Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 16 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — im Arbeitszimmer singend einherschreitend, vielleicht gar in Gottes freier Natur sich ergehend, da fand er jene ihm zum Vorwurf, gemachten Melodien, die das Herz jedes fühlenden Juden bis in die tiefsten Tiefen erbeben machen; und hatte er für das Wort auch den geliebten Ton gesunden, dann erst war er bemüht, seine durch Fleiss und Emsigkeit erworbene Musikgelehrsamkeit anzuwenden. Von den 133 Nummern, welche Sulzer für den Schir Zion I arbeitete, erwähnen wir zuvor nur die Chorcompositionen Adon 010m in Es־dur Nr. 18 mit seinem herrlichen Musikgedauken und dem correct und ruhig hinfließenden Chorsatze; für Liebhaber der bewegten Form und Einzelmalerei den Adon 010m in As-dur Nr. 20; den Gaddelu Nr. 32. Im weiteren Durchbtättern verweilen wir freudigft beim hodu al erez Nr. 36׳ einer Perle des Synagogengesanges. Es ist äußerst lohnend, diese Nummer mit ähnlichen anderen Compositionen zu vergleichen, um die adeligen Qualitäten dieses G־add61u erst recht schätzen zu lernen. Der Jigdal Nr. 50, fehlt es hier wirklich an Musik und Musikgesetz? und der B’zes jisroel Nr. 04, ist er etwa bis nun überboten? Ferner der Schiwisi Nr. 62; die Nummer ist so prachtvoll gearbeitet, wie sie eben nur ein Meister der Tonsetzkunst liefern konnte. Wir könnten noch erklärend und hinweisend beim Jigdal Nr. 77, bei dem berübnnen wetiislach Nr. 112, bei dem überaus gewaltigen Chore Al nah’ros bowel Dir. 147 — bei den Hochzeitsgesängen Nr. 151, 152, 153, bei den Leichenchören 154 und dem bis jetzt unerreichten Sehochne bote chomer Nr. 155 und bei vielen andern Nummern verweilen, um Sulzers hohe Bedeutung als Schöpfer eines gediegenen Chorsatzes darzulegen, allein wir gestehen, am Ziele zu sein. Dem Unbefangenen, d. h. dem Gerechten gegenüber, bedarf es wohl keiner weiteren Beweise und die Mißvergnügten umzustimmen, dazu fühlen wir ebensowenig den Beruf in uns, als wir eine diesbezügliche Notb- Wendigkeit begreifen könnten. Es genügt uns die Thalsache, dass Sulzer mit feinen Chören die granitenen Brückenpfeiler geschlagen, über welche man bloß leichtes Holzwerk zu legen braucht, um der glücklichern Nachwelt einen bequemen Weg zu bahnen; so manches Stück dieses Holzwerkcs erscheint uns nach kaum einer Spanne Zeit morsch und zerbröckelt, indeß die viel älteren Träger unangetastet dastehen, gleichwie bei ihrem Erbauen. Darf die glückliche Nachwelt daher es jemals unbeachtet lassen, dass diese Pfeiler, die die Fähigkeit haben, den Anstürmungen der Lebens- und Zeitwellen , so mächtigen Widerstand zu leisten, die Hauptbedingungen für alles das bilden, was von späteren Generationen zur Verschönerung, vielleicht gar zur Verbesserung dieser Bestrebungsbahn geschaffen wurde? Nimmermehr! Nun, so seien wir ehrlich; suchen wir unsere Fähigkeiten zu vervollkommnen, unsere Anlagen auszubilden, unsere Kräfte anzustrengen, damit wir, um die Aufmerksamkeit der Mitwelt auf - uns zu lenken, nicht den Verrath begehen, an der hohen Bedeutung eines gott׳ begnadeten Mannes rütteln zu müssen. Nicht blos wir, auch die späteste Nachwelt noch wird bewundernd und staunend vor diesen Arbeiten stehen und das Talent wie den ehernen Willen des Mannes preisen, der in Nacht und Gefahr ganz allein ein Vorkämpfer gewesen für all' die Güter, deren wir uns erfreuen. Soviel über Sulzer's Synagogen-Compositionen. (Fortsetzung folgt.) Vom Ausdruck. Der Ausdruck ist daß Erzeugnis jener wunderbaren Gesammtkraft, die den ausgezeichneten Menschen bildet, er ist das Gepräge aus der Münze des Talentes, das Mittel, wodurch der Sänger das Werk der Dichtkunst und Musik zum zweiten Male schöner schafft, weil er durch die Kunst des Ausdruckes selbst Poet wird im höchsten Sinne. Suchen wir den Begriff des Ausdruckes durch einen Vergleich der Gesangmit der Malerkunst zu verdeutlichen. Bevor der Maler aussübreu kann, muss er die Zeichnenkunst gründlich erlernt und seinen Geschmack durch häustges Anschauen und Studiren schöner Formen und Gruppen geläutert und gebildet haben; nicht minder nöthig ist ihm die Kenntnis der Farbenbehandlung und Uebunz im Führen des Pinsels. Erst nachdem er das Alles sich angeeignet, kann er die eigene Phantasie üben, indem er Entwürfe zu künftigen Werken macht und diese später beginnt. Gerade so ist es auch mit dem Sänger. Tonbildung, die Kunst des Athmens, Portamento, Beweglichkeit der Stimme, Vortraglehre und musikalische Kenntniße sind ihm Zeichnenknnst, Farbenbebandlung und Führen des Pinsels, was dem Maler das Anschauen schöner Formen, das ist diesem das Anhören klassischer Sänger; jener erlangt Gescymacksbildung durch Vermittelung des Auges, dieser durch Ver- Mittelung des Ohres. Das aber macht noch keinen echten Künstler; denn es kann Jemand das Alles getrieben und sich angeeignet haben, ohne es durch selbsteigene Schöpfung in's Leben rufen zu können, d. b. es auszudrücken, das ist einzig und allein Sache des Talentes. Wo dieses nicht ist, da ist alle Mühe vergebens, den Ausdruck beizubringen, der eben nur durch die That erwiesen, doch nicht gelehrt werden kann; wo aber Talent sich reget, da braucht cs auch nur des belehrenden Beispiels und leitender Winke. Der beste Meister vermag nichts weiter, als die Materie, die der große Urgeist schuf, zu veredeln, er ist ein Bildner, kein Prometheus, er kann nicht das belebende Feuer aus der Werkstatt der Natur entführen und der todten Masse einflößen. Die Kunst des Ausdruckes also ist nichts Geringeres, als die Kunst, das erkannte Vortreffliche mit den erworbenen Mitteln zur schönen Erscheinung zu machen. Der Ausdruck ist mithin von dem Vortrage merklich unterschieden; dieser ist der Körper, jener der Geist im Gesänge, der Vortrag entspricht der Form und Gruppirung, der Ausdruck der Idee des Göttlichen, die uns aus dem großen Bilde entgegenstrahlt, und nur wenn Vortrag und Ausdruck gleich vollendet sind, erhebt sich der Gesang zum Kunstwerke. Nachdem wir so den Begriff des Ausdruckes festgestellhaben, wollen wir auch den Weg zeigen, auf welchem, er einzig zu erlangen ist. In der neueren Zeit bat der Wahn überhand genommen, ja Manche haben sogar behauptet, das echte Talent brauche als solches keine Studien zu machen, ja diese seien ihm sogar nachtheilig, es wäre am reinsten und vollendetsten, wie es aus der Hand der Natur komme. Es gibt keine größere Irrung, als diese, welche aber leider einen Anstrich der Wahrscheinlichkeit und durch die Bequemlichkeit, die sie bietet, unzählige Anhänger .sich erworben hat. ־ Wie Alles im Menschen, so bedarf auch sein Talent der Ausbildnng, wenn es nicht zum sogenannten wilden Genie ausarten soll. Denn was ist das Talent anders, als ein hoher, unter gewissen geistigen Fähigkeiten gleichmäßig vertheilter Grad von Kraft? Je gleichmäßiger diese nun ist, desto mehr ist geistige Harmonie im Menschen vorhanden, und je größer sie ist, desto mehr nähert sie sich dem Genie. Die geistige Harmonie sindet sich nirgends vollkommen, da sie aber die Mutter des Kunst- Werkes ist, so muss sie ein guter Lehrer in seinem Schüler begründen und befördern, so wie es seine Aufgabe ist, die einzelnen Kräfte desselben mehr und mehr fortzubilden. Diese einzelnen, beim Ausdrucke thätigen Kräfte sind: der Verstand, das Gefühl und die Phantasie.