Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (10.3.1884)
- Date
- 1884-03-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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ivobei es von Wichtigkeit ist, dass der Schüler über die anzuwendende Athem-Qnantität früh aufgeklärt werde, weil diese bei ihm immer zu groß ist. Ohne eine weise Oekonomie des Atbems ist überhaupt die wahre Tonbildung ein Ding der Unmöglichkeit, weil ohne dieselbe der Ton in Athen! erstickt wird, wie mancher 'Maler die Farbe in allzuvielem Oel ersäuft. Da ferner jeder Mensch geneigt ist, beim Singen mit den GesichrSmuskeln Grim- -Massen, durch Zusammenziehen der Augenbrauen, Runzeln der Stirne oder Blinzeln der Augenlider, zu machen, so muss der Lehrer darüber wachen und den Schüler anhalten, stets in der -Gesangstunde vor einem Spiegel zu singen. Hier bemerken wir und machen es dem Lehrer zur strengen Pflicht, den Schüler nur so viele Töne singen zu lassen, als er ohne Anstrengung vermag. Merkt er, dass es dem Zöglinge Schwierigkeit macht, eine gewisse Höhe oder Tiefe zu erreichen׳ so halte er sofort ein, diese Töne zu üben. Der Ton, welcher heute nur mit großer Aufopferung anzugeben ist, wird bei der hier vorgefchlagenen Methode nach kurzer Zeit wie von selbst sich einfinden, während das Gegentheil eintreten, d. h. die ganze Stimmverloren gehen würde, wollte der Lehrer, den gegebenen Rath verachtend, die Natur des Schülers bestürmen, indem dieser die Töne, welche sie ihm nur durch Studium zu gewinnen verstattete, mit Gewalt erpressen müßte. Diesem Mißgriffe sind der Untergang und die verfehlte Ausbildung vieler ausgezeichneten Stimmen zuzuschreiben. Hat der Schüler gelernt, jeden Ton richtig zu geben, wie es von uns verlangt wurde, so schreite man zur Solmisation, welche darin besteht, dass jeder Note eine besondere Silbe unter- .gelegt wird. Diese Silben heißen: Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, 81. C. D. E. F. G. A. H. Diese Silben enthalten alle Vocale, außer 11, welcher ur- I Iprünglich auch in der Silbe ut repräsentirt war; jedoch ward diese von den Italienern in äo verwandelt, weil der Vocal 11 dem Gesänge nicht zusagt. Uebrigens erleiden diese Silben beim Singen durch Vorzeichnungen keine Veränderung. Demnach wird ■Q immer Do genannt, wenn auch ein Kreuz dabei steht, H immer 81, ob auch durch ein b vermindert 11. s. w. Die Vocale 6 und 0 erfordern einen besonderen Unterricht, welcher bei den verschiedenen Zndividuen mehr oder weniger streng und anhaltend sein muss. In der gesprochenen Rede nämlich ist im Deutschen dem 6 meistens ein leises 1, dem o ein leises 11 angehängt, wofür wir allerdings kein Ohr mehr haben; das darf jedoch im Gesänge durchaus nicht sein, und der Lehrer muss streng darauf halten, dass jene Freiheit und Eigenthümlichkeit der gesprochenen Rede von den Lernenden nicht auch auf den Gesang ausgedehnt werde. Hier muss jeder Vocal, einmal deutlich angegeben, immer derselbe bleiben, bis der Ton ganz verhallt ist. Die Beobachtung dieser Regel fällt dem Anfänger schwer, weil er immer mir dem Athen! in Verlegenheit Eommt und beim Schlüße des Tones die Mundstellung wechselt, wodurch die Reinheit des Vocals zerstört wird. Die geringste Bewegung der Tbeile des Mundes, die, wie aus den Regeln über die Mundstellung bekannt, während des Aushaltens eines Tones überhaupt nicht erlaubt ist, schadet der Aussprache der Vocale 6 und o insonderheit deshalb, weil jenes dadurch einen Beischmack von 1, das o einen Beischmack von 11 erhält. Erst nachdem der Ton ganz verhallt ist, darf Bewegung in den Theilen des Mundes eintreten. E wird demnach breiter als in der gesprochenen Rede, fast wie ä, 0 ziemlich wie ein dunkles j •a (dem plattdeutschen ähnlich) klingen. Wenn der Schüler die Scala auf den deutschen und italienischen Noten-Namen (0. ä. 6. 11. s. w. äo. re. rai. 11. s. w ) mit einiger Vollkommenheit singen kann, muss er sie auch fleißig auf den beiden Vocalen a und 6 üben und sich einer Hellen Aussprache derselben bei unveränderlicher Mundstellung umsomehr befleißigen, als diese Vocale der Tonbildung am günstigsten sind. — Es bedarf wohl nicht erst der Erklärung, dass unter unveränderter Mundstellung nicht zu verstehen ist, dass der Schüler, wenn er z. B. ganze Etüden auf einem und demselben Vocal singt, während der Pausen die genommene Mundstellung nicht verlassen dürfe. Hat er dies aber gethan, so muss er nur die verlassene Mundstellung wieder nehmen können, oder überhaupt dahin!rächten, sofort eine richtige und gute wieder nehmen zu können. Damit der Lehrer über die genaue Erfüllung aller bisher gegebenen Regeln wachen könne, machen wir es ihm zur Pflicht, dem Schüler eine solche Stellung beim Unterrichte anzuweisen, in welcher er ihn vor sich und stets im Auge hat. (Fortsetzung folgt.) Erklärung -er orthodoxen Rabbinen in Ungarn. Die Unabhängigkeitspartei im ungarischen Parlamente hat vor einiger Zeit ein Manifest erlassen, in welchem sie die Inden aufforderte, ihre Glaubensartikel zu veröffentlichen und aus denselben alles Veraltete zu eliminiren. Gegenüber diesem Manifeste haben die orthodoxen Nabbinen in Ungarn nachstehende Erklärung abgegeben: ״Die Geschichte legt Zeugniß dafür ab, dass die Menschen aus den Vorkommnissen der Vergangenheit nichts lernen wollen." Diese Wahrheit wird durch nichts mehr bekräftigt, als durch das Manifest der Unabhängigkeitspartei an die ungarische Nation. Wir werden uns natürlich nicht mit den in diesem Manifeste zum Ausdrucke gelangten politischen, volkswirthschaftlichen und juristischen Auseinandersetzungen befassen, ob dieselben nun eine Macht- oder Rechtsfrage betreffen; wir wünschen nur die ״Judenfrage" oder richtiger die Frage der jüdischen Religion unserem Berufe gemäß zu besprechen. Die Antisemiten mögen die Bücher der Geschichte durchblättern und sie werden daraus lernen, wie den Inden alle Wege verschlossen wurden, um der Gesellschaft sich nähern zu können, und Jene, welche die Juden am wachsamsten aus der Gesellschaft ausgeschlossen, eben Jene sagten den Juden nach, dass sie exclusiv wären. Sie mögen in der Geschichte blättern, sie werden daraus erkennen, daß den Inden Alles benommen war, was den Genuß des Lebens und die heilsame Entwickelung der Kräfte hervorgernfen hätte. — Dse Antisemiten kümmern sich aber nicht um die Geschichte, sie sind einzig und allein vom Geiste des Antisemitismus durchdrungen. Dieser Geist ist aber nicht der Geist der Liebe und Wahrheit. Die Unabhängigkeitspartei perhorrescirt zwar diesen Geist, meint aber, die Juden nur bedingungsweise in Schutz nehmen zu können und sie hält es nur dann für möglich, die bürgerliche Freiheit der Juden zu vertheidigen, wenn dies auf Kosten der Neligionsfreiheit geschehe. Wir sollen unsere Glaubensartikel veröffentlichen! das fordert man von uns. Die jüdischen Glaubensartikel wurden vor vielen tausend Jahren publizirt, und zwar im Buche der Bücher, in der Bibel. Aus dieser unversiegbaren Quelle, aus dieser Quelle unserer Religion haben sämmtliche civilisirten Nationen des Erdballs die reinsten Wahrheiten geschöpft, viele Millionen Menschen haben aus derselben Unterricht und Trost genommen. Wer sollte die auf dem Berge Sinai offenbarten Glaubenssätze nicht kennen? Wo existirt