Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 11 (26.3.1884)
- Date
- 1884-03-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/1304829-3452960-3452971--0952-3455040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 — Textes, sowie die Anwendung des Zwiegesanges zwischen Solo > und Chor, welche das Anlebnen an den beim Thilimsagen! üblichen Brauch ״Posuk um Posuk“ verräth, zeigt zu deutlich die Mithilfe Sulzers oder eines anderen textgewandten Beratbers. Nuhig und äußerst wirkungsvoll erscheint die Periode in dem Crescendo-Schlußsatze t’hiloso omedes load. Der zweite Mitarbeiter im Schir Zion I ist kein Geringener als Franz Schubert (Tow l’liodos in C-dur No. 6). — Es kanu unmöglich bloßer Zufall, sondern die sorgfältigste Auswahl des Liederfürsten gewesen sein, daß er einen Text zur Bearbeitung wählte, welcher zumeist Worte wie l’hodos, Tsanmier, a’le osor wa’le nowel, b’chinor etc., alsoGesang, Preis, Zither und Harfe rc. enthält. — Und in der That! nicht das distokiscbe Zutrauen braucht unsere Feder zu führen und nicht die Pietät gegen anerkannte Bedeutung unseren Beifall abzuringen, wenn wir unser Augenmerk auf die außerordentlichen Schönheiten dieser Nummer, vom allgemein musikalischen Standpunkte aus, richten — hier ist frühlingswarmes Leben; es knospt und sprießt das junge Laub und ein herrlich-duftender Lenzenshauch fächelt unsere Wange. — Man betrachte gleich den Anfang Tow l’hodos. — Als ob im Solo-Sopran mit dem freudigen Ausrufe ladonoj noch zu wenig gesagt wäre, jubelt der Tenor — gleichsam den Eindruck verstärkend — nochmals im gebrochenen Septimenaccorde — sein ladonoj — und als ob das Alles noch nicht genügte, sällt der Chor mit'demselben Worte, doch in getragener, breiter Melodie, ein. — Den lauten Zubelruf der am frühen Morgen helltrillernden Lerche hören wir in der Sopran-Solostelle ״l’haggid baboker chasdecho“ und ein reizendes Schlummerlied in dem darauf folgenden piano ״we’immos’cho balelos“; — wie sangeskühn tritt uns in dem kurzen Tenorsatze ״a’le osor wa'ale nowel“ der Minnesänger mit der Harfe entgegen und hören wir nicht süßen Mühlengesang in dem wie eine Vision eintretenden piu mosso, F-dur ״ki simaehtani adonoj b’foolecho?“ So begegnet man allenthalben Schönheilen inmitten dieses üppig blühenden Blumengartens; man könnte freudig aufjauchzen beim Durchforschen der Notenzeilen, wo eine Melodie die andere ablöst, wo ein lieblicher Sang den andern verdrängt und sich laben au den erquickenden Schenkungen dieses ewig frisch sprudelnden Melodienquells. — Allein unsere Aufgabe ist es keineswegs, die Rnhmeshalle des gefeierten Liederfürsten zu erweitern, uns liegt es ob, Schubert's Bedeutung auf synagogal-gesanglichem Gebiete zu erforschen und festzustellen und — wir gestehen es offen und ehrlich — angesichts dieser Befähigung, erleidet die Begeisterung, die wir für den unerreichten Liederspender so voll und ganz empfinden, eine bedentende Einbuße. Selbst das Zurückgreifen nach der Entstehungszeit der vorliegenden Composition können wir in diesem Falle keineswegs als Milderungsgrund anführen; denn der Genius eines Mannes, von der Bedeutung Schubert's, eilt ja der Mitwelt stets bedeutend voraus. — Wohl hat Schubert in seinen Kirchencompositionen rc. zur Genüge gezeigt, daß er auch musikalisch zu beten versteht, jedoch nur zu seinem Gotte, dem .Gotte Israels componirt er Lieder; — dort ist Alles unter dem Eindrücke eines andachtdurchbebten Herzens geschrreben, hier fügt der Kopf oder vielmehr das Talent — oder vielleicht gar eine abgerungene Nothwendigkeit — Note an Note nach Gesetz und Wissen; dort tönt uns der zitternde Ruf eines um Erhörung flehenden Herzens entgegen, hier hören wir Harfenklang, Lerchenlang und Mühlengang. Gewiß danken auch wir für die holden Gaben einer echten Künstlerseele; gewiß begeistern auch uns die herrlichen Lieder Schuberts — jedoch nur im Concertsaale, im Salon, als Stu- ' dium, allein Material für jüdische Gebetsmusik liefern selbst diese vorzüglichen Liedermelodien nicht. Man könnte vielleicht einwenden, der Inhalt im Tow l’hodos schließe überhaupt gar kein Gebet in sich, sondern er drücke eine Lobpreisung Gottes aus. Zugegeben! Allein dieser Psalm wird schon seit undenklichen Zeiten beim jüdischen Gottesdienst verwendet, und Schubert schrieb ihn ja lediglich für den jüdischen Gottesdiensi deshalb muß auch die musikalische Bearbeitung desselben aus der Hand eines Meisters die Merkmale des jüdischen Gesanges an sich tragen. Wenn Franz Schubert in seinen Werken eine türkische, ungarische oder polnische Melodie verwendete, so hat er cketS auch das Charakteristische der betreffenden Nationalmelodien aufrecht zu erhalten sich veranlaßt gesehen, weshalb müßten wir darauf verzichten, wenn er!ein Können im Dienste der synagogalen Musik verwendet? Man konnte wohl von einem Franz Schubert erwarten, daß er — wenn er es überhaupt unternahm — dem Synagogengesange eine neue Aera erschließen, daß er durch seine Composition den entsprechenden synagogalen Bestrebungen eine künstlerische Form verleihen werde, er hat es leider nicht gethan! Nicht mit einem Federstriche beweist uns Schubert in dem vorliegenden Werke, dass er die alten Synagogenmelodien studirte oder kannte — oder gar,׳ dass er beabsichtigte, diese heiligen Klänge in eine neue, zeitgemäße Gewandung zu hüllen und denselben durch die Macht seiner Kunst die Existenzberechtigung für spätere Tage zu verleihen — sondern, wie wir bereits erwähnt, überall reiht sich eine Liedesmelodie der andern an, und wir sind außer Stande, für die in Liedform gekleidete musikalische Bearbeitung der Synagogengesänge unsere Schwärmerei zu bekunden, Schubert hat nur diese eine Nummer für die Synagoge geschrieben. Wir kennen sie nicht Sie Entstehungsgeschichte dieses Tow lebodos, wollen demnach auch keine gewagten Hypothesen aufstellen; allein die Annahme scheint berechtigt, dass Schubert diese Arbeit gleichsam als Versuch betrachtete und nach Beendigung derselben genügend überzeugt war, dass er diesem neuen Beftrebungszweige keineswegs den Stempel der Vollendung aufzudrücken im Stande ist, den seine übrigen Werke an sich tragen; er ließ es demnach bei diesem einen Versuche bewenden, und so befinden wir uns in der allerdings ungünstigen Lage, diese eine Composition als Gradmesser für dessen ganze Schaffensfähigkeit auf synagvgalem Gebiete betrachten zu müssen. Es ist wohl leicht, einem Todten Unzulänglichkeit vorzuwerfen; der Mund ist für ewig geschlossen und kann uns keines Bessern belehren — allein wir gestehen, einem Minderbedeutenden vielleicht etwas weniger scharf entgegengeireten zu sein, jedoch einem Schubert gegenüber hat das keine Noth! Dieser Mann ist so imponirend und hoch bedeutend, dass es gewiß Niemandem beifallen könnte, uns der Verunzlimpfungssucht zu zeihen; denn ein willkürliches Rütteln au Schuberts musikalischer Bedeutung, im allgemeinen Sinne, wäre geradezu lächerlich, allein den ausgesprochenen Vorwurf, von unserem Standpunkte aus, durften wir in Anbetracht unserer hochwichtigen Aufgabe keineswegs zurückdrängen. (Fortsetzung folgt.) Von der Tonbildung. (Fortsetzung.) Um dieses zu vermeiden, muss der Sänger seine Ausmerksamkeit darauf verwenden, dass sowohl das Tonaushalten und das Hinweggleiten über die Zwischentöne die Bindung, als auch die Vorausnahme auf dem Vocal a geschieht, i u und ti aber mit der richtigen Geschwindigkeit am Schlüße derselben an- ‘ gehängt werden.