Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-04-27 · Heft 14 (27.4.1884) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 14 (27.4.1884)
Date
1884-04-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452974--0982-3455073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mudapest. Aus der Gemeinde Jant (Beregher Comitat) wird folgende Geschichte mitgetheilt: Der dortige Richter begab sich vor einigen Tagen zum Markte nach Beregßaß und lud einen ihm befreundeten Israeliten, der sich anschickte, denselben Weg zu machen, ein. auf seinem Wagen Platz zu nehmen. In Beregßaß^ angelangt, begegneten sie dem dortigen Gemeindeschächter. der von dem Begleiter des Richters aufgefordert wurde, für ihn eine fette Gans zu kaufen und sie gleichzeitig zu schlachten. Der Richter hörte das letzte Wort und — da die .jüdischen Osterfeiertage im Anzuge .waren — stutzte er; doch schwieg er vorläufig, er wollte die Juden in flagranti er tappen. Nachdem sie ihre Angelegenheiten geordnet, machten sie sich auf den Heimweg; kurz zuvor hatte der Schächter die in einem blutigen Sack gehüllte Gaus gebracht und auf den Wagen geladen- Unterwegs fühlte der Richter nach dem Sack, er stieß - auf einen weichen Gegenstand, und es unterlag daher keinem Zweifel, dass der Sack den Körper eines geschlachteten Mädchens enthielt. Als sie in der Heimatsgemeinde anlangten und der Jude sich untei Dankesbezeugungen entfernen wollte, herrschte ihn der Richter an, dass er ein Gefangener sei, und ohne auf dessen erstaunte Frage eine Antwortzu ertheilen, berief er die Geschwornen und Dorfältesten zusammen, die er mit einer Rede empfing, in welcher er sagte, dass nun, alle Pester Advocaten zusammengenommen, nicht bestreiten werden können, dass die Juden Chriftenblut benützen, er habe ein Corpus' delicti in der Hand. Und mit feierlicher Miene hob er den Sack aus dem Wagen und legte ihn. vor den Versammelten auf die Erde, worauf er mit einer dem Anlasse entsprechenden Feierlichkeir den Sack öffnete: ,Hier ist das hingeopferte Christenmädchen!' rief er emphatisch aus, und mit einem kühnen .Griff brachte er die bedauernswerthe Gans zum Vorschein. Der Richter ward erst seines ,Versehens" gewahr, als die Dorfbewohner hell auflachten. Der Jude aber wurde mitsammt der Gans sofort freigelassen. Smyrna. Unser Kaiser, der Sultan, hat den hiesigen Israeliten wiederholt Zeichen seines Wohlwollens gegeben- Die israel. Gemeinde stand seil Jahren, in Bezug auf ihren alten Friedhof, mit den Stadtbehörden in Prozeß, welche den großen Raum für sich in Anspruch nehmen wollten, weil die israel. Gemeinde keinerlei Besitzdoeumente über diesen aufzuweisen im Stande ist: Alle Instanzen waren angerufen worden, deren Bescheide aber nicht günstig für die Israeliten ausfielen, bis endlich die Angelegenheit an den Sultan gelaugte, welcher sie zu Gunsten der jüdischen Gemeinde entschied. Der Sultan erließ einen Firman, in welchem er der Gemeinde unentgeltlich 150 Donoums Land, den größten Theil des Friedhofsterrains, überlässt. Um fernere Streitigkeilen zu vermeiden und die Profanation der Gräber zu verhindern, muss die Gemeinde auf ihre Kosten eine Mauer um den Begräbnisplatz ziehen. Das Localromitö der Allianceschule hatte den General-Gouverneur Nachid Pascha ersucht, den zu Gunsten dieser Schule abzuhaltenden Ball unter seinen Schutz zu nehmen. Dieser gewährte nicht allein diese Bitte, sondern bot auch fein Palais zur 'Abhaltung des Balles an. Als die Verwaltungen einiger türkischen Schulen dagegen remonstrirten, wurde dem Pascha auf Auftrag höheren Orts von Constantinopel aus die Genehmigung zur Ausführung seiner wohlthätigen Absicht zugeschickt. In Beantwortung einer vor Beginn des Balles seitens des Alliance-Comitc's überreichten Adresse sagte der General-Gouverneur: Indem ich den Schutz dieses wohlthätigen Festes übernommen und meine officielle Residenz zu Ihrer Verfügung stellte, entsprach ich nur den erleuchteten und guten Gesinnungen meines hohen Herrn, welcher keinen Unterschied zwischen Len verschiedenen Racen seines Reiches kennt und welcher gegen alle seine Unterthanen die gleiche Liebe hat. London, 19. April.' (Excesse gegen Juden.) In Limerick (Irland) hatten sich am Freitag sechs Albeiter vor dem Polireirichter wegen der Ausschreitungen zu verantworten, deren sie sich am Sonntag schuldig gemacht hatten, indem sie das Haus eines Juden, Namens- Leib Seine, theilweise zerstörten und diesen selbst mißhandelten. Leib, welcher erklärte, vor Schrecken beinahe gestorben zu sein, wußte keinen Grund anzugeben, wodurch er sich den Unwillen der Volks׳ Massen zugezogen. Der Polizei-Jnspector sagte jedoch, dass in dem Hofe des Leib Geflügel bei lebendigem Leibe mit Messerstichen verwundet worden sei, um Blut für das Osterfest zu gewinnen, und dies habe die Nachbarn wider die Juden aufgebracht, worauf es am Sonntag Abends zn Ausschreitungen kam. Der Bürgermeister erklärte, er werde derartige schmähliche Gewaltthaten unter keiner Bedingung dulden; die Schlachtung von Hühnern-sei -nicht strafbar; alle Hühner,- welche die Christen essen, müßten ja auch geschlachtet werden, und doch versetze dies Niemanden in Aufregung. Den armen Inden müsse Schutz gewährt werden. Zwei der Angeklagten wurden zu einem Monat Hast mit Zwangsarbeit verurtheilt, die übrigen aber gegen- Bürgschaft für ihr weiteres Wohlverhalten auf freien Fuß gesetzt. Jüdische SecLirer in Anßtand. Iw Rußland hat die Brandung der antisemitischen Fluten, außer-dem Mord und Brand,- den Hetzen und der Bedrückung, auch ein Ueberprodnet zn Tage gefördert, welches — Scctirerei, Religionßstiften heißt. Der Name- ״Frilocker', welchen der Odessaer Apostel des ״neuen Israel" trägt, ist in diesen Blättern schon öfter erwähnt worden. — Ihn trägt ein Schulmeister anrüchtigen Rufes. Auch in Elisabethgrad hat sich ein- Couventikel gebildet, geführt von einem Manne, Namens Gordin. Dieser, ein etwa 30 Jahre alter Litthaucr, hat niemals Talmud gelernt, dagegen versieht er russisch und deutsch, 1878 kam er als Lehrer der Talmud-Thoraschule nach E. Streit- und zanksüchtig, lager sich bald mit den Vorstehern in den Haaren, so dass er entlassenwurde und eine Privatschule errichtete. Da er seinen Jähzorn die Schüler fühlen ließ, löste sich die Schule auf. Durch Stnndengeben konnte er seine Frau und vier Kinder nicht, ernähren. Da ward er-. — Prophet. Im März 188k .fing er vor jungen Menschen aus-den ungebildeten Schichten zu predigen an. Ein ingrimmiger Hass gegenden Talmud beseelt ihn und gibt den Inhalt zu seinen Reden. Die von ihm gestiftete und ihn - besoldende Gemeinde nennt sich ,,die Brüder". Ihr Gesetz lautet: Es gibt nur Pflichten gegen die Nebenmenscheu, aber keig-e des Menschen gegen Gott. So ist es erlaubt — jetzt vielleicht Pflicht — den Sabbath zu entweihen, am Pessach Gesäuertes zu essen, die Worte der Weisen zn verspotten — dagegen sollten sie nicht Schnaps verkaufen, nicht Wucherer und Makler fein. Es wird natürlich nichts so heiß gegessen, wie's-gekocht wird. Und so ist der Tugendspiegel der Theorie viel fleckenloser, als der der Praxis- Zweimal in der Woche, Dienstag und Sabbath, versammeln sie sich in dem Hanse eines Mitglied, s, und ein Mitglied — gewöhnlich eine -der Schwestern —. liest einen Psalm in russischer Uebersetznng vor, Psalm 21 oder 72 als Gebet für den Herrscher. Dann hält Gordin eine Predigt über einige Schriftverfe, schimpft auf die Talmudisteu, welche alles Unheil über Israel gebracht haben. Es gibt wohl keinen Antiseiniten, der die Juden ingrimmiger haßt, als dieser Gordin. Das wird natürlich mit der Zeit langweilig und so hat sich die Zahl der .Anhänger zusehends verringert. Junge, unwissende Männer, reife, unverheiratete Damen und — ein Rechtsanwalt, der ehrliches, religiöses Streben, aber keine Kenntnis der jüdischen Schriften hat, bilden die Gemeinde. Im vorigen Sommer war der oben benannte ״Frilocker" hier und predigte einigemal bei den ״Brüdern". Aber, da F. die Talmudisten rühmte, gab's Zank und Streit. Im großen Ganzen scheint's, dass die Sectirer die Seete der Stundisten nachgeahmt haben, welche im Süden Rußlands bei den - Christen Tausende von Anhängern zählt und von denen Einzelne die Predigten Gordin's besuchen. Immer mehr entfernen sich diese Gordinisten vom Jndenthum, wie ihr Meister es schon ausgesprochen,- hängt er mit den Juden nur durch den Zufall der Geburt zusammen;- m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.