Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-10 · Heft 9 (10.3.1884) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (10.3.1884)
Date
1884-03-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452969--0937-3455023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- S — eine Gesetzgebung, die nicht auf den zehn Geboten beruhen würde? ° Wo ist der civilisirte Staat, der den mosaischen Grundsatz nicht | acceptirt hatte: ״Du sollst einem Andern nicht thun, was Du nicht willst, dass Dir geschehe"? Wer kennt nicht jenen Grundsatz de» Talmud: ״Jeder Nichtjude, der die Gesetze der Humanität kultivirt, ist ein Hoherpriester im Tempel der Menschheit"? Wahrlich, unsere Bibel, unserer Propheten Mund, unsere Morallehren haben mächtiger an der Verwirklichung der Ideen d--r Freiheit und Rechtsgleichheit mitgewirkt, als die klassischen Völker des Alterthums, denn während diese in erster Linie die Aesthetik, lehrten jene vorwiegend die Ethik und die Moral. Die heilsame Einwirkung der Ideen der jüdischen Religion aus den Geist und die Sitten der Völker haben in allen Zeitaltern selbst die nichtjüdischen Gelehrten anerkannt. Es ist überflüssig, uns auf Namen aus alten Zeiten zu berufen, es genügt, uns aus der Reihe der Lebenden, auf Vietor Hugo, Renan, auf mehrere katholische und anglikanische Bischöfe zu berufen, welche gelegentlich der russischen Judenverfolgungen alle darauf hinwieseu, dass d'.e Menschheit dem Judenthume zum Danke verpflichtet ist. und in welcher Weise den Juden dieser Dank zum Ausdruck gebracht wird. Es genügt, unS auf den großen Sohn unseres Vaterlandes, Franz Deak sel. Angedenkens, und auf alle jene Celebritäten des Vaterlandes zu berufen, die für die wahre Freiheit eine Lanze einlegten. Die Juden sollen ihre Glaubensartikel publizirenl Seit Jahrtausenden haben wir dieselben mit unserem Herzblute in das Buch der Geschichte eingeschriehen; unsere Literatur liegt seit unermeßlichen Zeiten offen vor der wissenschaftlichen Welt. Die jüdische Literatur bildet einen Gegenstand auch der nichtjüdijchen Theologie, und in den Städten Oxford, Cambridge, Paris, Leipzig, Berlin, Florenz Nom, Parma, Leyden, Amsterdam, Utrecht, Kopenhagen, Christiana, Upsala u. s. w. wird man es gewiss für überflüssig halten, dass die Juden von Neuem ihre Glaubensartikel publiziren sollen. Wir stehen auf dem Boden einer mehrtausendjährigen Geschicht, wir prcclamireu keine neuen Lehren, dass es vielleicht deshalb nöihig wäre, sie behufs Codisizirung vor irgend ein Forum zu bringen. Wir sollen sämmtl iche ungarländische Rabbiner zu einer Synode > einberufen und unsere Glaubenssätze regeln. Die jüdische Religion ist universett. Wie es auch ungarische Katholiken, ungarische Protestanten, aber keinen ungarischen Karholicismus, ungarischen Protestantismus gibt, kennen wir auch keinen ungarischen Judaismus. Die Religion kennt keine geographis-peu Begriffe, der Glaube an Gott keine geographischen Grenzen. Wir kennen einen ungarischen Patriotismus^ einen ungarischen Judaismus haben wir nicht. ,,Wir sollen aus unseren Glaubensartikeln jene eliminiren, welche den Anforderungen der Neuzeit nicht entsprechen!" Die jüdische Religion kennt k.iue derlei Glaubensartikel! In unseicr Gegenwart haben wir nichts zu verleugnen und vor unserer Zukunft ist uns nicht bange. — Oder sollen wir etwa unsere Satzungen den Anforderungen des Antise mitismus anpassen? Und glauben denn die. Unterzeichner dcS Manifestes, dass eine Publicirung, respeetive Neformiruug unserer Satzungen die Antisemiten versöhnen werde? Uns ist überhaupt nicht darum zu thun, mit unqualisieirbaren Versöhnungsversuchen zu laboriren. Wir wollen Gerechtigkeit, wir wollen Wahrheit. Wir erfüllen ohne jeden Vorbehalt all' unsere Pflichten, und selbst unsere Feinde werden unser Pflichtbewußtsein zu verringern nicht vermögen. Jene unserer Gegner, welche unser Gedeihen so scheel ansehen, mögen es wissen, was die Juden erhält: Es ist der Sieg über sich selbst, der Triumph der Liebe über den Haß und die höchste Wahr' Hastigkeit gegen jedes Volk. Jeder Druck von Außen bewirkt ein um so innigeres Zusammenhalten im Innern. j In einem Athemzuge wird von den Juden behauptet, dass sie j überaus mächtig sind, und dass sie den Ansprüchen der Cultur nicht genügen. Das Eine schließt das Andere aus, denn mächtig kann: nur Derjenige sein, der die Symptome seiner Zeit vor Augen hat. Man weist auf einige Comitate hin, wo die Inden angeblich überaus primitiv sind. Die reiche Phantasie eines genialen Dichtershat Contouren zu einem Bilde zusammengetragen, das, wenn es auchnaturgetreu ist, nur wohl Ausschreitungen gegen die Aesthetik, nicht aber gegen die Ethik vor.Augen führt. Uebrigens sinden wir hiefür die beste Antwort in einem Werke׳ des nichtjüdischeil Gelehrten Schleiden, der sich folgendermaßen äußert: ״Wenn ein Theil der Juden von Manchem von uns. ihrer freilich nur theilweise unangenehmen äußeren Erscheinung wegen, doch nur mit scheinbarem Recht mit Widerwillen angesehen wird, ׳ so müssen wir׳ nicht vergessen, wer an diesem Zustande der Betreffenden die Schuld trägt; wir stehen dem Judenthume gegenüber wie ein Mann der Asche׳ und der Trümmer eines herrlichen Tempels, den er selbst in Brand gelegt. Wenn noch ein Funke sittlichen Gefühles in ihm ist, so mussihn tiefe Scham und Neue erfüllen, und er muss alle Mittel ergreifen, um frühere Schandthaten zu sühnen. An die NnabhängigkeitSpartei richten wir zum Schluß noch die Bitte, sie möge es verhindern, dass bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit eine Judenfrage auf's Tapet gebracht werde,- und es wird dann gewiss keine Judenfrage geben. Eingesendet. L ö b l. N e d a c t l o II! Anlässlich beö in Nr. a. c. 8 Ihres gesch. Bl. erschienenen Artikels, in welchem mein plötzliches Verlassen des in K. erst vor Kurzem angetrctenen Cantor-,SchochetnndNeligionslehrer-Postens als so unchrsam für den Cantorstand geschildert wurde, erlaube ich mir, der löbl. Nedaclion sowohl als auch der gesummten. Cantorenwelt mit folgenden, vollkommen auf Wahrheit beruhenden Tbaisachen meine Nechlfertigung klarzulegen: Vor Allem habe ich zu bemerken, dass mir bei meiner Aufnahme in K. von Seite des dortigen Vereinsvorstandes eine׳ bedeutend kleinere Anzahl schulpflichtiger Kinder angegeben wurde, als ich zu meiner größten Ueberraschung beim Antritte des dortigen Postens wahruahm; natürlich konnte dies auchnicht anders sein, da das Vereinspräsidinm, zur Verbesserung seiner materiellen Lage inr Vereine, auch diejenigen Kinder mir zum Religionsunterrichte übergab, die unter keiner Bedingung ein Recht gehabt hätten, unentgeltlich an demselben theilznnehmen. da ihre Eltern keine Vereinsmitgliedcr sind. Auf das war ich nicht gefaßt, und es konnte mir auch nicht einfallen, dass in K. außer den aus 11 Parteien bestehenden Mitgliedern des dortigen Vereines, noch andere israel, Insassen wohnhaft sind,, zu deren Bequemlichkeit meine Aufnahme daselbst auch werde beitragen müssen. Trotzdem aber auf diese Weise meine Plage eine fast unerträgliche war, will ich diesen Umstand dennoch nicht zu meiner Rechtfertigung angeführt haben, und hätte mich derselbe auchnicht zum Verlassen des Postens veranlaßt, wenn nicht ein weiteres MomHit hinzugetreten wäre, das ich in Folgendem er-- örtere: Ich war als Anfsichtshaber in den Koscherfleischbänken und bemerkte, dass die Ausschrottung des Koscherfleisches von Tag zu Tag immer mehr gegen unsere. Neligionssatzungen geschehe, dass nämlich vom Begießen keine Rede sei und dass das-. ’ Koscherfleisch mit dem Schweinfleisch gar zu oft in Berührung/ | kommt. Nachdem ich schließlich noch zur vollkommenen Ueberzeu-. gung gelangte, dass selbst. bei meiner strengen Aussicht diesem^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.