Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (3.4.1884)
- Date
- 1884-04-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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participiren zu lassen. Die meisten der angeführten Compositionen könnten mir. demselben Rechte, auch mit andern nichl synagogalen Texten versehen, auf einem ganz anderen Gebiete Verwendung, viele sogar in Opern die natürlichste Verwerthungsstätte finden, besitzen demnach keineswegs die Qualification, als Leitsterne einer neuen Richtung auf synagogal-gesanglichem Gebiete betrachtet zu werden. Einer nach der angedeuteten Beziehung wesentlich günstigeren Erscheinung begegnen wir in den musikalischen Beiträgen Volkerts. Gleich das Recitativ Gaddsln Nr. 92 mit der allbekannten, alten Melodie bei ladonoj itti beweist uns, dass Volkerr an das Gegebene anzuknüpfen, die im Volke lebende alte Weise, als Grundbestimmung für seine Compositionen zu benützen sich veranlasst sah. Wir haben dann nichts dagegen, wenn Volkerr den darauf folgenden L'cho adonoj musikalisch frei bearbeitet; für ähnliche Gebetsstellen, wie L'cIiq adonoj, gab es ja überhaupt keine Ueberlieferung, dieselbe wurde in der vorsulzerischeu Periode gar nicht gesungen, sondern bildete die allerliebste Gelegenheit für das Durcheinandergemurmel der Gemeinde, welches der alten Synagoge von nicht jüdischer Seite die reizende Bezeichnung ,Jndenschul* eintrug. Nur was der vorsulzerische Chasan ״sang" oder ״sagte", das war Althergebrachtes und Volkert fühlte das Bedürfnis, das Alte, wenn auch etwas zeitgemäßer umgemodelt, doch im Ganzen unangetastet zu belassen, hingegen an Stelle der sich breit machenden Unordnung etwas Neues, wenngleich der damaligen jüdischen Anschauung nicht ganz Entsprechendes, zu jenen. Für die Feinfühligkeit Volkert's — sollte dies nicht etwa ein Wink Snlzer's gewesen sein? — diese verschleierte Wahrheit aufgefunden zu haben, müssen wir entschieden unsern Dank aussprechen, und in diesem geistreichen Versuche, das Alte mit dem Neuen zu, verbinden, könnten wir gewissermaßen den Ausgangs- Punkt einer neuen Nichlung auf synagogal-gesanglichem Gebiete, erblicken. Wenngleich es jetzt noch nichl an der Zeit ist, unsere' Ansicht hierüber unumwunden und erschöpfend auszufprechen, so können wir es uns dennoch nicht versagen, auf diesen Wink eines alten Praktikers *) allen Ernstes aufmerksam zu machen; vielleicht birgt dieses Gegenüberstellen oder vielmebr Aneinanderreihen von Altem und Neuem bei diesen Volkert'schen Gaddelu jenes Wahrhcitskörnchen, welches, zum mächtigen Stamm heranzuziehen, die Aufgabe des modernen jüdischen Cantorthums wäre; jedenfalls spricht die Benützung einer eingebürgerten alten Melodie dafür, daß Volker! den Boden, den zu bebauen ec mitberufen war, zuvor genau kennen lernte, die auf demselben Vorgefundenen Pflänzchen als noch lebensfähig erkannte und mit Festigkeit daranging, ihnen die Berechtigung für ein weiteres Bestehen dadurch zuzuerkennen, dass er sie seiner Arbeit einverleibte. Für die volle Hingabe des Meisters an sein begönnenes Werk zeigen auch weiter zwei, wenn auch unscheinbare Nummern (118 Elohenu welohe awosenu. und 119 Ki onu), welche jedoch unseres Erachtens geradezu als hochbedeutend bezeichnet werden. Es sind dies zwei bescheidene Veilchen, die erst ausgesucht und genau betrachtet sein wollen, um dann allerdinzs zu zeigen, welch' schöne Farben sie zieren, welch' herrlich zarten Duft sie verbreiten. Man betrachte die zwei Partiturzeilen des 813.011 lonu (118); scheinen diese einfachen Terzengänge in Sopran und Alt, diese neben einander schreitenden, weißen Notenköpfe in den beiden Männerstimmen, dieses primitive Moduliren nach dem auf der Unrerqnarte ruhenden harmonieverwandten Dreiklange nichl dem Arbeitsheftc eines erstjährigen Conservatoristen zu entstammen? Za wohl! Wir betonten es ja auch, dass die Anzahl der in dieser Nummer verwendeten Accorde bald abgezählt wären, selbst der Tonumfang der Melodie versteigt sich nirgends bis zu einer Oclave und. ein am Anfänge kaum bemerkbares dolos abgerechnet, fehlt sogar jedwedes Vortragsgeichen — und dennoch, man lasse die Piece singen — dünkt es nicht, als neige *) Volkert hat mehr als 100 komische Opern geschrieben. vorzügliche Entwickelung, die seine Stimme machte, ihn natürlich sehr > bestärkte. Nach vollendetem Cursns in Karlsruhe wollte er in seiner Vaterstadt den erfassren Berus beginnen. Allein die Hohenemser Israeliten weigerten sich, ein Kind ihrer eigenen Gemeinde zur Aus- Übung dieses Anites zuzulassen, und es bedurfte erst eines förmlichen Decrets Kaiser Franz I., in welchem er Sulzer zum Cantor in Hohenems ernannte. Sulzer erhielt einen Jahresgehalt von 100 fl., während er seinem Bassisten, dem er auch im väterlichen Hause freie Kost und Logis gab, 200 Gulden zahlte. Trotz des aus innerem Drange gewählten geistlichen Berufes war aber seine Lebensweise durchaus keine ascetische. Er war vielmehr ein recht ausgelassener Bursche und verübte tausende von tollen Streichen. So war beispielsweise das Reiten eine seiner Passionen. Er ritt einst nach Lustenau am Rhein und, kaum am Ziele seines i Ausstuges angekommen, erinnerte er sich plötzlich, dass er heute |יו'כ קט machen müsse. In rasendem Galopp lenkte er sein Ross Hohenems zu und vom Sattel ging es direct zu יו״ב קטן — Bei einem Ausstuge auf den Bergen überkam ihm einmal die NN2Ü׳Zeit und, um rechtzeitig in der Synagoge zu sein, schnitt er einen län׳ geren Weg ab und ließ sich unter Lebensgefahr direct von der Alp herab. — S. errichtete in Hohenems einen Synagogen-Chor und componirte sich hierzu die Gesänge. Beim Geburtstagsfest des Kaisers Franz, bei der Hochzeit des Hofbanguier Löwengart ließ er sogar auch ein Streichorchester Mitwirken. So errang sich Sulzer bald einen berühmten Namen, der weithin genannt wurde. Diesem Umstände verdankte er seine Berufung an den Wiener Tempel. Eines! Freitag Abends wohnte nämlich ein Fremder dem Gottesdienste im Hohenemser Tempel bei. Und wie dieser ungeahnt gekommen, war er ebenso plötzlich wieder verschwunden, ohne auch beim FcühgotteSdienste anwesend gewesen zu sein. Kurz darauf erhielt Sulzer erwähnten Ruf zu dem damals im Baue begriffenen Wiener Tempel. Der Fremde war somit ein abgeordnetes Wiener Vorstandsmitglied, das nur in Hohenems wak, um S. zu hören und seine Heimreise beschleunigte, damit es eilends über den bedeutenden Fund Bericht erstatten konnte. Gleichzeitig mit S. kam auch Prediger Mannheimer aus Kopenhagen nach Wien. Beide traten zur selben Zeit ihr Amt an, und wie jener sang, predigte dieser. Sulzers durchglühter und Andacht erweckender Vortrag rief Begeisterung hervor. Seine Stimme war von unbegrenztem Umfange, in der Höhe vom herrlichsten Falzetto,! N622a voos mit der Brustftimme in einer solch' kunstvollen Weise verbindend, wie solches nur bei den besten italienischen Sängern anjutreffen war. Dabei war sein Brustton klangvoll, von überwältigender Kraft und markiger Tiefe und trotz des sonoren Timbres von sympathischer Lieblichkeit. Die Wiener Gemeinde wußte aber auch diesen phänomenalen Sänger zu schätzen, indem deren Vorstand ihm sofort zur weiteren Ausbildung die bedeutendsten Lehrer gab. Ritter v. Seyfried lehrte ihn Gesang, Sechter Generalbass und Stegmaier Clavier. Sulzer studirte mit großem Eifer. Die Sänger der Hofoper suchten seinen Umgang. Ander, Staudigl, Draxler, Erl schaarten sich um den bereits zu großem Ansehen gelangten Künstler. Sulzer wurde Professor am Conservatorium und Chormeister des Wiener Männergesangvereines.