Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 16 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3452960-3452976--0999-3455092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gestatten Sie mir nun noch einige Bemerkungen in Bezug auf die großen Aufgaben, welche wir ihrer glücklichen Lösung zuführen wollen. Der Bau einer neuen Synagoge, welcher höchst wünschenswerth ist und von dem verewigten Dr. Kuranda wärmstens befürwortet wurde, kann nur dann ausgeführt werden, wenn die bedeutenden, biezu erforderlichen Mittel durch die Opferwilligkcit unserer Gemeinde-Mitglieder berbeigefchafft werden, viel dringender jedoch als dieser Bau ist die Errichtung eines Knaben- Waisenhauses, welches, da die Mittel hiezu vorhanden sind, mit aller Energie in die Hand zu nehmen, ich Ihnen empfehle. Was gibt es Wichtigeres in einer Gemeinde als die Versorgung von Waisen und es dürfte kaum schwer fallen, mit Hilfe der ausgezeichneten Damen und Herren, welche den Waisenverein leiten und bei der Opferwilligkeit unserer Gemeinde-Mitglieder unser Ziel zu erreichen. Der bereits bestehenden Commission zur Reform des Gottesdienstes empfehle ich die Inangriffnahme ihrer Arbeit. Mit Unterstützung der Funktionäre des Gottesdienstes und den Mitgliedern des Betbausvorstandes und der ersten Section deS Vorstandes dürste ihre schwierige Aufgabe gelingen. Wenn dieselbe an wirklich ehrwürdigen Traditionen festhält, dabei aber trachtet, das nicht Zeitgemäße zu amoviren, dürfte sie sich den Dank der Gemeinde erwerben. Das Schulwesen und namentlich der Lehrplan der Mittelschulen bedürfen einer Reorganisation. Dem Lehrer sowohl wie dem Schüler soll ihre Aufgabe erleichtert, der Stndienplan so eingerichtet werden, dass die Schüler nicht durch Zwang und mit Unlust dem Religionsunterrichte beiwohnen und sollen hauptsächlich die Grundsätze der Ethik des Zudenthnms ihren jungen Herzen und Gemüthern eingeprägt wer! u. Vieles ist schon ans diesem Felde geschehen, Manches bleibt och zu thun übrig. Unsere Wohlthätigkeitssection, welche durch die Ungunst der Zeitverhältniße, durch den großen Zuzug von Armen aus allen Lbeilen des Reiches so sehr in Anspruch genommen wird, hat eine der schwierigsten Aufgaben. ,Ein warmes Herz für die wahre, verschämte Armuth, eine gerechte Vertheilung der uns zu Gebote stehenden Mittel, die Anstrebung und Concentrirung unserer, dem Armenwesen gewidmeten Anstalten werden die Aufgabe meines verehrten Nachfolgers auf diesem Gebiete erleichtern. Unterstützung und Festigung der bestehenden human!- tären Anstalten, Hintanhalten von der Gründung neuer, wenn auch noch so wohlgemeinter wohlthätigen Institute, weil dadurch den bereits betstehenden der Lebensnerv entzogen wird, das soll unser Streben sein — namentlich ist es unsere Armenanstalt, welche noch immer nicht jene Zahl von Mitgliedern besitzt, die zur Unterstützung so vieler verarmten Glaubensgenossen nöthig sind — ihr wollen wir unser volles Angenmerk zuwenden. Die Verwaltung der Gemeinde betreffend, werde ich mich bemühen, die nöthige Ordnung im Archive herzustellen, die Controle in allen Zweigen aufrecht zu erhalten, die Manipulation zu vereinfachen und die für manche Zweige der Gebahrung fehlenden Instructionen zu ergänzen. Dort, wo es möglick, soll und muss gespart werden, und so werde ich auch mein Augenmerk der möglichsten Einhaltung des Präliminares der Gemeinde zuwenden. Von den Functionären und Beamten derselben erwarte ich die pstichtgelreue Erfüllung ihrer Obliegenheiten. Ich habe Ihnen nunmehr, meine Herren Collegen, einen Theil meines Programmes entwickelt, das ich jedoch nur dann ausführen kann, wenn Sie mich mit Ihrer reichen Erfahrung, mit Rath und That unterstützen — denn nur in diesem Falle kann ich meiner schwierigen Mission einigermaßen gerecht werden um Wohle und Heile unserer Gemeinde und unserer Glaubensbrüder. Schwere Zeiten haben wir bereits durchgcmacht, ein Nacenhaß wurde gegen uns entstammt, den wir längst als unseres Jahrhunderts unwürdig begraben glaubten, in den jüngsten Tagen erst tauchten Bestrebungen auf, die niederen Volksclassen Der Winter in dieser Region ist sehr lang und sehr streng, und man kann sich dort in dieser Jahreszeit keinerlei Arbeit verschaffen. Da die Ernte mißlungen, mußte man den Colonisten zu Hilfe kommen, und während mehrerer Monate ungefähr 260 Menschen erhalten. Das eine Familienhaupt ist im Krankenhaus an der Schwindsucht gestorben; es hat eine zahlreiche Familie hinterlaffen, welche die Colonie gezwungen war zu unterstützen. Ein anderes ist von derselben Krankheit befallen und hat keine Aussicht auf Wiedererlangung seiner Genesung, was die bereits so zahlreichen Schwierigkeiten der Colonie noch erhöht. Herr Dr. Wechsler hat Pointed Woods vor einigen Wochen besucht und hat die Colonisten mit den allernöthigsten Nahrungs- Mitteln und Kleidungsstücken bis zum nächsten Frühjahr versorgt. Da die Mittel, welche Herrn Dr. Wechsler für diese Colonie zu Gebote standen, erschöpft waren, wandte er sich an Herrn Baron v. Hirsch. Dieser großmüthige Menschenfreund übersandte ihm 10.000 Francs. Der Board von New-Pork, welchem die Alliance von Wien für die Colonie der Vereinigten Staaten eine Subvention von 10.000 Francs bewilligt hatte, sandte gleichfalls einen Theil dieser Summe, nämlich 3000 Francs an Herrn Dr. Wechsler. Jedoch sind diese Mittel, wenn auch genügend für die augenblicklichen Bedürfn iße der Colonisten, nicht hinreichend genug, um ihnen die erforderlichen Samen, das Rindvieh, die Wagen, die Ackerbauwerkzeuge in größerer Anzahl, sowie eine Menge unentbehrlicher Gegenstände zu beschaffen. Herr Dr. Wechsler ist der Ansicht, dass eine Subvention von ungefähr 5000 Dollars, und zwar vor der Zeit der Saat, geboten sein wird, um die Einwanderer in den Stand zu setzen, sich künftig durch ihre Arbeit zu erhalten, ohne neuer Subvention zu bedürfen. Einige der jetzigen Colonisten, welche niemals als Ackerbauer reussiren werden, müssen anderweitig als Handwerker untergebracht werden, den übrigen muß bedeutet werden, dass sie fernerhin zum Leben nur auf sich selbst angewiesen sein werden, und, da in Poirrtsd Woods der Boden ein sehr fruchtbarer ist, darf man sich der Hoffnung hingeben, falls dieser Niederlassung jene neue Beisteuer von 5000 Dollars bewilligt wird, sie einer gedeihlichen Zukunft entgegengeht." Die Colonie Poiotsd Woods hat bereits verschiedene Subventionen erhalten. Außer den 10.000 Francs, welche Baron Hirsch dieser Niederlassung gewährt hat und den 3000 Francs, welche der Board von New-Pork entnommen, um sie Herrn Dr. Wechsler zu überweisen, hat das Central-Comite der russischen Juden zu Berlin in verschiedenen Raten eine Gesammtsumme von 3.700 Dollars gespendet, das Comitä des Nan8ioo8-Hou86 zu London eine Gesammtsumme von 1.200 Pfd. St. (30.000 Francs), das Central-Comite der Alliance 5000 Francs und daS Comite special de secours pour 168 Israelites russes zu Paris, desgleichen 5000 Francs. Infolge der erneuerten Bitte um Subvention, welche Herr Dr. Wechsler an das Central-Comite zu Gunsten der Colonie von Poioted Woods gerichtet, hat dasselbe nochmals einen Credit von 5000 Francs und das Comite des Mansion-House einen Beitrag von 300 Pfd. St. (7.500 Francs) votirt.