Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— 5 seid, wozu braucht Ihr Euch mit dem Atter dieser oder jener alten Melodie abzumühen, um zu erforschen, ob sie traditionellen Ursprungs ist oder nicht? Das ist meiner Ansicht nach eine vergebliche Mühe, denn so lange die Quellen hierzu uns fehlen ׳— und wir haben keine Aussicht sie zu erbalten, weil die ältesten Notenschrift-Systeme, die uns darüber Aufschluss geben könnten, noch immer jüngeren Datums sind, als unsere Traditionen, die damals schon längst in größter Blüthe standen — werden wir nimmer auf die Wahrheit kommen können. Wir können uns nur damil freuen, dass wir einen solchen nationalen Schatz besitzen und müssen wir ihn als ein ererbtes Kleinod betrachten, zu welchem der Prüfstein uns fehlt, um die Echtheit desselben prüfen und sie vor aller Welt zeigen zu können. Aber הא לל0 זרע! Hier habt Ihr Samen gefunden und ausgiebigen Samen! Hier im jüdischen, aller Welt bekannten, doch selten von Jemand erkannten ״Extemporal-Gesange", die Urquelle aller Traditionsgesänge, da habt Ihr ein verwerthbares Material zum redlichen Nachforfchen, hier ist ein weites und ergiebiges Feld, um unsere allgemeinen und speciellen Kenntniße zu bereichern und zu erweitern; hier ist das Gebiet, wo wir unser Forschertalent erproben können. Wir hätten dann die Aufgäbe zu ergründen, wie viele verschiedenartige, von den abendländischen Normaltonarten abweichende Scalen wir überhaupt besitzen? Worin charakterisiren sic sich ganz besonders? Wie gestalten sie sich melodisch und wie harmonisch? Welche sind die Anknüpfungspunkte in jeder Tonart, wodurch man nach allen anderen und nach den.Normaltonarten leicht und bequem gelangen kann? Welche rhythmische und intervallische EigenthümlichkeiLen sind bei unserem absonderlichen Gesänge wahrzunehmen? Das ist für uns das Feld des lohnenden Forschens, worauf Lorbeeren des Verdienstes wachsen! Auf diese Weise könnten wir es noch so weit bringen, die breiten und ungestalteten Füße des jüdischen Gesanges, in die engen, feingeformten Schube eines Theoriesystems hinein zu zwängen und eine Zweig-Wissenschaft zu begründen, welche der Synagoge zur Ehre gereichen würde. Schade, jammerschade ist's, dass unser Löwenstamm, durch seinen schnellen Uebergang in eine bessere Welt, uns so früh entrissen wurde! Er war ein Meister im jüdischen Gesänge und hat mit großem Ges chicke und besonderer Vorliebe auf diesem leider verwahrlosten Gebiete verständnisvoll gearbeitet; er könnte uns mit seiner noch hinzuzurechnenden großen Liebe zur guten Sache und mit seinem universalen Wissen in diesem, unserem Streben noch so viele Dienste leisten, und uns darüber manche, uns unerreichbare Auskunft geben. Aber, o liebe Brüder! Lasset uns ihm nachahmen und den herben Verlust, den wir durch feinen frühen Eingang erlitten haben, durch unseren guten Willen und redlichen Fleiss ersetzen. Ich habe diesen Ausfall aus dem Rayon meines ThemaS gemacht, und bin aus dem engen Nahmen einer in Schranken -u haltenden Kritik weit hinausgegangen, weil ich eben der Meinung bin, dass eine gewissenhafte Beurtheilung nicht allein den Gegenstand derselben im Auge behalten, sondern auch noch auf die ganze Umgebung strahlende Reflexe werfen muss, um das ganze Gebiet zu beleuchten, und wo eine Lücke in der Pflege oder Behandlung desselben sich zeigt, sie aufzudecken und ratiouelle Vorschläge zur Abhilfe vom bloßgelegten Uebelstande zu machen. Da nun bekanntlich dieser Gegenstand mir, in nationaler und wissenschaftlicher Beziehung, gar sehr am Herzen liegt und indem ich gedenke, an anderer Stelle aus ihn noch in ausführlicherer Weise zurückznkommen, so erschien mir hier der geeignete Platz hierzu, dessen, wenn auch vorläufig in kurzer und Mangel- Hafter Weise, Erwähnung zu thun. י Es kann meine Absicht auch hier nicht sein, jede Nummer dieses Heftes in bisheriger Ausführlichkeit zu schildern und zu besprechen, das würde gar zu weit führen und die Geduld der verehrlichen Redaction zu sehr auf die Probe stellen. Es genüge zu erfahren, dass alle noch übrigen Piecen — worunter, bei vielen anderen noch, Gesänge für Tefillath tal und geschem, zwei Keduscha’s, Gesänge für Hasehano rabbo, Simchas Thora und Chanuka, sowie für Trauung und Synagogen- Einweihung; eine Cantate zur Feier des 50jährigen Synagogen- Jubiläums in München (deutscher Text) und ein Theil des Wochentagen, nur sehr wenig Zeit hat und wartetete mit Spannung auf den Sabbatheingang. Da von sämmtlichen Synagogen Venedigs, von denen die 8001a tedesoa (אשכנז) einstens sogar eine Orgel besaß, bloß die eine Synagoge 8001a spangula einen Chor zur Verfügung hat, so wählte ich diese für den Besuch am Freitag Abend פ׳ תרומה Der Gottesdienst beginnt um 5V2 Uhr; als ich um 5l/4 Uhr die Synagoge betrat, kehrte der שמש dieselbe aus; es brannte noch kein Licht; die Choristen, schöne, stattliche Männer, kamen einzeln, jeder die Hände in den Rock-, resp. in den Ornattaschen verbergend, mit langsamen Schritten und selbstgefälliger, tanzartiger Körperbewegung, wie zu einer Balletaufführung, herein; die Ornate sind aus grauem Stoffe mit blaßrothen Passepoilen. die Mützen aus gleichem Stoffe, turbanartig geformt und jeder der Herren hatte die Mütze herausfordernd schief aufgesetzt; iw) traute meinen Angen nicht, als ich die 12 wirklich hübschen Gestalten mit lächelnden Mienen ungenirt vor dem אר1[ הקדש mit einander verkehren sah, und war sehr gespannt aus die Dinge, die meiner harrten; zwischen den 12 Männern bemerkte ich einen Sopranisten, und einen Altisten. Der Ohasau primo, Namens Möse Luzatti, betrat endlich den Raum. ■ Das מנחה־ Gebet wurde wieder in der oben beschriebenen, hastigen Weise behandelt und nach langer, für mich geradezu peinlicher Zeit, begann endlich der NN ללה — derselbe wurde auch in gleich rasendem Tempo vom Chore gesungen; es waren einzelne schöne Stimmen zu hören, allein von einem Zusammensingen in unserem Sinne wieder keine Spur. Sonderbar, dachte ich mir, in einem Lande, wo Alles fingt, der Soldat beim Exerciren, die Patrizierin auf ihrem ,Spaziergange auf dem Piazzetto, das Dienstmädchen beim ׳ Wassertragen, der Gondelier, der Schnecken- und Orangenhänd-; ler. wo Alles, Alles singt, sollten nur die Juden, die doch be׳ > kanntlicb so sehr zu Gesang und Musik Hinneigen, nicht singen I können? — Leider war und ist es so! — die italienischen Cba- - sanim und Synagogenchoristen können nicht singen. Das Chor- personale sang viel schlechter als die in den Straßen Venedigs s concertirenden Bänkelsänger, namentlich machte der bis in das! höchste Register mir Bruststimms schreiende Sopran auf mich einen wirklich deprimirenden Eindruck. Der Chasan — nun, ich will, wie erwähnt, das Bild nicht vollenden; allein unwillkürlich drängte sich^ mir die Ueberzeugun g auf, dass die Recitative und Gesangsauffübrungen in dem Wiener türkisch-israelitischen Tempel, dessen lithurgischer Gesang dem venetianischen ähnlich ist, dem gegenüber geradezu als künstlerische^zu bezeichnen find, indem dieselben, was Ton und Vortrag betrifft, durch den Träger des Gottesdienstes in wirklich klangschöner Weise zum Ausdruck gebracht werden. Dieselben Eindrücke empfing ich auch Samstag Vormittags. Da mir die Gesänge vollständig fremd waren, so trug ich Verlangen, auch die anderen an den Feiertagen aufgefübrten Chöre kennen zu lernen. Der Maestro il Choro, Sigr. Giacomo de Leomij" führte mich in das im 4. Stockwerke gelegene Chorzimmer, allwo ich gleichfalls zur Einsicht gelangte, dass dieser Raum einstens besser ausgestattet war, als es nun der Fall ist. In einem schwarz polirtem Schranke standen die einzelnen, mit Aufschrift versehenen Fascikel wohlgeordnet, aber hochschichtig bestaubt. Ich bemerkte die Schire Jeschurun von Japhet — Schiroth Jisroel von Emille Jonas — Synagogengesänge von Stab, Organist in Mainz, andere Compofitionen von Franchetti, Foroni, Capriele, Francesco Malipieri, Moise Pedrotti, Wolf,