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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-26 · Heft 11 (26.3.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 11 (26.3.1884)
Date
1884-03-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Hcbrr ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. VIII. An der 159 Nummern umfassenden, componistischen Thätigkeit im LcbirEioul betheiligtcn sich I. Drexler, Josef Fischhof, Professor am Coniervatorium der Musik in Wien (geb. 1804, gest. 1857), Franz Schubert, I. L. v. Seyfried, Capellmeister am Schickaneder'schen Tbeater an der Wien (geb. 1776, gest. 1841), Wilbelm Würfel, Capellmeister. am Kärntbnerthor-Theater in Wien (geb. 1791, gest. 1852) und Franz Volkert, Organist an der Schottenknche in Wien (geb. 1780, gest. 1845). und zwar Fischhof, Schubert, Seyfried und Würfel mit selbstständigen Arbeiten — Drexler und Volckert den Intentionen Sulzer's folgend — Nanien, die noch beute in der Geschichte der Musik mir böchster Anerkennung — manche sogar mit goldenen Lettern verzeichnet sind. Wir — und mit uns gewiß jeder unbefangen Urrbeilende — können jedoch keineswegs behaupten, dass die Mitarbeiterschaft der oben erwäbnten Herren (ein kleiner Brucktbei! der Compositionen ausgenommen), den synagogal-musikatischen Werth vorliegenden Werkes wesentlich erhöhte; — erblicken vielmehr in der Herbeiziehung dieser weithin berühmten Männer eher einen praktischen Kunstgriff Sulzer's, seinem als Componist noch nicht genügend anerkannten Namen ein gewisses Relief zu verleihen, als das Bewußtsein, hiermit für einen gediegeneren Inhalt seines Buches gesorgt zu haben. Auch nicht das lediglicbe Anstrebeu eines etwa geschäftlich einträglicheren Zieles wollen wir betonen, sondern die Absicht, dem durch Opfer jeglicher Art glücklich beendigten Werke eine günstige Bcnrthsilung zu verschaffen und demgemäß auf das Zutrauen der resp. Fachkreise, dieser ganz neuen Erscheinung gegenüber, möglichst einzuwirken. . Wir betonen diese unsere Behauptung nachdrücklich und wollen es versuchen, dieselbe durch Nachweise und Erläuterungen genügend zu vertreten. | Gleich der erste L’cho dodi (G-dur, 3/4 Tact) von Sey- | fried bietet den besten Anhaltspunkt für unsere Behauptung. ן Wir wissen wohl, dass wir nur alte Musik zu Gehör bekommen; 1׳ allein wenn die beinahe 20jäbrige Versuchsperiode Sulzer's keine frischeren Blüthen treiben konnte, als dieses Menuett in puuktirien Noten des 3/4 Tacres; wenn wir statt der Tanzmelodie eines vorsulzerischen Chasan lediglich die Tanzmelodie eines christlichen Componisten — obgleich in streng musikalischer Bearbeitung — eingetauscht hätten, dann stände es um den Fortschritt wahrlich gar übel; — zudem konnte man von einem Seyfried eine etwas ׳ natürlichere, wir möchten sagen, melodiösere Stimmführung beanspruchen. — In einem unserer früheren Artikel betonten wir die instrumentale Art des Gesanges, welche bei unseren Altvorder» üblich war; hatten auch Gelegenheit, bei den Compositionen Lovy's dasselbe zu beobachten und nun finden wir ganz dasselbe wieder bei diesem Seyfried'schen L’cho dodi. — Ein instrumentaler Zug macht sich in der ganzen Composition breit, und es will uns dünken, als ob das Alles ursprünglich für ein Streichquartett geschrieben und erst nachträglich der Text unterschoben worden wäre; man beobachte die Roulade für Bariton auf n’kabb’loh und die Stimmführung bei dem ganzen Vers Schomor w’sochor. — Das Bariton-Solo bei likras schabbos und die abgerissenen Schläge der einzelnen Begleitstimmen wären vielleicht ganz hübsch von einem Violon-Cello unter pizzicato- Begleitung der anderen Instrumente auszuführen, allein für den Gesang und gar für den andachtsvollen Vortrag in einem Bet- Hause ist so was unmöglich. Etwas glimpflicher ist die Stelle ״raw loch schewes b’emek habocho" mit den absteigenden punktirten Noten behandelt, wir wünschten blos auf ״bocho" einen Halter, damit durch das Hinüberziehen der folgenden Worte der Inhalt nicht beeinträchtigt werde. — Ja der Text! — Bei dem folgenden Eisna’ari erscheint das Wort in geradezu haarsträubender Weise durch die Musik verballhornt. — Ganz abgesehen davon, dass die musikalische.Illustration von hisua’ar! (mit absteigenden Noten) und meofor (mit aufsteigenden Noten) — es ließe sich vielleicht darüber streiten — eine ungerechtfertigte ilt, kann es gewiß Niemand gut heißen, dass die Text-Periode folgendermaßen mißhandelt erscheint. — Seyfried läßt singen: ״Hisna’ari meofor kumi liw’schi bigd^ ' sifartech ammi“. Was mag das wohl heißen? ״liw’schi bigde— sifartech ammi". — Die Modulation von G-dur nach G-moll beim zweiten Hisoreri klingt dem jubelnden Texte gegenüber einigermaßen unwahrscheinlich, wo hingegen der unvorbereitete Ueb ergänz nach Es-du.r recht interessant wäre, wenn der Accord länger liegen bliebe und der Baß nickt durch einen etwas gewagten Sprung nach der übermäßigen Quinte die Basis für einen verminderten Septimenaccord bildete, der bei dem Worte ״hisorcri" wieder einen ungerechtfertigten Noll-Dreiklang auflreten läßt. Wir begreifen es überhaupt nicht, wie man auf hisoreri hisoreri Noll-Accorde anwenden kann. Liebhaber der polyphonen Form finden bei w’hoju limschiso eine, der damaligen musikalischen Richtung gemäß, bei jeder größeren Composition als nothwendig erachtete Fuge, dieselbe ist — rein musikalisch beurtheilt — so überaus sauber gearbeitet, wie sie eben ein gewandter Contrapnnktist, wie Seyfried, nur Herstellen konnte; allein wenn Seyfried schon bei Stellen, frei musikalilcher Art, dem Worte nicht Rechnung trägt, so ist es ihm gewiß nicht'zu verargen, wenn bei einer Fuge der Text in einer fast unglaublichen Weise entstellt erscheint. — Die Füge ist ein musikalisches Nechenexempel, bei welchem nur mit Intervallen und Notenwerlhen gerechnet wird, es erscheint uns daher nnbegreiflich, wie man zu einer Zeit, wo den jüdischen Gebettexten die möglichst deutliche Wiedergabe des Wortes zurückerrungen werden sollte — und gar bei Poesien unregelmäßigen Versmaßes — eine musikalische Knnstform wählen konnte, deren Dimensionen durch Gesetze genau vorgezeichnet erscheinen, und der demnach zur Darstellung einer mit dem Worte -synonymen Stimmung alle Bedingungen fehlen. Man wende'nicht ein, dass beim katholischen Gottesdienste die Fuge einen integrirenden. Theil der gottesdienstlichen Musik bildet, da sind es stets nur einzelne Worte oder Sätze, die verarbeitet werden, wobeinatürlich dem Wortzusammenhange keinerlei Abbruch geschieht und wobei auch aus den Inhalt gar nicht geachtet, sondern lediglich der musikalisch-künstlerische Aufbau des Werkes im Auge behalten wird. Der Schlußsatz ״Boi w’scholom" ist allerdings etwas texientsprechender gehalten und das Baritonsolo unter einfacher, schöner Begleitung der anderen Stimmen nicht wirkungslos trotzdem können wir das Urtheil nicht znrückhalten, dass der L’cho dodi, wenn auch musikalisch lauter — aber keineswegs sanglich gearbeitet ist. Das׳ mag auch die Ursache sein, dass derselbe in keiner Synagoge als dauernde Aufführungsnnmmer sich behaupten konnte. Bei der Composition 150 Hallelujoh! ״ode adony“ desselben Meisters, die gut gearbeitet und auch nach der oben wiederholt beanstandeten Seite hin weit besser behandelt ist, wünschten wir statt der Vorzeichnung Maestoso bei einer event. Aufführung eher Presto. Die sorgfältige Berücksichtigung des

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