Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 16 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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© - gegen die besitzende Classe zu Hetzen; dort wo es wünschenswerth, ruhig und bescheiden für unsere Mitbürger einzntreten, dort wo es nöihig, unsere Rechte mannhaft zu vertheidigen, das soll unsere Aufgabe sein. Lassen Sie uns mit Gott an's Werk geben, möge es ein fruchtbares und segenbringendes sein.. Der Allmächlige schütze und erhalte unsere Gemeinde, alle unsere Glaubensbrüder.' Nach dieser mit großem Verfalle aufgenommenen Rede des neuen Präsidenten wurde zur Wahl eines Obmannes der Wohlrhätigkeiisseclion geschritten. Die Wahl fiel auf Herrn Negierungsrath Dr. Angelo Ritter von Kuh, welchen Herr von Borkenau begrüßte, indem er der Freude Ausdruck gab, dass an die Spitze dieser, die volle Arbeitskraft erheischenden Section, eine jüngere Krafl gestellr sei, welche gewiß den gesteigerten Anforderungen wird gerechr werden können. Negierungsralh Dr. v. Kub dankte für die Wahl, welche anzunehmen er sich bereit erklär.e und erbat sich die Unterstützung der übrigen Mitglieder irr seinem verantwortungsvollen Amte. Hierauf wurde izur Wahl des Bicepräsidenten geschritten, welche mit Stimineneinhelligkeit auf den hochverdienter! Obmann der ersten Section, k. Natb, Herrn Ärmino Cohn fiel. Herr Ärmino Cohn dankt hierauf für die ihm erwiesene Ehre, werft aus sein Älter hin und spricht den Wunsch und die Hoffnung aus, dass es seinerseits einer Unterstützung des Präses nicht bedürfen werde, wohl aber bedürfe sowohl Präses als Vice-Präses, besonders aber die immer größer und schwieriger werdende Ausgabe des Vorstandes der eifrigen Mithilfe sämmt licher Mitglieder. -- Zn Bezug aus die Neuconstituirung des ,Cvmites für Reformen im Gottesdienste' äußerte sich der neugewählte Vice- Präsident, Her: Ä. Cohn, in folgender Weise: ,Es sei ein Irrrhum, jede Reform, wenn sie auch noch so vernünftig, noch so in den Zeitbedürfnissen begründet, noch so besonnen sei, für einen Verstoß, eine Versündigung gegen die Tradition zu halten. Zm Gegentheile, der Fortschritt sei eine Tradition der Wiener C u ltus g c m e i nd e, sei an ihrer Wiege gestanden.' Der Präses machte nun der Versammlung die erfreuliche Mittheilung, dass in dem Befinden des schwer erkrankten Negieruuzsrathes, Dr. Kompert, eine so wesentliche und anhaltende Besserung eingetreten sei, daß man seiner völligen Wiederherstellung in Kurzem entgezensehen könne, und der vielverdiente Obmann der Unterrichtsscction seine Thätigkeit in der Verwaltung bald wieder ausnehmen werde. Zudem schließlich der Präses die Mitthcilung machte, dass er zur Entgegennahme von Wünschen oder Beschwerden seitens der Gemeindemitglieder an noch zu bestimmenden Tagen und Stunden sich in der Gemeindekanzlei einfinden werde, schloss er die öffentliche Sitzung. Literarisches. Kduard Lasker. Eine ausführliche Biographie sauunt der letzten öffentlichen Rede Lasters, nebst ,Drei Gedenkblättern" ans der Feder der Reichstagsabgeordneten Heinrich Rickerr, Albert Häncl und Rudolf Gneist, sowie einem von dem Reichstagsabgeordneten Karl Baumbach trefflich geschriebenen Nekrologe ist im Verlage von Levy & Müller in Stuttgart soeben erschienen. Die elegant ausgestattete Brochure, mit dem vorzüglich gelungenen Holzschnitt-Porträt der Verblichenen geichmückt, liefert ein treues Bild von dem Leben und Wirken des hervorragenden Parlamentariers und wird als ein schätzbares Andenken einem Jeden willkommen sein, der die vielfachen Verdienste des dahingeschiedenen Patrioten um die Wohlfahrt der deutschen Nation zu würdigen weiß, oder etwa erst zu erfahren wünscht. Das Werkchen ist für 50 Pfennig durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Per AeustetLiner Synagogenörand-Wrozeß vor den Geschworenen zu Cöslin und Könitz. Eine genaue Darstellung der Anklage, der Zeugenverhöre, der Vertheidigung und des Urtheils, Preis 50 Pfennig. Verlag von Levy & Müller in Stuttgart. Man erinnert sich, welches Aufsehen dieser sensationelle Fall weit über die Grenzen Deutschlands hinaus erregte, nicht allein wegen der ungewöhnlichen Art des Verbrechens, welches zur Aburtbeilnng gelaugte, sondern namentlich auch deßhalb, weil die Entscheidung des Schwurgerichtes zu Cöslin, welche lediglich eines Formfehlers halber vom Reichsgericht ansgehoben wurde, die Augeklagten für schuldig erklärte und zu schwerer Strafe verurtheilte, während ein halbes Jahr später vor dem Schwurgericht zu Könitz, an welches die Angelegenheit zur nochmaligen Verhandlung verwiesen wurde, deren absolute Unschuld sich völlig unzweifelhaft ergab und dieselben somit sreigesprochen werden mußten. Eine zusammenhängende, ausführliche Darstellung des Falles, wie solche in oer unS vorliegenden Schrift geboten wird, dürfte daher sicher nicht allein für den Juristen Interesse besitzen, sondern auch der Laie wird den Gang , der Ver- Handlungen mit Spannung verfolgen und daraus .erkennen, welche Faktoren zusammenwirkten, um eine solche Verschiedenheit des Urtheilsspruches herbeizusühren, und wie es geschehen konnte, dass lediglich durch einen Zufall, bis dahin unbescholtene, schuldlose Menschen einer entehrenden Strafe entgingen. Man kann wohl sagen, dass dieser Prozeß in mehr als einer Hinsicht kulturhistorisches Interesse besitzt. Derselbe verdient somit wohl als selbständige Brochure weiteren Kreisen zugänglich gemacht und der Nachwelt überliefert zu werden. Kleine Chronik. Wien. Nach dem Tode des Dr. K u r a n d a hat das Wiener Organ der Klerikalen, das .Vaterland', mitgetheilt, dass der Verstorbene nicht berechtigt gewesen sei, den Doctortitel zu führen. Der Dekan der Leipziger philosophischen Facultät hat nun auf eine an ihn diesbezüglich ergangene Anfrage folgende Antwort ertheilt : ״Ignaz Knrauda hat in Leipzig promovirt am 28. Juni 1804, und zwar mit der Dissertation: »Die letzten Habsburger der ersten Ferdinand'scheu Linie'. Merlin. Im Anfänge dieses Jahrhunderts — noch vor der französischen Invasion — hielt König Friedrich Wilhelm III. in der Nähe von Stargard in Pommern eine Truppen-Revue ab, welcher seine Gemalin, die Königin Louise, in einem Wagen sitzend, bei-. wohnte. Während der Revue entsteht plötzlich ein Tumult; ein junges Weib mit einem kleinen Knaben auf dem Arme, eine Bittschrift in der Hand haltend, drängt sich durch die Soldatenreihen, um zum Wagen der' Königin zu gelangen. Die Soldaten wollen der Frau den Weg versperren, sie aber dringt muthig vorwärts, indem sie dabei einige Soldaten mit bei Seite schiebt. Die Königin Louise, aus diese׳ ungewöhnliche Scene aufmerksam gemacht, winkt den Soldaten, welche nunmehr die Mutter mit dem Kinde ungehindert zu Ihrer Majestät gelangen lassen. Letztere empfängt in der huldreichsten Weise die׳ Bittschrift und bemerkt dabei, dass das Kind, welches die Frau aus dem J!rme trägt, am Halse unverhüllt ist. Die Königin nimmt deshalb ein großes seidenes Tuch von ihren Schultern und bindet dasselbe zum Schutze gegen den rauhen Wind eigenhändig um den Hals des Kindes, wobei sie demselben noch einige liebreiche Worte sagt. Dankerfüllt entfernt sich die beglückte Mutter, welche auch kurze Zeit daraus die in dem überreichten Gnadengesuch ihres Ehemannes aus׳