Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— — auf zwei verschiedenen Silben Mit einander verbindet indem man die Stimme rasch von dem ersten Tone durch eine leichte Bindung gleiten läßt, welche am Schlüße des ersten Tones anhebt, um auf den zweiten mittelst Vorausnahme desselben (Anticipatiou) überzugehen, die jedoch nicht mehr als ein Zweinnddreißig-Theil an Zeitwerthe betragen darf. So weil es möglich, wollen wir das Portament versinnlichen, und es ist Aufgabe des Lehrers, dasselbe dem Schüler so lange vorzusingen und nachahmen zu lassen, bis er desselben vollkommen mächtig ist. Eine besondere Schwierigkeit bietet das Portament im Deutschen, wenn es aus den Diphthongen ai, ei, äu, eu und au ausgesührt werden soll. Will man nämlich ai, ei und au singen, so muss der Ton auf dem Vocal a gehalten, das i und u aber nach der Änticipation mit einer Geschwindigkeit angehängt werden, für die es in der Musik kein Zeitmaß gibt. Bei der Silbe Ln oder eu muss zwar ebenfalls a der Träger des Tones sei!!, jedoch darf, um den bezweckten Doppellaut zu gewinnen, nicht u, sondern es muss ü angebängt werden. Geschieht in beiden Fällen das Anhängen des zweiten Vocales nicht mit der größten Schnelligkeit, so entsteht die höchst verwerfliche Wortverderbnis, vermöge welcher statt ai, ei a.i, statt eu und iiu ..ü, statt au a.u, also zwei Silben statt einer gehört werden. (Fortsetzung folgt.) Semiroth l’el ehaj, Bon Z. Lachmann (Hürben in Baiern.) (Schluß.) Mit dem üblichen 8061 in deutsch-traditioneller Weise wird der Morgen-Gottesdienst feierlichst eröffnet und — wie es gewöhnlich alle die großen Berühmtheiten und die künstlerischbeanlagten Cantoren zu machen pflegen, dass sie mit ihren Kräften nicht verschwenderisch umgehen, sondern sie zu einem richtigen Zeitpunkte aufsparen, wo es gilt, wie ein ganzer Mann dazusteben — so macht es der umsichtige Strategiker und läßt seine Munition nicht vorzeitig verschießen — bis Hallel ist Alles übergangen und aufjchie gew öhnliche, im 1. Hefte enthaltene Vortragsweise beschränkt. Bei Hallel aber, wo es gilt, dem Allerhöchsten eine שילה חדשה, ein neues Loblied zu singen, wo der Componist so viele Momente und Anhaltspunkte findet, sich in seiner ganzen Hoheit zu zeigen, seine ganze reine Seele dem aus tiefster Brust entströmenden Tone mitzutheilen und sie im begeistertem Liede auszuschütten, da ist Löwenstamm auf seinem Platze, da ist der Künstler wieder zu erkennen. Nachdem er uns nun durch zwei größere Nummern —- Psalm 113—114 — des musikalisch Schönen und künstlerisch Erhabenen in Chören zur Genüge geboten, fühlt er auch das Bedürfnis, sich mit seinem Gotte 8010 auszusprechcn. Was er fühlt und was er denkt, will er uns in seinem gewählten Texte in Verbindung mit der, aus dem jüdisch-empfindsamsten Herzen hervordringcnden Melodie wiede! geben, und singt sein rührendschönes Eshallech, uns in liefempfundenen Tönen erzählend: ,Ich wandle vor Gott in den Gesilden des Lebens immerdar — ich glaube ma s ich spreche und daher verkünde ich's laut, nur in Uebereiluug sprach ich, der Mensch nt vergänglich". Nein! Der geistig strebsame und fleißige — wie er —־ ist nicht vergänglicb; seine geistigen Werk-׳ sind unsterblich. Wo bleibt Zhr denn, Ihr polnische Chasauim? Warum kommt Ihr nicht schaarenweise her, um Löwenstamm's N011 osehiw auf ,polnisch" singen zu hören? Wahrlich, polnischer könntet selbst Ihr ihn nicht singen, und dennoch, sehet Ihr, wie jeder scheinbar fremdartige Ton seine begründete Basis im rechtmäßigen und berechtigten Accorde sindet! Ja selbst die Orgel muss ihm in polnischer Weise ,zuhalten", oder wie man bei uns zu Lande sagt: ,accompagniren". In der That, Löwenstamm scheint der gefährlichste Proselytenmacher gewesen zu sein, der je existirte. er verstand es sogar, die gutchristliche Orgel zu überreden, eine gute Jüdin zu werden. Und auch Ihr, deutsche Brüder und Collegen, die Ihr mit reichem Wissen und unleugbarem Forschergeiste ausgestaltet aus Spanien ausgewanderten Juden mitgebracht wurde und auf! welchen noch die Worte deutlich zu lesen waren רופא s,"Q נדבה יוסף! und etwas tiefer das Wort תמרון, zwei עץ חיים von gerriebenen | Silber wunderbar weiß und blau emaillirt; das älteste “ם®־ j Venedigs — dasselbe ist schon lange unbrauchbar 2םול — wird! jedoch, seines hohen Alters und seines geschichtlichen Interesses i wegen als Reliquie betrachtet. Ein פרוחת auf Brocat in Gold! und Perlen gestickt; das Mittelfeld stellt die heilige Stadt s ירושלים vor — über demselben die zehn Gebote und unterhalb s des Mittelfeldes eine hebräische Widmung, die aber zumeist unj leserlich, die zwei Worte יצר מפרושה waren jedoch noch deutlich! zu lesen; die Perlen fehlten zumeist. Nach der Mittheilung j meines Cicerone soll eine adelige Dame, Namens Peruggio, an s diesem פרוהה durch einen längeren Zeitraum in der Weise gestickt haben, dass sie jede Woche zwei Tage arbeitete, jedoch vor Aufnahme der heiligen Handarbeit die מקוה besuchte und während der zweitägigen Arbeitszeit fastete. Der Hinweis meines Erzählers auf den Umstand, dass auf dem alten israelitischen Friedhofe auf der Insel Lido, auf welch' letzterem ich meine Vormittage in wahrhaftem dolee tarniente zubrachte, begraben sei, interessirte mich in solch' hohem Maße, dass ich den nächsten Tag meine Schritte dahin lenkte. — Es wurde mir eine uralte מצבה gezeigt, auf welcher zu lesen war: מציק הכבודה הצנועה ם׳ פאסקווה פרושיאה בל צדקותיה לה תזכרנה להיות צרורה בצרור החיים. Doch halte ich diesen Namen mit den der obenerwähnten Frau nicht identisch, indem oben יצו und hier פאפקווה steht Beim Fortgehen vom Friedhofe bemerkte ich das Grab des Sohnes des verewigten Predigers Mannheimer עי ה — auf dessen Grabstein mich der בעוד בברת ארץ פרת deshalb interessirte, weil er in blühenden Mannesalter starb und כברת das Sterbefahr bezeichnet. Die dritte Synagoge 8eola grande tedesca ist ebenfalls ein sehr schönes, geschmackvoll erbautes und ausgestattetes Haus, die anderen Synagogen sind klein und unansehnliche Räume. In allen Synagogen ist die größtmöglichste Vernachlässigung zu bemerken. Die Altvordern haben alle erdenklichen Opfer gebracht, um der Nachwelt den Beweis zu liefern, dass sie es ehrlich mit ihrem Glauben nahmen — die Nachkommen scheinen dies nicht zu würdigen; denn allenthalben lagert Schmutz und Staub, der schließlich die reichen und werthvollcn Vermächtniße in Skulptur und Malerei verschwinden machen muss. — Und nun zu den Leistungen der Vorbeter. Während des Wochen- Abendgotlesdienstes, war ich zu wiederholten Malen in den verschiedenen Synagogen, und ich gestehe, dass es mir schwer erscheint, dasjenige zu veröffentlichen, was ich erfuhr. Zuförderst besitzen diese Herren Collegen, die ich gehört, nicht ein Atom von dem, was wir sonst als Singstimme zu bezeichnen pflegen; ein Gemengsel von Tondrücken und gutturalem Ansatz, das ist dasjenige, was man zu chören bekömmt; von Musikillustration des Wortes, Beherrschen einer Tonart, keine . Spur, nur ein im rasendsten Tempo auf einem Athemzuge herausgestoßener Wortschall, ohne jedweden Vortrag, ohne jeglichen Geschmack, das scheint die Force jener Herren zu sein. Ich vertröstete mich mit den Gedanken, dass der raschlebende und raschsprechende Italiener, auch für seinen Gott, namentlich an