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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-26 · Heft 11 (26.3.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 11 (26.3.1884)
Date
1884-03-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— e - einem wirklichen Werthe sind; freilich nicht in dem Sinne, in welchem sie von den Zeloten aller Nationen und aller Religionen aufgefaßt werden, auch nicht in jenem allegorischen Sinne, welcher ihnen von einer geläuterten, vorgeschrittenen Cultur nachträglich beigelegt wurde, um die nun einmal durch die tausendjährige Gewohnheit zum Heiligthume gewordenen rituellen Verrichtungen mit den Geboten der Vernunft besser in Einklang zu bringen. Nein, wenn ich von dem Worte der Cerenomie spreche, so thue ich dies ganz in derselben Auffassung, in welcher ich jeder, mit Naturtreue vor unser Auge tretenden, dramatischen Handlung volle Berechtigung zuerkenne. Ich, der Skeptiker in allen meiaphysischen Dingen, darf mich gleichwohl zu dieser Ansicht bekennen, denn auch jenes Drama, das wir in dem Bewußtsein, uns einer Täuschung binzugeben, genießen, ich meine das Theater, wirkt auf uns mit packender Gewalt. Das Wesen aller durch die Sinne auf unseren Geist oder auf unser Gemüth wirkenden Handlungen, beruht in ^er Uebereinstimmung des äußerlichen Eindruckes mit den seelischen Vorgängen, deren Erzeugung beabsichtigt wird. — Zch hasse es, wenn Traviata ihren Seelenschmerz im Walzertempo kundgibt; ich verlange auf der Bühne die volle liebereiustimmung des gesprochenen oder gesungenen Wortes, nicht minder auch den Einklang der geringsten körperlichen Geste mit der geschilderten Situation und mit der vom Dichter oder dem Componisten vorausgesetzten Stimmung der handelnden Personen. Ist diese Harmonie vorhanden, dann regt sie die verwandten Seilen meines.Charakters an, dann kann ich mich mitten in die Handlung versetzt wähnen, mich mit deren Trägern bekümmern oder freuen. Ganz so denke ich über religiöse Ceremonien und darum bin ich der Meinung, dass dieselben sogar auf Andersgläubige den tiefsten Eindruck machen können. Gute Menschen fühlen sich als Brüder, welches auch die Dogmen seien, denen sie anhängen. Freude und Trauer, Hoffnung und Furcht, Neue oder Bewußtsein der eigenen sittlichen Reinheit sind Empfindungen, deren sinnlicher Ausdruck sympathische Schwingungen unseres Herzens leicht erregt, und hierin beruht die veredelnde, sittlich hebende Wirkung der Tragödie. Es kommt nur darauf an, dass (verzeihen Sie dem Andersgläubigen das harte Wort), dass sage ich, die Jllussion nicht gestört werde, und hierin liegt, meines Erachtens, ein großer Vorzug der israelitischen Ceremonie. Wenn Prediger uno Eantor ihres Amtes würdig walten, ist sie in Wahrheit eine erhebende. Ich habe zahlreichen jüdischen Trauungen und Begräbnißen beigewohnt, und ich muss ganz offen gestehen, ich bin dabei niemals gleichgiltig geblieben; ich war entweder, und dies in den weitaus meisten Fällen, weihevoll gestimmt oder — empört; letzteres dann, wenn ich bemerken musste, dass Personen, deren Lebensaufgabe es ist, zur Erbauung ihrer Hörer beizutragen, sich des schönen Amtes, das sie bekleiden, nicht voll bewusst sind,^dass sie dasselbe nicht mit dem nöthigen, sittlichen Ernste vollziehen. Zch verzeihe dem Eantor weit eher den Mange! brillanter Stimmmittel, als den Mangel würdevollen Benehmens. Wenn er sich vor der ganzen Gemeinde mit umständlichsten Vorbereitungen geräuschvoll schneuzt, wenn er die Worte des Predigers mit sichtlicher Gleichgiltigkeit, oder wohl gar mit Geringschätzung anzuhören scheint, wenn er mit dem Publikum kokettirl, oder gewisse, manchmal vorkommende Kakophonren des Chores demonstrativ mit Geberden des Unwillens begleitet, .kurz wenn er seine Person loslöft von seinem Amte und sich nicht als das präsentirt, was er sein soll, sondern als das, was er ist, nicht als gottbegeifterter Diener der Kirche, sondern als profaner, schlecht erzogener Mensch — dann reißt mich das aus all' den Zllussionen, denen ich mich willig hingab und dann verlasse ich den Tempel Gottes mit dem unwilligen' Ausrufe: ' ,Micks denn Alles zum Handwerk werden, selbst die Personisication der Begeisterung?' Das. mein schätzbarster Freund, sagt Jbnen ein — Christ. Auf baldiges Wiedersehen Ihr ergebener Kleine Chronik. Wien. Sonntag den 16. d. M. hielt Herr Dr. S. Nasch er, Professor vom Fortbildungs-Institute ,Thilo', im Saale des selben vor zahlreicher, hochintelligenter Versammlung einen freien Vortrag über ,Spinoza's Bedeutung als Pädagoge'. Die Versammlung, in welcher sich der k. k. Hofratb, ord. Universitäts- Professor, Herr Robert Zimmermann, befand, spendete dem Redner lebhaften Beifall. Wien- 19. März. Im Jahre 1875 creirte der Notar Dr. Edler vou Höuigsberg eine Stiftung und widmete 1000 Gulden Silber-Rente mit der Bestimmung, dass die Zinsen der in Prag,. Nr- 155 bestehenden Hönigsberg'schen Synagoge gegen die Verpflichtung zur Abhaltung von Seelengebeten am Sterbegedächtnißtage seiner Großeltern zufalleu sollen. Im Jahre 1881 wurde die Honigs - berg'sche Synagoge von der Besitzerin des Hauses Nr. 155 in Prag gekündigt und übersiedelte in die Fischel'sche Synagoge, mit der sie seitdem unter einem Vorstande vereinigt ist. Im Stiftsbriefe des- Dr. v. Hönigsberg hieß es weiter, falls die in Nr. 155 bestehende - Hönigsberg'sche Syttagoge zu bestehen aufhört, solle der Stiftungsgenuß an die Beerdigungs-Bruderschaft in Prag zufallen. In Folge obiger Fusion reclamirte nun die Beerdigungs-Bruderschaft in Prag den Stiftungsgenuß, welcher ihr von der Cultus-Nepräsentanz in Prag und in letzter Instanz vom Cultusministerium zuerkannt wurde, nachdem die Hönigsberg'sche Synagoge 8ub Nr. 155 nicht mehr bestehe. Auf Beschwerde des Synagogen-Vorstandes fand dieser Tage die Verhandlung beim Verwaltungs-Gerichtshöfe statt; der Vertreter der Synagoge, Herr Dr. Bendiner aus Prag, machte geltend, durch Uebersiedlung in ein anderes Lokal habe die Synagoge zu bestehen nicht aufgehört, die Absicht des^ Stifters war auf die Betgesellschaft, die von seinen Ahnen in's Lebengerufen war, gerichtet, während das Lokal ganz irrelevant sei. Die Fusionirung mit der Fischel'scheu Synagoge sei keine vollständige, es herrsche keine Personal-Union zwischen den beiden Betgesellschaften, nur der Vorsteher sei gemeinschaftlich. Er beantrage sohin dis Cassirung der Entscheidung. Der Vertrter des Cultusministeriums, Herr Ministerial-Secretär Baron Hye, sowie der Beerdigungs-Bruderschaft, Herr Dr. Modern, führten dem gegenüber ans, dass die Ministerial Entscheidung ganz correct sei; in Folge der Fusionirung könne man nicht mehr von einer Hönigsberg'schen Synagoge sprechen, die als solche zn existiren aufgehört habe. Dr. Modern bestritt überdies die formelle Berechtigung der Synagoge, die keine Statuten habe, keine juristische Person sei, wogegen Dr. Bendiner bemerkte, solche Religions-Gesellschaften müssen von einem allgemeinen Gesichtspunkte betrachtet werden, und es sei kein Anstand, einer Kirche, einer Pfarrpfründe Stiftungen zuzuwenden, auch wenn diese keine Statuten haben. Der Verwaltungs-Gerichtshof, unter dem Vorsitze des Grafen Belcredi, hob die Entscheidung auf. da über die Frage, ob die Hönigsberg'sche Synagoge zu bestehen aufgehört habe, kein genügendes Material vorliege, und den Verwaltungsbehörden obliege, die Erhebungen zu pflegen und eine neue Entscheidung ^zu treffen. ZZrmm, 24. März. In der heute abgehaltenen Delegirten- Versammlung des mährisch-jüdischen Landesmassefonds wurde der Rechenschaftsbericht pro 1883, laut welchem an Schulsubventionen

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