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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-05-13 · Heft 16 (13.5.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 16 (13.5.1884)
Date
1884-05-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — Vor allen Dingen muss der Verstand des Schülers nir« wickelt weiden, d. h. er muss dem Lehrer stets Rechenschaft geben können, worin das Vortreffliche und worin das Verwerfliche bestehe. Das wird er aber nur dann lernen, wenn dieser, io oft er ihm irgend Etwas als Muster vorsiugt, ihm auch die Gründe auseinandersctzt, warum so gesungen werden muss- Um dabei aber alle Einseitigkeit zu vermeiden und geistlose- Manier zu umgehen, muss er ihm mehrere Wege zum Ziele zeigen, ihn auch selbst welche finden lassen. Dadurch wird ein bedeutender Fortschritt gelhan werben, weil der Schüler begreifen wird, dass im Gesänge eilt Sinn liegen kann und liegen müsse. Zudem dies aber geschieht, wird auch sein Gefühl geweckt und geläutert werden, denn die Erkenntnis des Schönen gehl sogleich tu alle Geisteskräfte über. Wie der Menjcy das Gute nur zu kennen braucht, um cs zu lieben, zu verehren, zu wünschen, mir einem Worte: um dafür zu fühlen, so braucht er auch das Schölte nur zu kennen, mit. davon begeistert zu werden, dafür zu fühlen. Wird die große Lehre, dass einzig durch die Entwickelung des Erkenntnisvermögens der Schönheitssinn ausgebildet werden kann, nicht befolgt, so wird das Gefühl in ein unklares, bewußtloses Schwärmen ausarten, das, statt gleich einer Sonne zu erwärmen, wie ein Irrlicht trügerisch und verlockend wirkt. Ein durch jene Vernachläßigung Verbildeter wird gewöhnlich das Uebet raschende für schön, das Schöne für malt und alltäglich, das Originell-Unnatürliche für erhaben und das Natürliche für genietn halten. Wer hingegen auf die von uns vocgeschriebene Weise gebildet ist, der wird gegen jeden Zrrthum durch doppelte Waffen geschützt sein : erstens durch einen scharfen Verstand, und zweitens durch ein veredeltes und richtiges Gefühl. Za dieses kann dadurch in dem Grade erhöht werden, dass es auch da, wo dac Definiren endet, ein untrüglicher Führer wird. Ist das Gefühl ein natur- und kunstgemäß gebildetes, so wird auch die Phantasie diesen Eigenschaften entsprechen, weil durch und während der Ausbildung deS Verstandes und deS Gefühles dieselbe theils vor Verirrung bewahrt, theils geübt und gekrästigt wird. (Schluss folgt.) C a s u a l i e 1t Trauung s-, Grab- und R equ i e m g e s än g e für Solo, Soli und Chor mit Orgel begleiiu ug. componirt von A d. G rü nz w eig, C h o ru n d M u si km e i st e r in A r a d u n d H e r r n Jacob Bauer, O b e r c a n t o r der türkischen I s r a e li t e n-G e m e i n d e, B e g r ü u d e r der ö st e r r.-u u g a r. Cantoren-Zeitu ng 2c. in Wien, zu geeignet. Gewisse Wortführer des modernen jüdischen Cantoreuthums erfanden für die, einer etwaigen Popularität sich erfreuenden Collegen Benennungen, die nicht immer die Signatur eines logischen Gedankenganges an sich tragen. — So beliebte man mehreren Personen die patriachalische Benennung ,Papa" beizulegen, wenngleich die glücklichen Inhaber dieser Benamsung nichts weniger als väterliches Mitgefühl für das Wohl und Wehe ihrer Collegen bekunden; andere glückliche Collegen erscheinen gar mit der hochtrabenden Redeweise ״Meister" bezeichnet, trotzdem ihre Werke den Freispruch des Gesellen noch nicht vermuthen lassen. Solche und ähnliche Verschwendungen von Liebenswürdigkeiten, die jeder Berechtigung entbehren, schädigen die Sache, und namentlich die berechtigte Wertschätzung wirklich verdienstvoller Männer, indem die Richtigstellung einer interesfanten fachmännischen Erscheinung mit den in unseren Blättern leider üblich gewordenen Sclbstverherrlichungen oder der gedankenlosen GlorificirungAnderer für gleichbedeutend genommen wird. Angesichts solchsr Thatsachen ist es Psticht des gewissenbaften Berichterstatters, über alle Erscheinungen zu wachen, das Unbedeutende außer Acht zu lassen — auf das Bedeutsame jedoch durch entsprechende Beachtung hinzuweisen. Und das vorliegende Manui'eript Grüuzweigs verdient unsere Beachtung. — Durch dasselbe ist nicht nur, wie die oben angeführte Widmung bezeugt, der Beachtung und Anerkennung für die schätzbaren Bestrebnitgen unseres Collegen Bauers, sowie besonders für dessen Verdienste um die Orgaltisirnng des Gottesdienstes in der Wiener türkischen Gemeinde Ausdruck verliehen, sondern gleichzeitig jedem jüdischen Cantor eine sehr willkommene, freundliche Gabe gereicht, für welche wir dem Geber öffentlichen Dank sagen müssen. — Namentlich gilt dies von den Trannngsgesältgen. Das kurze, aber genial angelegte Orgelpräludium in B cliu• entspricht unserer Intention auch insofern, indem die Einbegleitung der F.steSstimmuug nicht der zufälligen Inspiration des Organisten überlassen wird. Der folgeudeNall towu in B dur, bei dessen Chorsatz das Vorbild eines bekannten Nab totvu stets vorschwebt, wird seine Wirkung nirgends verfehlen. Viel selbständiger ist das kurze Cantorrecitativ behandelt, welches eine rühmliche Ausnahme ähnlicher Proditkle des. modernen Cantorenthums bildet, jedoch piädiren wir für die Fortlassung sämmtlicher Verzierungen beim strsugdeutschen Recitativ. Die nachfolgenden, kurzen Responsorien Borueli Ltabo, Boruch elohenu 2c. sind als Ergänzung des Stoffes wohl nicht unentbehrlich — allein eine typische Behandlung derselben, namentlich die Berücksichtiguirg der Tradition, wäre wünschenswcrld. Eine äußerst willkommene und sehr schätzbare Bereicherung bietet uns Grünzweig mit seinen drei Ali addic — Nr. 1 in Des-dur — Nr. 2 in D-dur und Nr. 3 in Es-dur, wie nicht minder mit seinem Alllsroll in As und dem mit deutschem Texte componirten Brautliede in E-dnr »Mög' der Segen euch geleiten". Alle Piecen sind sorgfältig und durchdacht bearbeitet, und wenn wir im Ni addir II auf seine färbenprächtigen Modulationen, namentlich auf die frappante, aber äußerst wirksame Ueberleitung durch das Cantorsolo jeworech Ciiosoa we’challoli mit feinem Ruhepunkte auf dem Septimoaccorde 6, gis, h, D nach B-dur und auf die in der Cantorstimme etwas gewaltsamen, durch den herrlich gelungenen Orgelsatz jedoä) als selbstverständlich klingenden Modulationen nach D-dur besonders aufmerksam machen, so möge man das als individuelle Kundgebung gelten lassen. A n d e r e dürften neue Schönheiten entdecken. Als Perlen des vorliegenden Heftes müssen jedoch die beiden Nummern Ni addir III und das Brautlied bezeichnet werden. Alle Vorzüge, die ein Gelegenheitsgesang des heutigen, für religiöse Bedürfnisse zeitarmen Judenthums, an sich tragen muß, finden sich hier in eminenter Weise vereinigt. Kurz, stimmungsvoll und interessant angelegt, ermöglicht dieser Ni addir sowohl die Kundgebung der Sangestüchtigkeit des Canlors, die Trefflichkeit des Chorgesanges und die Meisterschaft des Organisten. Was das Brautlied ,Mög' der Segen" betrifft, sind wir der gewissen Ansicht, dass dasselbe bald nach seinem Erscheinen bei allen jüdischen namhaften Trauungen einen integrirenden Theil derselben bilden wird. Lieblichkeit, Frohsinn, Hoffnung, und wie all' die zarten Empfindungen zweier in treuer Liebe vereinigten Herzen heißen mögen, finden in dieser Pisee vollen und erschöpfenden Ausdruck; vielleicht wäre Freund Grünzweig

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