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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-10 · Heft 9 (10.3.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (10.3.1884)
Date
1884-03-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Dreiklangs, zur wohlverdienten Nuhe sich begibt, um anderen ebenbürtigen Collegen den Platz einzuräumen. Za wahrlich! bei solcher Meisterschaft und gediegener Behandlung der Gesänge könnte man versucht sein, auf sie selbst ausznrufen : ״Mali towuu! Wie schön und lieblich sind diese Gesänge von einem gottbegnadeten Menschen zum Lobe und Preise Gottes erfunden und geschaffen! Allein wir wollen uns bei Nebensächlichem nicht lange aufhalten, indem wir den knappen und zugemessenen Raum dieses gesch. Blattes berücksichrigen und möglichst schonen müsien- Noch sind wir im Unklaren und würden wir ohne den Miniaturkalender in der ״Westentasche" unmöglich wissen, in welchem Zeitabschnitte wir uns eigentlich befinden; aber das darauf mächtig uild feierlich vom Cantor, Chor und Orgel erklingende ״Borecliu" sowie die folgenden wirkungsvollen Cantor- Rccitative ״Umaawir jom4'־' und ״Hamaawir bonow“, in deutschritueller Melodie, geben uns darüber befriedigenden Aufschluss und wir merken es sehr bald, dass wir uns an einem Feiertage befinden, indem wir durch diese Gesänge von einem besonders feierlichen Hauche labend und erquickend angeweht werden und in uns gar sähe Jugenderinncrungen vom einst schönen häuslichjüdischen und syuagogal-religiösen Leben erweckt werden. Allein auch setz! noch ist aller Zweifel nicht völlig gelöst; noch immer lagert bleiern die Ungewissheit: welchem Feiertage wir ״zur Gesundheit und zum Leben, zur Freude und zum Frieden", entgcgengchcn, auf unserem religiös bewegten und weichgestimmten Gemüthe; aber auch jetzt verharren wir nicht mehr lange in dieser schwankenden Position Die drei verschiedenen Mi cliomöcho mit ihren traditionellen Jom tcnv-Melodien klären 11115 vollends auf über die Beschaffenheit des Feiertages, vor dem wir nun stehen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir gleichzeitig hervorheben, dass die vom Verfasser getroffene Einrichtung des Happores und Waijedabber mit der jedesmaligen Feiertagsmelodie des Mi ckomocko vorzutragen, eine höchst praktische und schöne zugleich ist. Der dadurch entstehende Gewinn ist ein doppelter und auf beiden Seiten; der Cantor ist nicht mehr in Verlegenheit um eine kurzgefaßle und passende Melodie für Wajjedabber mosche, über welchen man — als langjähriger Gemeindcufreund — etwas Angenehmes und Gefälliges zu hören dekommen möchte; und die Gemeinden weiden dabei der Pflicht überhoben sein, einen Schwall von contrapnnklisch wiederholten El b'ue jisroel gläubig, und über die Correctheit der Bearbeituug vollkommen beruhigt, anzuhören. Ein feierlicher Olenu. und Jigdal beschließt darauf hin das solenne Abendgebet und dürfen wir nun, ob der schönen und erhabenen Gestaltung unseres Gottesdienstes, vollkommen beruhigt und zufrieden nach Hause gehen, und die Feicrtagsfreuden mir voller Seelenruhe genießen. Wer aber dennoch znrückbleibt und als wie in seinem Syuagogenwinkel angenagelt, an Nachhausegehen noch gar nicht denkt, der bin ich, ich nur allein. Ich denke nämlich nach über den Schluß-Accord des ״Jigdal", der domin an len Haft beunruhigend auf mich gewirkt, und der nicht im Stande war, mir die erwünschte Ruhe und den Frieden einer Tonica zu geben; weshalb, ich sehr für meine ganze Schalet-Kugel fürchte, dass sie mir morgen nicht in erwünschtem Maße munden wird. Allein, Spaß bei Seite! Als strenger Kritikus hätte ich's gewünscht, dass bei diesem ausgeprägten und unverkennbaren Charakter der O-dnr-Tonart, welche durch zwei große Foliosciten mit nur kurzen Unterbrechungen sich hinzieht, die Cadenz zur ursprünglichen Tonica A־dur im letzten Satze, eine entschiedenere und diese Tonart bezeichnendere wäre; während aber in gegenwärtiger Gestaltung dieser Accord mehr den Eindruck eines Dominantem als eines Tonica-Accordes macht, ebenso wie der Schlußaccord im vorletzten Satze der Paralclltonart U-moll als Dominantenaccord angehört. Nachdem ich nun mein Bedenken gegen diese Stelle ausgesprochen und den lichten Geist meines verewigten Freundes, der im Leben selbst gegen sich die-strengste und rücksichtsloseste Kritik geübt und keine Nachsicht beansprucht bat, um Verzeibung bitte, will ich ebenfalls nach Hanse geben und mich mit allen meinen Sinnen zum Morgen-Gottesdienlte vorbereiten, damit ich mich mit allen den Schönbeiten nno wahren Geistesgenüssen, die er mir zu bieten verspricht, unbeschränkt laben kann. (Schluß folgt.) Von der Tonbilkiimg. (Fortsetzung.) Von allen Uebnngen im Gesänge ist die Scala oder Tonleiter die wichtigste und hauptsächlichste und muss allen übrigen vorangehen, so sehr dies auch von Unwissenden, die sich für Kenner des Gesanges ausgeben, in der neuesten Zeit bestritten werden mag. In Aufstellung verwirrier Grundsätze für den Gesang bat man sich überhaupt sehr geschäftig gezeigt, indem man mit einer Anmaßung, die das Glaubliche überschreitet, sogar behauptet hat, ,das Solfeggiren sei nichts als ein Nuhekissen des Schlendrians und der Trägbeit des Gesanglehrers, man solle rüstig mit.Arien und dergleichen ausangen und eines weit günstigeren Erfolges als seither gewiss sein.- Man könnte so unverständige, aber mit freigiebiger Hand ausgestreute Senlenzen stillschweigend übergeben, wenn sie nicht den überhandnehmenden Widerwillen gegen Fleiss und geregeltes Studium vermehrten und so die schon sinkende Kunst immer mehr in Verfall brächten. Wie soll der Schüler Stimmgebnng, Tonbildung und Coloratur lernen, wie soll er das Instrument seiner Stimme kennen lernen und ausbildeu, wenn er mit dem Studium solcher Sachen beginnt, welche die Vollendung jener Studien und noch etwas mehr, nämlich gebildeien musikalischen Sinn und einen schon einigermaßen gelänterren Geschniack im Vortrage voraussetzen und bedingen, was er alles einzig und allein durch Singen der Scala 'in ihren verschiedensten Combiiiationen und durch das Singen der Solfeggien lernen kann und lernen soll? Arien nach jener neuen Manier als Gesangnbungen und zugleich als Arien zu singen, sie also als Mittel und Zweck zu gebrauchen, kommt uns vor, als wollte ein Maler seine Studien mit Copiren wichtiger Gemälde beginnen, ohne Zeichnen und Malen vorher gelernt zu haben, und dann sagen: ,Zeichnen und Malen sind hergebrachter Schlendrian, während ich mich so im malerischen Vorträge übe, lerne ich jene beiden Kleinigkeiten zugleich mit.- Das Singen der Scala ist das einzige Mittel, den Schüler den Gebrauch der Stimme, Intonation und Tonbildung zu lehren, die Mängel seiner Stimme kennen zu lernen, ihnen abzuhelfen und dem Organe Kraft, Festigkeit und Gewandtheit zu verleihen. Zweck des Scala-Singens also ist: 1. den Schüler die Stimmgebung, d. h. die Kunst, die Stimme auf allen Tönen regelrecht erklingen zu lassen und Intonation zu lehren; 2. Tonbildung zu lehren; 3. die Mängel seiner Stimme kennen zu lernen und ihnen abzuhelfen, und 4. derselben Kraft, Festigkeit und Gewandtheit anzubilden. Die Erfahrung hat gelehrt, dass es, um den Anschlag des Tones zu erleichtern, gut ist, die Scala mit Nennung der Buchstaben C. D. E. F. Gr. A. H. C. anfangs singen zu lassen,

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