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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-18 · Heft 10 (18.3.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 10 (18.3.1884)
Date
1884-03-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 wenn er in einer Cantorenschule, die bis jetzt leider nicht vor- Händen war, eine regelmäßige, tüchtige Ausbildung erhalten hätte. Es unterliegt also keinem Zweifel, dass eine Cantorenschuke nöthig sei, um sich daselbst in einer dem Beruse entsprechenden Weise ausbilden und den erbaulichen, correclen Vortrag aneignen zu können. Unsere Lage wird dann bedeutend erträglicher werden, denn der Cantor wird von der Gemeinde nicht als ungebildeter Sänger, der diesen Beruf nur ergriff, weil ihm zu jedem anderen Erziehung und Bildung mangelte, betrachtet werden, sondern als ein wirklicher Gemeindebeamte, als Vorbeter vor dem Throne Gottes. Die Cantorenschule wird dem sich diesem Fache Widmenden eine größere Weihe geben, sie wird ihm der Höhe seiner Aufgäbe sich bewußt werden lassen, und ihn veranlassen, sich die Achtung, die Liebe und das Vertrauen seiner Gemeinde zu erwerben. Und wenn wirklich Mühe und Fleiss auf die Ausbildung verwende! werden muss, dann wird sich die Zahl der Concurirrenden auf den fünften Theil reduciren, und daher auch in dieser Beziehung die Lage der Cantoren eine erträglichere und einträglichere werden. Lazar I. Gerowicz, Obercantor in Nikolajeff (Rußland). Von der Tonbildung. (Fortsetzung.) Nachdem der Schüler in diesen Arten des Vortrages der Scala einige Fertigkeit gewonnen hat, schreite man zum Studium des An׳ und Abschwellens des Tones, welches im vorhergehenden Aufsatze umständlich besprochen wurde. Wir geben daher nur noch einige praktische Lehren über das Mechanische der Ausführung desselben. 1. Weder beim Anfänge noch am Schlüße des Tones darf ein Druck oder Stoss mit der Brust gegeben werden. 2- Es ist bei der Ne88a di voce erlaubt, den Ton mit ganz verengerter Mundstellung einzusetzen, um das Pianissimo zu erleichtern, dann allmälig mit dem Wachsen des" Tones die Mundstellung zu erweitern und bei dem Abnehmen wieder zu verengen, um. das Uebergehen des Tones aus einer Phase der Kraft in die andere zu befördern und überflüssiges Ausströmen des Athems aus dem Munde zu verhindern. Dieser Wechsel der Mündstellung ist jedoch nur unter der Bedingung erlaubt, dass dadurch die Reinheit des Vocales nicht zerstört werde, oder vielleicht wohl gar verschiedene Vocale innerhalb desselben Tonschwellcns entstehen. Vielfache Uebung macht die Erfüllung dieses Gesetzes möglich, und der aus dieser künstlerischen Freiheit entspringende Gewinn überwiegt jene bei weitem und umsomehr, als das Studium, ohne Verengen und Erweitern des Mundes die Messa di voce vollkommen auszuführen, noch viel mühseliger sein würde, als d^s, bei Benutzung dieser Freiheit die Vocalreinheit zu bewahren. '' 3. Am Schlüße des Tones begegnet es dem Anfänger leicht, dass er den vom Einathmcn her noch etwas eingezogenen Bauch I plötzlich Vorfällen oder die noch etwas geschwellte Brust zurückfallen läßt, wodurch eine Nückung im Tone, dem Aechzen vergleichbar, entsteht. Beides ist sorglich zu vermeiden, da der Ton im leisesten Piano verfließen soll. 4. Das Studium des Tonschwellens muss so lange getrieben werden, bis der Schüler eine Messa di voce von wenigstens zwanzig Secunden ausführen kann. Hiermit soll natürlich nicht gesagt sein, dass dann dieses Studium sein Ende erreicht habe, vielmehr wird jeder gute Sänger dasselbe täglich treiben, um es in den Eigenschaften, welche es bezweckt, immer weiter zu bringen. 'Hätte er es aber auch in allen zur Vollkommenheit gebracht, so wird er die Messa di voce dennoch unabläßig üben, um die Kraft seiner Lungen zu steigern und dadurch in Besitz eines möglichst langen Athems zu gelangen. 5. Erst wenn der Schüler des schönen Tones auf dem Vocal A einigermaßen Herr ist, darf er die folgende Scala auf E üben. Mein Ausflug nach Venedig. Ende Februar 1884. (Schluss.) " Eine nahezu zwanzigstündige Courierzugsfahrt ist wohl geeignet, alle Rechte des Schlafes an den Körper geltend zu machen; allein das Intereffe für die ungewöhnlichen, landschaftlichen Reize, wie nicht minder die Ungeduld des Genusses all' der Herrlichkeiten, die meiner harrten, kielten die erschlafften Nerven rege; zudem gesellte sich der Hinweis meiner Reisegesellschast auf den günstigen Moment (25. und 26. Februar), welcher es mir ermöglichte, eines der bedeutendsten Volksfeste Venedigs, den Carneval, mitzubegehen. Ich machte mich daher nach nur kurzem Aufenthalte im Hotelzimmer auf den Weg, um zu genießen, was der Nachmittag und der Abend bot. Zuförderst lenkte ich meine Schritte nach dem Markusplatze, allwo das volle Leben des Faschings sich regte; man mu!s die Leichtigkeit und Beweglichkeit des Italieners, die Glut seiner Empflndungen und dessen Lebensfreudigkeit, mir einem Worte, dessen Temperament kennen, um zu begreifen, in welch', für den Nichtitaliener geradezu aufregender Weise, dieser weltbekannte Carneval von Venedig begangen wird. Ich will es keineswegs versuchen, die empfangenen Eindrücke mitzutheilen, weil es einerseits den Intentionen dieser Blätter nicht entspricht, und anderseits der Totaleindruck auch durch Worte nicht wiedergegeben werden kann; in gleicher Weise und aus gleichen Motiven werde ich über all' das Großartige, das die Kunstschätze Venedigs bieten, den Dogenpalast, die Markuskirche, St. Giovanni, Paolo-Kirche, Akademie der schönen Künste rc. rc. kein Wort verlieren, sondern mich lediglich darauf beschränken, was im Großen und Ganzen für die Fachgenossen von Interesse sein kann, obgleich auch hie und da ein kleines Äbschweifen vom Hauptgegenstande geboten erscheinen dürfte. Nachdem ich mir einen Wegweiser angeschafft, machte ich mich auf den Weg nach dem Judenviertel (Ghetto nuovö e vecchio); bei der Hinfahrt auf dem Canal Grande entzückten mich die den Canal links und rechts umfassenden, in den verschiedensten Stylarten erbauten Paläste, bei deren Aufbau die hervorragendsten Meister Venedigs in heiligem Feuereifer sich zu überbieten trachteten; mit nationaler Befriedigung erfuhr ich, dass mehrere der Prachtbauten in glaubensgenössischen Besitz übergingen. (Palazzo Guggeaheia, Perier, Levi, Jesurau etc.) Interessant war es für mich den Palazzo Marcello, als die Wohnung des Psalmcomponisten Beaedetto Marcello, und den Palast Vendramin, die Sterbestätte Richard Wagners, in Augenschein zu nehmen. Die Prachtwohnung Catheriaa Oornaros, die nun ein Pfandleihhaus ist, der Palast Falier, das luxuriöse Heim des so unglücklichen Dogen Marino de Falier und viele andere Kunstbauten mit ihren Erkern und Spitzbögen, die auf und ab fahrenden Gondeln mit ihren prachtvollen Ausstattungen und buntlivrirter Bemannung; die reichgeputzten, schönen italienischen Patricierinnen, der tiefblaue Himmel über arir und das grünblaue Wasser zu meinen Füßen, wie das buntbewegte ungewöhnliche Leben ließen ein Phantasiegebilde von all' den romantischen Geschehnissen, die in längst entschwundenen Tagen an dieser Stätte heimisch gewesen sein mögen, vor meinem Geiste vorüberziehen und — ich könnte es nicht verbürgen, wohin sich meine Phantasie noch verirrt hätte, wäre ich nicht plötzlich am Ziele meiner Wanderung angelangt — ich stand vor dem Ghetto.

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