Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (3.4.1884)
- Date
- 1884-04-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Stellen athmen darf, was doch der Fall sein müßte, wenn das musikalische Element über das Athmen entschiede. Wenn ich zum Beispiel eine und dieselbe Arie mit deutschem und italienischem Text singen will, so muss ich im Deutschen an ganz anderen Stellen athmen, als im Italienischen, wenn die Deelamation in beiden Sprayen gleich schön sein soll. Denn wo vielleicht im deutschen Texte musterhaft geathmet würde, könnte das Athmen im italienischen grundfalsch sein. Wollte ich in beiderlei Texten dieselben Athempunkte einschalten, so würde dadurch die Deelamation nichr nur beeinträchtiget, sondern oft ganz corrupt und sinnlos werden, sa es würde sich häusig treffen, dass man dabei gegen die einfachste Grundregel, nicht im Worte zu athmen, verstieße. Da nun beim guten Compositeur Rbytbmik, Melodie und Sprache Eins sind, so wird man in guten Eompositionen beim rhetorischen Athmen nur 'äußerst selten gegen die zwei für das melodische oder rhythmische Athmen aufgestellten Regeln zu verstoßen brauchen, und es kann demnach das Athmen in den Solfeggien als Vorstudium für das in den Arien, mehrstimmigen Sätzen und Rccitativen angeseden werden. Die Regeln für dasselbe zerfallen in positive und negative, d. h. in solche, welche bestimmen, wo man athmen muss, und in solche, welche festsetzen, wo nickt geathmet werden darf. P o s i t i v e N e g e l u. Auch beim rhetorischen Atbmen gilt das Gesetz, so selten als möglich im Tactstriche zu athmen oder die Tactabschnitte durch Athmen in zwei gleiche Hälften zu theilen. Denkbare Fälle, wo im Tactstriche oder in der Mitte des Tactes geathmet werden muss, sind z. B. folgende: 1. Wenn zwei Noten auf gleicher Klangstufe so neben einander stehen, dass die erste einen Tact oder die erste Hälfte eines Tactes schließt, und die zweite den neuen Tact oder die zweite Hälfte eines Tactes anhebt, ohne dass über beiden ein Bogen gezogen ist, oder beiden ein einzelnes oder zwei untrennbare Worte unterliegen. 2. Wenn in einem langsamen T״mpo mehrere Noten auf einen Tactstrich oder unmittelbar auf die Mitte des Tactes folgen, ohne dass unmittelbar vorher oder während derselben Gelegenbeit zum Aihnien gegeben ist; oder 3. eine Fermate folgt, alio das physische Bedürfnis vorwaltet und befriedigt werden muss, wenn nicht gegen declamatorische Gesetze verstoßen werden soll. 4. Wenn ein und dasselbe Wort den einen Tact schließt und ׳ den neuen eröffnet, wodurch das Athmen geradezu nothwendig wird, wenn nicht eine bedeutungslose Wiederholung ent-- stehen soll. 5. Zn der Mitte des Tactes und im Tactstriche muss geathmet werden, wenn ein Wort hier steht, nach welchem es dem declamaiorischen Geschmacke zufolge geschehen muss, indem etwa das beziehende Fürwort, oder ein ganz neuer Gedanke, oder ein eingeschobener Satz u. s. w., die zweite Hälfte des Tactes oder den nächsten Tact beginnt. 6. Wenn das pbysiscke Bedürfnis des Athmens zunächst vorher und nachher nur mit Verletzung des declamatorischen Geschmackes befriedigt werden könnte, so ist die Störung der Rhythmik durch Athmen in der Mitte des Taetes oder im Tactstriche immer noch rhetorischer Gewinn, und also erlaubt. 7. Wenn ein neuer musikalischer Gedanke die zweite Hälfte des Tactes oder den neuen Tacr eröffnet, wo immer auch im Text ein neuer Zdeengang anhebt. Ist in manchen Fällen die Brust noch voll Luft, der gute Geschmack gebietet aber Trennung der Worte, so kann an die Stelle des Athmens Absetzen des Tones treten, was jenes ersetzt, sobald nicht gewisse Fälle eintreten, wo das Atbmen eine plastisch e Wirkung Hervorbringen soll und kann, und welche unter den über die sogenannte Furberia del canto zu gebenden Lehrbegrisf fallen. Man muss vor einer Reihe gebundener Noten von größerer Geltung athmen, um die Stimme aushallen lassen zu können. Man mus-׳ vor jeder Note größerer Geltung athmen, an welche sich ein Läufer anschließt. Man muss vor jeder Fermate und insbesondere vor jeder Cadenz ad libitum athmen, um in den Stand gesetzt zu sein, die Stimme aushallen zu lassen. Negative Regeln. Man darf nicht im Worte atbmen. Alan darf nicht synlactisch zni'ammengehörende Worte durch Athemholen von einander trennen, man darf also nicht zwischen Hauptwort und Beiwort, zwischen Artikel und Substantiv, zwischen Hauptzeitwort und Hilfszeitwort, welche mit einander einen Begriff ausmachen, athmen. Man darf nicht zwischen dem Vorschlag und der Hauptnote athmen, ausgenommen, wenn man das Portament nach der Anticipation anbringen kann. Man kann mit dem Athmen die größten Wirkungen, völlige Ueberraschungen hsrvorbringen, wenn man mehrmals hintereinander, oder an Stellen athmet, wo es von Niemand vermulhet wird. Die Kunst, solches mit Wahl und Erfolg zu thun, nennt man Furberia uel oanto — Verschmitztheit im Gesänge. Sie ist an keine Regel gebunden, sondern einzig Erzeugnis des Sängergenre's. Nicht genug, dass der Zuhörer dadurch gewaltsam auf den Gedanken gebracht wird, der Sänger wolle hier etwas Außerordentliches sagen, der letztere wird in dem ersten der beiden angegebenen Fälle auch in den Stand gesetzt, mit dem in großer Menge vorhandenen Athem die Stimme mächtig anzutreiben, sowie durch das mehrmalige Abfetzen derselben eine starke Accentuation bewirkt wird. Dieses wirkungsreiche Kunstmittel kann soweit getrieben werden, dass man, wenn die Brust allzusehr mit Athem angefüllt ist, sich nur den Schein gibt, als schöpfe man soeben denselben. Literarisches. ,Casualien, T r a u u n g s-, Grab- und Re q n i e 111־ Gesänge für Solo, Soli und Chor mit Orgelbegleitung, componirt von Ad. Grünzweig, Chor- und Musikmeister, und dem Herrn Jacob Bauer, Obercantor der türk. Israelitengemeinde in Wien und Begründer der österr.-ungar. Cantoren-Ztg. rc., frenndschaftlichst gewidmet.* So betitelt sich das neueste Werk des hochverehrten Meister Grünzweig. — Dem Werke ist folgendes an Herrn Obercantor Bauer gerichtetes Widmungsschreiben beigeschlossen: ,Auf dem Gebiete der Synagogal-Gesänge ist so viel des Schönen, Guten und Zweckentsprechenden erschienen, dass es vielleicht als ein Wagnis gelten könnte, auf einem so vielfach" cultivirtem Terrain etwas Neues schaffen zu wollen. Wenn' wir jedoch das auf diesem Gebiete Vorhandene eingehender prüfen, dann finden wir, dass für den Sabbath- und die Festtage in fast allzureicher Weise gesorgt, dagegen den Casualien״ Gesängen nur wenig Rechnung getragen wurde. Dieser Umstand allein hätte mich jedoch schwerlich dazu bestimmt, durch die Herausgabe dieses Werkes eine in der That vorhandene Lücke aussüllen zu helfen.