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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-04-19 · Heft 13 (19.4.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 13 (19.4.1884)
Date
1884-04-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— — Studium des Läufers. Der Schüler darf mit keiner Bewegung irgend eines Gliedes oder des ganzen Körpers der Schwerfälligkeit der Stimme zu Hilfe kommen wollen, denn mechanische Fertigkeit kann nur dadurch gewonnen werden, dass man die zu ihrer Erlangung nöthigen Uebungen immer und immer wieder auf, eine und dieselbe Weise treibt. Dadurch bildet man sich ein förmliches System für Stellung und die anzuwendende Quantität des Atbems, die Stimmorgane werden einer guten Maschine 1 ähnlich gemacht, in welcher alle einzelnen Theile nach wohlberechneten Gesetzen in einander greifen, und wie bei dieser nur erforderlich ist, dass sie in die richtige Lage und Bewegung ge- Tracht werde, so hat der nach jener Negel gebildete Sänger nie zu fürchten, dass in seinen Organismus eine Stockung eintrete, «r wird nie in Verlegenheit kommen, wie diese oder jene Schwie. rigkeit zu ü erwinden sei, also nie vom Zufalle abbängeu, denn er weiss genau, wie er zu verfahren hat, eine untrügliche Erfahrung steht ihm zur Seite, die zuletzt sogar in ein physisches Gefühl im Stimmorganismus übergeht, demjenigen ähnlich, welches sich den äußeren Gliedern durch lange, gleichmäßige Uebung in einem Geschäfte miitheilt. Nicht genug, dass durch die Befolgung dieser Grundsätze öie Kunstfertigkeit des Sängers eigentlich erst eine solche wird, so har sie auch noch den großen Vortheil, dass sie ihm Muth und Selbstvertrauen gewährt, wodurch seine künstlerische Sicherheit, auf welche so Vieles ankommt, noch um ein Bedeutendes zunehmen wird. Bringen wir nun noch in Anschlag, dass er nur uns diesem Wege die Kräfte seiner Brust kennen lernen und uusbilden kann, was zum guten Vortrage unerläßlich ist, so bleibt nichts übrig, was zur unverbrüchlichsten Beobachtung des angegebenen Systems noch mehr aufzufordern vermöchte. Unter diese Grundsätze gehört auch der einer unveränderten Beibehaltung der einmal angenommenen Mundstellung während -eines Läufers, dessen Vernachlässigung das bereits beschriebene Vocalisiren zur Folge hat. Vieimehr muss der Vocal, mit welchem in dem gedrängt vollen Gotteshanse lautlose Stille herrschte, trat Sulzer vor die Bundeslade, um das sogenannte HIussak-Gebet zn celebriren. Wie ergriffen er auch sein mochte, da er 5,1m letzten Male öffentlich fungirte, es war am Tone seiner noch immer so mächtigen Stimme nichts zu merken. Nach wiederholtem Segensspruche verließ er die Stätte seines Wirkens. Alles drängte sich an ihn heran, um ihm noch einmal die Hand zu reichen. In seine Wohnung zurückgekehrt, die in einen Blumengarten verwandelt war, fand er viele Freunde, den Vorstand und die Beamten der Gemeinde, welche ihn und seine zahlreiche Familie, Söhne, Tochter, Enkel und Urenkel zu dem heutigen seltenen Abschiedsfeste beglückwünschten. Sulzer spendete dem Tempel sein prachtvoll gebundenes Werk ״Schir Zion“, einen silbernen Pokal mir entsprechender Zuschrift und eine rothe, reich mit Gold besetzte sammtene Altardecke, die sich nachweislich seit zwei Jahrhunderten im Besitze seiner aus Sulz-Hohenems stammenden Familie befindet. Die Feier trug keinen specisisch religiösen Charakter; es wohnten ihr Vertreter aller Confeffionen, die in Sulzer den großen Künstler und edlen Menschen schätzen, mit Interesse bei. Besonders die musikalischen Kreise, in welchen Sulzer einst als Schubert-Sänger «inen so großen Nns genoß, waren zahlreich erschienen.". Und dieser unvergeßliche Künstler vollendete am 30. März d. I. sein 80. Lebensjahr in verhältnißmäßig erfreulicher Rüstigkeit. Möge Gott ihn noch lange gesund erhalten und der Abend seines Lebens nur von Freuden jeglicher Art begleitet sein! man. einen Läufer angefangen hat, deutlich derselbe bleiben. Beim Läufer darf ferner die Stimme nicht sehr verstärkt und der Athen! nur in geringer Quantität in die Luftröhre gestoßen werden, weil sonst die Töne wie stolpernd und meckernd klingen. Beim Läufer darf ferner der Ton nicht stark sein, weil ein starker und umfangreicher Ton immer schwerfällig, das erste Erfordernis des Läufers aber Leichtigkeit und Beweglichkeit ist. Man kann die Lehre von der Kehlfertigkeit, Agilität der Stimme oder Coloratur im Allgemeinen in folgende praktische Sentenzen zusammenfassen: 1. Die Noten darin müssen zugleich gebuudeu und abgestoßen werden, und zwar beides in gleichem Grade. 2. Die Mundstelluug darf, so lauge nicht ein Wechsel des Vocals eintritt, nicht verändert werden. 3. Während der Passagen muss der Körper regungslos bleiben. 4. Es darf nur wenig Athem in den Kehlkopf gestoßen werden. Wird das Gesetz unter 1. erfüllt, so erhält die Coloratur den perlenartigen Charakter, der sich in der Sprache nicht weiter versinnlichen lässt. Durch die Beobachtung der zweiten Regel wird der Vocal in seiner ursprünglichen Reinheit erhalten, er wechselt das Colorit nicht, welches ihm der Sänger verlieh, als er ihn zu singen begann. Das dritte Princip bedingt die Festigkeit jedes einzelnen Tones, und bei Sprüngen auch die Neinheir. Der vierte Grundsatz erzeugt Leichtigkeit und Grazie. Jene besteht darin, dass der Ton nicht stark und umfangreich sei, eine in der Coloratur verwerfliche Eigenschaft des Tonstrahles. — Die Grazie ist der Cbarakter der Anmuth in ihrer Bewegung und also das Erzeugnis der Leichtigkeit. Die Coloratur nun, welche den ausgestellten Grundsätzen in deren vollster Ausdehnung entspricht, heißt Ooloratura §ranita. Deutsch könnte sie treffend mit perlige Coloratur übersetzt werden. Wird gegen das unter 1. gegebene Gesetz in der Art verstoßen, dass das Abstoßen der Töne das Binden überwiegt, so wird zwischen den einzetnen Tönen, namentlich im Aufwärtssteigen, ein H hörbar. Diese Art der Coloratur heißt Coloratura alla cavalletta, eigentlich Pferdegewieher, und kann im Deutschen genügend mit Meckern oder Kichern oder Wiehern bezeichnet werden. Herrscht hingegen in der Coloratur das Binden vor dem Abstößen vor, so nennen sie die Italiener Ooloratura saponata, eigentlich seifige Coloratur, was im Deutschen bezeichnend mit Gähnen oder Heulen wiedergegeben werden kann. Wenn das unter 2. gegebene Kunstgesetz verletzt wird, so entsteht die sogenannte Coloratura vocalisata, vocalisirende Coloratur, Vocalisiren. Darin wird das Colorit des Vocals, welches er bei seinem Eintritt hatte, vielfach verändert, so wird z. B. das anfangs ganz Helle A allmälig dunkler, geht dann in 0 und zuletzt in II über. Wenn gegen das unter 3. gegebene Gesetz gehandelt wird, so wird den einzelnen Tönen einer Passage die Festigkeit geraubt, weil es unmöglich, bei bewegtem Körper den Tonanschlag zu bewahren. Fehlt aber den Tönen die Festigkeit, so werden die Coloraturen nie brillant, sondern unklar und nebelig, die Sprünge zugleich unrein. Da der vierte Grundsatz Leichtigkeit und Grazie der Ton-, figuren bezweckt und bedingt, so muss seine Vernachlässigung natürlich Schwerfälligkeit und das Gegentheil der Grazie, Plumpheit in der Bewegung erzeugen.

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