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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-18 · Heft 10 (18.3.1884) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 10 (18.3.1884)
Date
1884-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische I Prännmerations-Preis für Mitglieder des ö.-u. Cantoren-Vereines ohne Musikbeilage viertelj. . ft. 1.— mit Musikbeil viertelj. fl. 1.25 für Nichtmitglieder in Oesterr.- Nng. ohne Musikteil vierteljährig .... fl. 1.25 mit Musikbeil, viertelj. fl. 1.50 für Abonnenten im Auslande o. Musikbeil, viertelj fl. 1.50 mit Musikbeil, viertelj. fl. 1.75 Or ״an Betlacttan die Gesummt-IiitMMil jüdislher Glluturm. tzrscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor IaAoö Mcruerr. und Administration Wirn, | II., 3i0uaragaffe 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht reiournirt. Nr. 10 Wien, 18. März 1884. 4. Jahrgang. -Zur Frage über die Cantorenschule. Es wurde bereits schon so vicl über die Nothwendigkeit der Errichtung von Ccrutoreuschuten geschrieben, dass es mich wahrhaftig Wunder nahm, als ich in einer der letzten Nummern die Frage aufgeworfen fand, wo Venn die früheren und jetzigen Cantoren, die doch auch zur Zufriedenheit ibrer Gemeinde wirkten und wirken, ihre Ausbildung erhalten haben? Die Naivetät dieser Frage veranlagt mich, auch mein SchMsMn^nr^Kkärung׳ dieser für uns 'so wichtigen Angelegenheit beizutragen. Man findet es sehr natürlich, dass wir unsere Lage zu verbessern suchen, allein man findet es sonderbar, dass wir uns um unsere Nachfolger bekümmern. Apres noiis le deluge. Das ist der Wabljprnch Derjenigen, die nur das eigene Interesse und das ihrer Kinder im Auge Hallen. Sie sind ferner der Meinung, dass, wenn die jetzige Lage des Cantors wirklich unangenehm und precär ist, wir unsere Kinder anders heranbilden sollen, etwa zur Bühne, wenn sie ein ausgesprochen musikalisches Talenr haben, oder anderweitig, je nach ihren individuellen Anlagen; wenn sie aber nur darum Cantoren werden müssen, weil sie für jeden anderen einträglicheren Berufe unfähig sind, nun dann sollen wir sie ganz einfach ihrem Schicksale überlassen. Der hochgeehrte Herr College Lachmann frägt unter Anderem wo denn die berühmten Cantoren der Gegenwart ihre Ausbildung erhalten haben? Za, ganz abgesehen davon, dass die berühmten Cantoren nur eine Ausnahme von der Regel bilden, nur ein Körnchen in vielem Stroh sind, sind es gerade diese, welche uns beweisen, wie nölhig eine Cantorenschule ist, damit endlich einmal mit dem in althergebrachter Weife geübten Schiendrian aufgeräumt werde. Wie weil dieser Schlendrian mitunter gehen kann, will ick durch ein Beispiel anfübren. Zn einer großen Gouvernementsstadt Südrnßlands liegen die Sulzer'schen Werke tief unten im Archive vergraben und werden gar nicht an's Tageslicht gezogen, weil dort ein ,berühmter' Cantor bis vor Kurzem wirkte, der für den Gottesdienst, nach der Ansicht seiner Gemeinde, sehr Ersprießliches leistete. Seine vielen ,glanzreichen' Compositionen bestanden aus mehr oder weniger umgestalteten Opern- und Operetteuarien. die^on unserem ,berühmten" Cantor selbst als gelungen bezeichnet wurden, weil sie der Gemeinde gefielen. Er äußerte sich oft, dass die Sulzer'schen Compositionen zwar .auch nicht schlecht", aber viel zu ernst gehalten und wenig verständlich seien. Seine Ansicht war, dass ein Cantor, wenn er פרנסה haben will, vor Altem der Gemeinde Angenehmes bieten muss, und um diese» Zweckes willen wurde von ihm der ästhetische Gottesdienst zum Opfer gebracht. ״ Irl einer-anderen großen Synagoge Südrußlands hört man einen Gottesdienst abhalten, der einem sachverständigen und gewissenhaften Fachmanne das Herz im Leibe umkebrt, sein Gesicht mit Schamröthe bedeckt. Mit Ausnahme einiger weniger Stellen, bei denen der Cantor seinen ganzen Tonvorratb anskramr, besteht das ganze Gebet aus einem mehr oder minder starken Summen und Brummen. Aechzen und Stöhnen, so dass vom Texte keine Spur vorznsinden ist. Jedes Wort wird entweder zehnmal wiederholt, oder durch einen Schwall von hoben Milteliönen und sehr tiefen Gurgel- und Nasentönen, mittelst allerlei passender und unpassender piano-pianissimo, forte - fortissimo, Triller und Nnladen in ein kaum dem äußeren Anscheine nach zusammenhängendes Gemengsel gebracht. Und dieser Cantor wird in ganz Rußland als eine Koryphäe gefeiert, auf den das Zndenihum Ursache bat stolz zu sein, er wird als Muster aufgestellt und alle jungen, aufstrebenden Talente bestreben sich ihm nachzueifern. Interessant ist es auch, nach Schluss eines solchen solennen Gottesdienstes die verschiedenen Meinungsäußerungen zu hören: .Was sagen Sie, wie unser Cantor von der tiefsten Tiefe in die höchste Höhe springt und umgekehrt? Zwar hat er sich ganz oben ein wenig verwirrt, sich aber sogleich wie ein wahrer Akrobat und Künstler auseinandergewickelt. Und sein ושמרו beute? Ich habe geweint, wie ein kleines Kind?' (Ja, gewiss hat man Ursache zu weinen bei'm ושמרו, wenn der Cantor diesen frohen Feftgesang mit einer wahren Jammermelodie vorträgt). ״Dass er keine große Bildung besitzt, ist um so besser für uns, denn wir hätten ihn dann nicht als Cantor bei uns, er könnte ja bei der Bühne sein Glück machen. Wenn er nur studiren wollte und sich nicht dem Müßiggang ergeben würde." Mit anderen Worten heißt dies: der Mann könnte wirklich ein berühmter Cantor sein, Hiezu eine Musikbeilage.

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