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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-04-03 · Heft 12 (3.4.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 12 (3.4.1884)
Date
1884-04-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 eines jeden noch unentwickelten Musikers, resp. Sängers, eine Periode, wo die Anschauung noch nicht geläutert, das Zielbewußtsein noch nicht geklärt; einen Zeitpunkt, wo man beispielsweise, wie es dem Schreiber dieser Zeilen passirte, das Abt'sche ,Gute Nacht" in einen Ni addir umzuwandeln geneigt ist, und denselben mit der größtmöglichen Gefühlsinni^keit zu singen sich veranlasst sieht. Mit derselben Uebeczeugungswärme treten wir später einer ähnlichen Geschmacksverirrung entgegen und sind erstaunt, von einem sonst anerkannten Sänger ähnlich zweifelhafte Musiklileraturzweige gepflegt, ja mit Ueberzeugungstreue behandelt zu sehen. Wir staunen ob solch' einer Sünde; auch er staunt, dass uns seine Lieblingsbeschäftigung so außerordentlich alterirt. Können oder dürfen wir ihn deshalb verurtheilen? Mitnichten, denn cS ist seine Ueberzeugung! Nun, so wollen wir auch diesen! Adon 010m seinen Heiligenschein nicht rauben, sondern blos öte. Stellung gekennzeichnet haben, welche wir ihm gegenüber einnehmen. Mit warmer Anerkennung jedoch deuten wir auf desselben Meisters Howu la'adono] in L8-dnv Nr. 37 hin; derselbe ist musikalisch ruhiger, in der Form knapper und in declamatorischer und gedankenverwandtcr Beziehung musikalisch weitaus väterlicher behandelt. Wir machen auf die durch das Abstoßen der Töne musikalisch gut illustrirte Texlstelle Wajarkidem k’mo egel, ferner aus die so überaus gelungene Zeichnung, der aufgeregten Natur durch das Festbalten des 0 im Sopran und Tenor und durch das Nnisono-Fortschreiten C D Es E F 6 As im Alt und Bass bei Lol aäonoj jeeholel ajolos und schließlich auf die so trefflich dem Worte wajeehesof angepasste spärliche Harmonisirung des Schlussaccordes beim Worte jeoros. Obgleich wir der Vorliebe Würfels für einen oftmaligen Wechsel der Tonarten keineswegs huldigen, so müssen wir. das Auftreten der Septime Oos beim Adagio Uw'hecholo schon deshalb gutheißen, weil durch diese Ueberleitung nach As-dur das Vorführeu einer neuen Situation (Uw'hecholo) überaus günstig gezeichnet erscheint. Vielleicht wäre mit der Modulation Lalomon Lulzer von M. Rosenhaupt in Nürnberg. Nestor Sulzer, der Altmeister der Cantoren, hat am 81. März sein achtzigstes Lebensjahr vollendet. Bei diesem Anlasse dürfte es den Lesern dieses Blattes gewiss willkommen sein, Einiges über dessen Leben und Wirken zu erfahren und aus diesem Grunde sehe ich mich gedrängt, das mir Bekannte im Nachfolgenden der Oeffentlichkeit zu übergeben. Sulzers Ahnen stammten aus Sulz in Vorarlberg, welche den Familiennamen Levi trugen und mit 20, in früherer Zeit aus dem Elsaß eingewanderten Familien gleichen Namens aus Sulz, woselbst ste eine Gemeinde bildeten, bei einer Judenverfolgung ausgetrieben wurden. Der damals reichsunmittelbare Graf von Hohenems nahm sie gastlich auf. Seinen verlaffenen Wohnort nicht vergessend, nannte sich der Großvater Sulzers von nun an Sulz, woraus sich später der Name Sulzer bildete. Jener Sulz liegt in Hohenems begraben, wo auf seinem Grabstein ein Meffer fizurirt, als Symbol dafür, dass er im Leben die Functionen verrichtet hatte. Auch an seinem Enkel Salomon hat er jenen rituellen Act vorzenommen, bei dessen Schluss er die Hand auf das Köpfchen des Kindes legend, hinzufügte: ,.dieser wird ein großer Mann werden." Die Eltern Sulzers waren reiche und angesehene Leute. Sein Vater, Josef S., war Fabriks- und Hausbesitzer in Hohenems und eignete sich eine, damals bei den Juden noch selten zu findende Bildung an. Seine Mutter Fanny, war ebenfalls eine feingebildete, ber auch resolute Dame. Josef Sulzer beschrieb seinen Lebenslauf nach O-dnv bei der Harmonie des Wortes je’oros und dem Festhalten der Tonart auch beim Adagio derselbe^ Zweck erreicht und gleichzeitig der Nothwendigkeit begegnet worden, nach einer kaum acht Tacte langen Periode — die übrigens blos wie ein Zwischensatz auftritt — wieder eine neue Tonart aufsuchen zu müssen. Es will uns überhaupt in dem darauffolgenden, etwas sentimental gefärbten 6-Nnr-Satz 3/4 Tact Adonoj lamabbul joschuw der musikalisch treue Wtederball einer von einem gerichthaltenden Gotte handelnden Textstelle durchaus nicht einleuchten und der Eindruck des Schlusses müsste entschieden erlahmen, träte das Baritonsolo mit der sattsam bekannten, gegenbewegenden Stimmführung in den begleitenden Stimmen bei adonoj 08 leamo nicbt gleichsam als rettendes Moment hinzu. Auch auf die Compositionen Drexler's u. A. Nallolnjoh .hallelu awde adonoj in C-dui• Nr. 53 und den sehr populären Nallolujob in A-dur Nr. 109 machen wir hiermit aufmerksam und sehen uns zufolge der vorausgeschickten Klarlegungen zu der Schlussfolgerung veranlasst, dass die bis nun erwähnten, von den Mitarbeitern des Schir Zion I gelieferten Beiträge allerdings musikalisch streng — auch vom allgemein musikalischen Standpunkte aus beurtheilt — schön gearbeitet, doch nicht eine Nummer aufweisen, die an die traditionelle Melodie erinnerte, oder eine eigenartige Form, die als charakteristisch jüdisch gelten könnte. Diese nun genügend motivirte Thatsache fordert unsere Aufmerksamkeit um so mehr heraus, indem einzelne der Compositionen deshalb, weil nichts Anderes existirte, sich cinbürgerten, auch durch den Umstand, dass Sulzer ihnen den Geleitsbrief ausstellte, zumeist als Schöpfungen Sülzer's und dementsprechend auch als maßgebende Vorbilder einer neuen Richtung angesehen wurden. Wir fühlen uns verpflichtet, diesen angedeuteten Jrrthum zu berichtigen, indem wir erklären, dass wir außer Stande sind, diese sonst hochbedeutenden Männer an der tonangebenden Bedeutung, die der 8chir Zion I bei der gesammten synagozalmusikalischen Welt sich errungen, auch nur zum geringen, Theile und seine commercielle Thätigkeit. Das betreffende Schriftstück ist im Besitze eines seiner Enkel, woraus u. A. zu ersehen ist, welch' großes Verständnis seine Gattin der Literaiur und den schönen Künsten entgegenbrachte und wie sie nicht selten ihren Mann dazu bewog, mit ihr nach München oder nach Innsbruck zur Oper zu fahren. Der kleine Salomon war ein vielverheißender Knabe von lebhaftem, feurigem und muthigem Temperamente, der in Folge seiner Streiche manchmal Gefahren ausgesetzt war. Als einst der Emsbach sehr angeschwollen war, wagte sich der wilde Junge diesem reißenden Gebirgswasser, das damals riesige Steine und Gerölle mit sich fortführte, zu nahe, und fiel hinein. Verzweiflungsvoll rangen die Eltern nach Rettung und Hilfe, aber Niemand aus der gaffenden Menge traute sich dem furchtbaren Elemente nur zu nähern, geschweige denn sein Leben für die Rettung des Kleinen zu wagen. Da trat ein Bauer, Namens Hugler hervor, ließ sich umgürten, sprang in den Fluss und hatte alsbald Salomon glücklich gerettet. Dieser bewies noch in den späteren Jahren dem Netter seine Dankbarkeit, indem er ihm eine lebenslängliche Pension aussetzte. Als Salomon nach der Rettung aus jener Gefahr seinen, den entsetzlichsten Oualen entrissenen Eltern zugeführt wurde, bemerkte er: ,er habe ein Licht über seinem Haupte schweben sehen und keine Angst gehabt." Diese Episode aus Sulzers Leben war bestimmend für seinen folgenden Beruf. Seine romantische Mutter bekleidete ihn fortan mit weißen Kleidern und gelobte, den Knaben Gott zu weihen. Der vermögende Vater schickte seinen Sohn nach Endingen in der Schweiz in eine Talmudschule ,und später nach Karlsruhe zur Ausbildung in der Musik. Dort fühlte er besonders den Ruf in sich, Cantor zu werden, .wozu die

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