dasselbe Amt, dieselbe Würde wieder nehmen. Muss sich nicht das menschliche Gefühl gegen ein solches Vorgehen aufbäumen, und regt sich nicht das Gewissen in der Brust der Gemeinderepräsentanten selbst, wenn sie ein Menschenschicksal leichtfertig zerschellen. Zur Ehre des menschlichen Herzens wollen und müssen wir glauben, dass die Folgen eines solchen Vorgehens in den meisten Fällen wohl nicht überdacht werden. Mögen doch die Cultus- Vorstände nicht daran vergessen, wie unglücklich sie ofr ganze Familien durch ein unüberlegtes Wort, einen unüberlegten Schritt machen, wie sie dadurch einen ganzen ehrenhaften Stand zum rastlosen Wandern, zum ruhelosen Umherschweifen verdammen und ihn dadurch zum Prototyp unseres ganzen Volkes stempeln, das auch ohne Rast, ohne Ruh' gejagt und getrieben wird. Wenn die Gemeindevorstände diesen unseren Appell beherzi gen wollten, es würde dann so manche Thräne nicht fließen, so mancher Seufzer sich nicht den Lippen entringen. Aber auch Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung thut uns Cantoren noch, gerade in dieser Richtung mehr als in jeder anderen. Wir wollen deshalb heute mit einem Vorschläge an unsere Collegen herantreten. Schon des Oefteren haben befreundete Collegen an uns die Bitte gerichtet, ihnen Auskunft über die eine oder andere Gemeinde, über deren Verhältniße zu ertheilen, und wir waren fast stets in der Lage, durch die zahlreichen Verbindungen, die wir naturgemäß besitzen, den Wünschen zu entsprechen.