Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — 6. Nach jedem Tone muss Athem genommen werden, und im Anfänge des Studiums kann der Meister den Schüler nach dem höchsten Tone, um Erschöpfung der Brust zu vermeiden, einige Minuten ruhen lassen, worauf er mir neuer Kraft weiter singen kann. Sind seine Lungen anfänglich sehr kraftlos, so kann der Lehrer auch zwei oder drei Ruhepunkte eiutreten lassen. Der Schüler muss nächstdem auch in der vollkommenen Zntonatiou der verschiedenen Intervalle sich üben, welche ab-- wechselnd mit den Silben Do. Re. Mi. Fa. Sol. La. Si. und den Vocalen A und E gesungen werden müssen. Es sollen die Noten darin fest und mit Absetzen des Tones angegeben werden, so dass kein Binden durch Kehlschwingunzen stattsindet. Die Bewegung ist eine beschleunigte. Wenn der Schüler im Bortrage des bisher Gelehrten und Ausgestellten die nöthige Sicherheit hat, um darin, wenn auch nicht meisterhaft, doch nicht fehlerhaft zu erscheinen, so muss er zum Studium des Tontragens angeleitet werden. Das Binden und Tragen der Töne, das sanfte Aneinander-Schwellen und Binden derselben, ist eine der vorzüglichsten Eigenschaften der guten italienischen Schule, und bildet nicht etwa eine Verzierung des Gesanges, sondern ist die Seele, das Wesen desselben, so dass wir von vornherein den Grundsatz aufstellen müssen: ohne Binden und Tragen des Tones kein Gesang. Das Binden des Tones ist zweifach: 1. Indem mehrere Töne von demselben Werthe, stusenweise und auch sprungweise fortschreitend, auf einem Vocal ge- Hunden, gleichsam aneinander gereiht werden. 2. Indem zwei Töne, die ein kleineres oder größeres Intervall bilden, auf einem Vocal miteinander verbunden werden. Dieses Binden geschieht durch sanfte Schwingungen der Kehle ohne Anstoß mit der Brust, indem man die Stimme durch eine leichte Bindung von dem einen Tone rasch zu dem andern gleiten läßt, den aufwärtssteigenden Tönen mehr Athemkraft ertheilt, bei den abwärtsgehenden die Athemkraft aber sänftigt, weil es in der Gesangkunst unverbrüchliches Gesetz ist, dass die Höhe des Tones die anzuwendende Quantität des Athems bedingt. Je höher also der Ton, eine desto größere, je tiefer er ist, eine desto kleinere Athemmasse verlangt er, und deshalb würde ohne Befolgung des gegebenen Gesetzes Bindung der Töne unmöglich sein, weil ohne sie jeder Uebergang nur durch Sprung und Stoss geschehen könnte, die hohen Töne tbeils gar nicht erklingen, theils unverhältnismäßig schwach und dünn, die tiefen ebenfalls theils gar nicht ansprechen, theils gebellt und knarrend ausfallen würden. Es hat mit dem symbolischen Körper des Tones dieselbe Bewandtnis, welche es mit allen Körpern in der Natur hat. Um in die Hobe zu steigen, brauchen sie eine große Triebkraft, nach der Tiefe bewegen sie sich leicht und von selbst. So der symbolische Körper des Tones nach seiner geistigen Höhe und Tiefe, so der stoffliche Körper nach seiner räumlichen. — Die Athemkraft des Bassisten, die er bei ö anzuwenden hat, ist mindestens die vierfache von der, welche er zur Hervorbringung von e nöthig hat, was sich bei aufwärts gehenden Passagen lebhaft fühlbar macht. Die Ursache davon liegt in der Anatomie der Stimmorgane. Je höher nämlich der anzugebende Tou ist, desto kleiner ist die obere Oeffnung der Stimmritze, desto zusammengezogener und angespannter also die Bänder und Häute des Kehlkopfes; je tiefer der Ton, desto weiter ist dis Stimmritze dabei geöffnet, um so schlaffer also sind die Ringe und knorpelartigen Massen des Laryur. Bei oiesem Zustande desselben wird der Ton durch vielen Athem erstickt, weil die laxen Bänder dadurch in eine flatternde Bewegung gerathen; weil aber Vibration zur Klangerzeugung nothwendig ist, die straffen Ringe aber nur durch einen kräftigen Athem darein zu versetzen sind, so ist es klar, warum die hohen Töne einer größeren Maße desselben zu ihrer Hervorbringung bedürfen. Diese beiden Methoden, die Töne zu binden, heißen im Italienischen Ligamento di voce, und die Art, damit zu singen heißt Oantar legato — Binden der Stimme, gebunden singen. Das Tragen der Stimme oder des Tones ist das eigentliche Rorlaweuto di voce der Italiener und besteht darin, dass man zwei Töne, die ein kleineres oder größeres Intervall bilden, Wie ein tiefes, unsagbares Weh schnitt es mir in's Herz bei dem Anblicke, der sich mir nun darbot. — Dort Ne ichthum und Glanz — hier Armuth und Schatten; dort das laute Treiben freier, glücklicher Menschen — hier die unbeimliche Stille gefesselter und gedrückter Erdenkinder. Allerdings sehen sich die Judenhöfe aller Städte und Länder, was Dunkelheit und Raumbeschränkung betrifft, so ziemlich gleich. Wer einen Judenhof in Frankfurt a. Ai. gesehen, der hat so ziemlich ein getreues Bild des Judenhofes in Prag, Nürnberg 2c , nur dieses Judenviertel Venedigs kann man sich unmöglich vorstellen, n>et111 man es nichl gesehen. Die Gassen der Stadt Venedig sind ja im Allgemeinen so schmal und die Häuser so hoch, dass am sonnig-hellsten Tage kein Sonnenstrahl sich dahin verirren kann; die Gassen des venetianischen Judenhofes sind noch schmäler, nun denke man sich das Weitere. Zudem sind die Häuser dieser düsteren Gassen bis in den 4. und 5. Stock hinauf sehr stark bewohnt von einer Bevölkerung, welcher Elend und Armuth aus dem Angesichte zu lesen sind, wenngleich man gestehen muss, dass man diesen abgehärmten, in wirkliche Lumpen gehüllten Gestalten einen Anspruch auf Schönheit des körperlichen Ebenmaßes nicht vorenthalten darf. Durch einen rhorartigen Eingang, über dessen oberem Theile in verblaßten Lettern Ghetto nuovo zu lesen war, betrat ich die unheimliche Gasse und ich hätte in meiner Befangenheit wahrlich an eine italienische Dolchspitze gedacht, wenn es mir nicht allzu gut bekannt gewesen wäre, dass Juden schlechte Mörder sind — trotzdem konnte ich mich eines Gefühles der Bangigkeit nicht erwehren. Um die Ecke biegend, las ich über einer Thüre ״bte Worte Scola spangula — also spanische Synagoge; ich ließ mir dieselbe öffnen, bestieg die Treppe — alle 7 Synagogen Venedigs befinden sich, wegen der oft wiederkehrenden Meeresfluth, in oberen Stockwerken — und wie wohl that es mir, nach den empfangenen Eindrücken in den Judengasseu etwas Anderes zu stnden. als ich vermuthete. Die Synagoge der Spanier ist eine große, luftige, vornehme Halle, deren Wände, Decke und Fußboden in reicher künstlerischer Weise ausgestattet sind. Obgleich das Judenthum, als Religion, die Küustlerschast des Bildhauers und Malers für Menschenbilder-Erzeugung nicht in Anspruch nehmen durfte^ so befriedigte mick doch die Ueberzeuguug in hohem Maße, dass die einstigen Erbauer dieser Synagoge feingebildete Männer waren, die bei Ausschmückung ihres Gotteshauses der künstlerischen Ausstattung anderer Gotteshäuser nicht nachstehen wollten, ohne jedoch gegen Sitte und Gebrauch zu verstoßen. Ich erblickte einen mit reicher Kunstarbeit verzierten Plafond von Brustolonie, die Wände styl- und kunstvoll bemalt und als Umfriedung an den oberen Umfassunzsflächen der vier Synagogenwände den ganzen Wortlaut der עשרת הדברות. Beim Vorwärlsschreiten siel mir am Fußboden reiche, noch wohl erhaltene Mosaikarbeit auf, an den Aufgängen zum Vorbeterpulte, zum ארון הר,דש und an diesem selbst reiche in Buchsbaum oder in anderes Holz geschnittene und vergoldete Basreliefs; von der Decke hingen die bekannten, aber hier in verschwenderischer Weise künstlerisch ausgestatteten Leuchter, welch' letztere für die Feiertage jedesmal durch silberne, im gleichen Style gearbeitet, ersetzt werden rc. Der Gesammreindruck des Raumes war ein esthätischer, weihevoller. Die zweitbedeutendfte Synagoge Venedigs — die Scola levantma ספרד — ist gleichfalls künstlerisch reich ausgestattet. Von den Synagogenkleinodien und Schätzen inleressirten mich vier Stück im hohen Maße; ein פרוחת, welches von den