Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 14 (27.4.1884)
- Date
- 1884-04-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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der Stimme in Erstaunen zu scheu. Niemals jedoch wurde diese von der bloßen Begierde nach vorübergehendem Beifall einer einsichtslosen Menge geleitet, sondern durch Gesetze eines edeln und seinen Geschmackes bestimmt. Wie streng das Gegentheil selbst an den größten Sängern gerügt ward, davon geben wir im Folgenden ein Beispiel: Als Bernacchi nach längerer Zeit einl'r wieder vor seinem Meister Pistocchi sang, soll dieser״ unwillig ausgerufen haben: ,Wehe, ich habe Dich singen gelebrt, und Du spielst!', womit er Bernacchi den Borwurf gemacht hätte, den Gesang mit melismatischem Schmuck überladen zu haben, obwohl Händel und Graun ihn den König der Sänger nannten. Die Agilität der alten Sänger war voll Bravour und stets von der Ziegel des schönen Tones geführt. Es war jedoch ganz in der Ordnung, dass, als diese verschwand, auch jene zu Grunde ging, und so ist es geschehen, dass die Coloratur der meisten Neueren so aus der Art geschlagen ist, dass der Wunsch nach eiusachem Gesänge überall sich regt und selbst die Sänger, im Gesühl ihrer Schwäche, ihm entgegenkommen. Man hüpft aber von einem Äeußersten zum anderen, denn sehr Biele wollen jetzt plötzlich ganz schmucklos singen, was sie noch weit weniger als den verzierten Gesang können, und was auch unsere großen Borgänger nicht thaten. Zn diesem mißverstandenen Eifer nun verschmähen sie das, was sie leichter haben könnten, ohne das Fernliegende zu gewinnen, d. h. die verzierte Gesangweise wird vernachlässiget, und zum einfach-erhabenen Styl, welcher vielleicht ohne allen Schmuck wirken könnte, besitzt man die Mittel, großen Ton, Geschmack und Bortrag nicht. Eine andere Partei, welche der Beweglichkeit der Stimme nachjager, scheut wieder die Studien, die zu ihr führen, und insbesondere die mühsamen des Trillers, der schwierigsten aller Gesangverzierungen. So ist es denn gekommen, Lass der Triller, auf dessen Erlernung sonst so vieler Fleiß verwendet wurde, fast ganz verloren gegangen ist, ja in manchen Gesangschulen sogar unrichtig gelehrt wird. Dem früher und jetzt Gesagten und Angeführten fügen wir erläuierungsweise noch folgende geschichtlichen.Betrachtungen hinzu. Mau kann daraus lernen, mit welcher gewistenhaften Genauigkeit beim Gesangunterrichte zu verfahren ist. Wird diese nur im mindesten aus den Augen gesetzt, so bricht das Uebel gleich herein, und zwar immer in Gesellschaft. Als man ansing, die Masse des Tones zu verachten, war es natürlich, dass der Ton unter den mitgetheilten historischen Umständen mit dem Ableben großer Singmeister immer mehr in Verfall kam, so dass heutzutage davon fast gar nicht mehr die Rede ist. Im Anfänge des Tonverfalles respectirte man wenigstens noch den Klang des Tones, wenn man auch nicht mehr Stärke, Fülle und Umfang von ihm forderte, auch bemühte man sich noch, die Coloratur fehlerfrei zu erhalten, denn es war noch nicht alle Lust am Studium verschollen. Nicht lange jedoch währte diese Periode, die Vernachlässigung des Tones ging Schritt für Schritt vorwärts, und je mehr er als solcher überhaupt abnahm, desto weniger konnte er sich in der Coloratur rein erhalten. Der Triller besteht darin, dass die Stimme zwei neben einander liegende Töne schnell, gleichmäßig und abwechselnd wiederholt. Der erste dieser Töne heißt Grundton, der zweite Hilfston. Sie dürfen nur ein großes oder kleines Secunden- Intervall bilden. Der Triller muss von der Hauptnotc und nicht von der Hilfsnote ausgehen. Je weniger Anstoss er von der Brust aus erhält, desto schöner ist er, und lediglich in der Kehle gebildet, ist der Triller vollendet zu nennen. Die beiden Töne, die ihn ausmachen, müssen gleichen Zeitwerth und gleiche Stärke haben; tritt einer in diesen beiden Beziehungen mehr hervor als der andere, so ist der Triller schon fehlerhaft. Die gleichförmige, schwingende Bewegung, wobei, wie beim Läufer. Bindung und Abstößen in gleichem Maße vorhanden sein müssen, ist eine Schönheit. Er bekommt mittelst der unter der Hauptnote zunächst gelegenen Note, welche eine kleine oder große Secunde sein kann, einen Schluss. Er darf nicht zu laut, geschweige denn schmetternd sein. Hinsichtlich der Schnelligkeit seiner Bewegung richtet er sich nach dem Musikstücke, in welchem er vorkommt, so dass er im Allegro am raschesten, im Adagio am langsamsten geschlagen werden muss. Dies gilt besonders vom Schlüße desselben, und überhaupt ist der Grundsatz unverbrüchlich festzuhalten, dass die Schnelligkeit der Bewegung nie zu groß werden darf; selbst im Allegro muss sie noch sehr gemessen sein. Der Triller aus einer Schlusecadenz und Fermate ist von dem gewöhnlichen wesentlich verschieden. Hier muss er an Schnelligkeit wachsen, an Stärke aber zu- und abnehmen. Bei einem solchen Trii.er kann der Sänger den Schluss auf mannigfache Art machen, und je größere Abwechslung er bei ähnlichen Gelegenheiten darin trifft, desto gebildeteren Geschmack und desto mehr׳ Phantasie wird er verrathen. Der Schluss oder Nachschlag darf nur beim Pralltriller fehlen, ja dies ist hier sogar Negei. Der Pralltriller darf jedoch einzig bei punktirten Noten angewendet werden. Er wird auf die gewöhnliche Art, bisweilen auch wie das Mordent bezeichnet. Es ist eine irrige Meinung, dass manche Menschen auf keine Weise den Triller lernen könnten, das Studium desselben fällt diesem nur leichter, jenem schwerer, je nachdem die Organe mehr oder weniger biegsam und bildsam sind. Nachstehende Hebungen müssen mit strenger Beobachtung folgender Regeln getrieben werden. 1. Der Schüler muss in den Uebungen mit Vierteln׳ und Achteln die Secunde jedesmal stärker als die Prime artikuliren. 2. Diese Uebungen müssen anfangs sehr langsam, und nur allmälig schneller vorgelragen werden. 3. Der Schüler darf weder Lippen, noch Zunge, noch Untertiefer dabei bewegen. 4. Eben so wenig darf dabei Anstoss mit der Brust gegeben werden. 5. Bei zunehmender Schnelligkeit des Trillerns muss der Lehrer scharf daraus merken, dass der Schüler niemals mit dem Hilfsione anfange, wodurch eine musikalische Manier entstehen würde, welche, obwohl neuerdings für Triller ausgegeben, dennoch keiner ist. Nicht weniger muss verhütet werden, dass der Schüler in den ebenso tadelnswerthen Fehler verfalle, den Triller in einem Terzen-Jntervall zu schlagen, oder eine und dieselbe- Note abzustoßen, was man, wie den schlechten Läufer, Meckern nennt. Für die Gesanglehrer bemerken wir hier ausdrücklich, dass die tiefsten und höchsten Töne der Stimme sich für das Lernen des Trillers nicht eignen und dass Derjenige, welcher hier ihn studiren ließe, die Stimme zerstören würde. In der Regel kann das Triller-Studium auf dem vierten Tone der Stimme vom Anfänge derselben herein begonnen, und auf dem vierten vor dem Ende derselben geschlossen werden. ־ Das Triller-Studium muss ferner auf großen Secunden, nicht, wie gerathen worden ist, blos auf kleinen getrieben werden. Wird der letztere Nath nämlich befolgt, so-gewinnt der Lernende zwar eher den Triller, jedoch eben nur auf kleinen Secunden oder halben Tönen, und er muss den aus ganzen nochmals von