Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 9 (10.3.1884)
- Date
- 1884-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 gelängen verzichten zu müssen. Obgleich die hohe Mission des Synagogcnchores, unserer heutigen Anschauung entsprechend, weder im Sehir Zion I noch in dessen Vorrede mit einem Worte, einer Andeutung berührt wird, sondern stets nur die Verbreitung eines echten Kunstsinnes betont erscheint, so können wir dennoch mit Entschiedenheit behaupten, dass dem Manne, der seinen Falkenblick unverrückt der Zukunst, d. h. der Entwickelung des Synagogeugesanges zugewendet hatte, die Bedeutung des Gemeindegesanges ganz bestimmt vorgeschwcbt haben müsse und glauben den Grund für die momentane Außerachtlassung desselben zunächst in dem Umstande zu sinden, dass der Gemeindegesang — besten kirchliche Abstammung ja nicht zu leugnen ist — mit der sattsam bekannten Massengesangsairknng zu sehr au die Kirche erinnern und demnach seinen von der jüdischen Orthodoxie schon genug angescindcten Bestrebungen noch größere Schwierigkeiten bieten könnte, und dann ist es ja zur Genüge bekannt, dass bei Organisationsunlernchmnngkn, namentlich religiöser Nesormen, - nicht die ganze Scala der beabsichtigten Erfolge mit einem Schlage erreicht werden könne. Etwas Anderes jedoch möchten wirunserem verehrten Altmeister als Bitte unterbreiten und sollte dieselbe auch das Gepräge eines Vorwurfes an sich tragen, wir nehmen dennoch keinen Anstand, sie auszusprechen, in der sicheren Ueberzengnng, dass der Mann, dessen Willensmeinung ja noch heute bei uns volle und ganze Würdigung sinder, uns zur Abstellung eines argen Mißbrauches seine Mithilfe nicht vorenibaltcn wird. Zn diesem Sinne empfehlen wir die folgende Auseinandersetzung der eingehendsten Berücksichtigung und Beurtheilung der verehrten Amtscollegen und allen an der heiligen Sache beiheilizieu Kreise. Bei der Herausgabe des Lelriv Zion I barte Sulzcr bereits! eine beinahe 20jährige Amtsthätigkeit hinter sich, beherrschte demnach die ganze Bernfstechnik des jüdischen Cantors in bekannt eminenter Weise; um so berechtigter ist unsere Verwunderung über das vollständige Fehlen einer musikalischen Bearbeitung des Wochen-Minchagebeles, mit welchem . doch usuell jeder Freitags- und Feiertagsabendgottesdienst beginnt. Sollte der große Organisator, der feinfühlige ideale Mann wirklich angenommen haben, dass das Minchagebet nach wie vor eine bloße Production für all' die später zu Gehör zu bringenden Herrlichkeiten bleiben, die Leistungen des Mincha-Cantors eine Folie für die des Maariw-Cantors abgeben müssen? Werden denn die Minchagebete zu einem minder barmherzigen Vater im Himmel cmporgesandt, oder ist die Herrlichkeit Gottes beim Minchagebet überhaupt noch nicht erschienen? oder steht gar der im eigentlichen Kern des Judenthums wurzelnde Inhalt der! Mincha-Keduscha nicht etwas höher, als die Akrostichon-Poesie : des L’clio dodi, dass es nicht der Mühe lohnt, diesem gottesdienstlichen Theile eine administrative Berücksichtigung zuzuwenden? Weshalb überhaupt die Verwendung zweier Cantoren beim Freitag-und Fciertaz-Abendgottesdienst 2c.? ist die Thätigkeit wirklich eine solch aufreibende, dass eine Kraft nicht ausreicht? Treten wir diesem Gegenstände objectiv gegenüber; lassen wir Eitelkeitsrücksichten gegen das liebe .Ich" etwas außer Acht und wenden wir dem heiligen Gegenstände unsere ungetheilte Aufmcrksamkeit zu, wir sinden dann ganz bestimmt, dass hier ein überlieferter Mißbrauch vorliegt, dessen weitere Vererbung geradezu eine Unmöglichkeit ist. Nicht die einstige- Einführung dieser erwähnten Uebelstände j trifft dieser Vorwurf — man kann nichr alles im Handumdrehen > schaffen und vielleicht entsprachen diese Sonderbarkeiten den Mein Ausflug nach Venedig. Ende Februar 1884. Eine in den letzten Wochen allznreiche, amtliche Tbätigkeit, die klimatisch-ungünstigen Verhältniße des diesjährigen Winters und zu guter Letzt noch eine gefährliche Erkrankung meines jüngsten Söhnchens, an dessen Krankenlager ich die erschütternde Ausgabe mehrerer Nachtwachen zu erfüllen halte, griffen meine Individualität derart an, dass mir von Jedermann, auch von ärztlicher Seite, einige Tage vollständige Ruhe, und demgemäß eine kurze Entfernung von Wien, angerathen wurde. Nach dem Aussprüche eines bochangesehenen, ärztlichen Gönners sollte ich eine südlicher gelegene Gegend aufsuchen, und wählte hiezu das herrliche Venedig. Leute unserer Art, denen täglich die Worte אשרי יושבי ביתך nicht blos auf den Lippen, sondern auch im Herzen leben, wird daS Abschiednehmen von Weib und Kind, von Amt und Freund wahrlich nicht leicht — allein, cs mußte sein, und so dampfte ich, nachdem Alles, was in amtlicher Beziehung in Oronung zu bringen ist, auch in Ordnung gebracht war, Sonntag den 24. Februar mit dem Conricrznge der Südbahn in die Welt hinaus und zog in gemischter Stimmung meinem Erholungsorte entgegen. Es war durchaus keine angenehme Nachtfahrt; denn die ganze Nacht hatten wir Sturm und im Hochgebirge war es empfindlich kalt; doch im geheizten Coupee, in finsterer Nacht beeinfiusten die Witterungsverhältniße den Reisenden weniger, Namentlich wenn man hie und da auch einen Nicker zu machen ן in der Lage ist. So kann ich von den Schönheiten (das Hochgebirge hat auch Winterschönheiten) der mit Windesschnelle durcheilten Gegendeu Oesterreichs, Steiermarks und Kärnthens wenig erzählen, rveil ich wirklich nichts sah. Erst mit dem Morgengrauen war es mir möglich, Ausschau zu halten, und ich verabsäumte nicht, in Augenschein zu nehmen, was eben zu sehen war. Mehrere Stationen hinter St. Pelcr hört das Waldleben ganz auf und mit Zuhilfenahme meiner mangelhaften geographischen Kenntniße wußte ich, dass hier der Regierungsbezirk von Meister Karst beginnt. — Wer das Karstgcbiet nicht selbst gesehen, der kann sich unmöglich eine nur annähernd richtige Vorstellung dieses rauhen Gesellen machen. Je weiter der Eiscnbahnzug sich bewegte, desto mehr trat die Baumvegetation zurück, nur Krüppelgestalten von kurzstämmigen Bäumchen erheben sich hie und da aus dem reichen Steingerölle, um endlich diesem letzteren vollständig den Platz zu räumen. Weit und breit kein Wald, kein Feld und naturgemäß auch nicht viel Menschenwohnungen, nur weithinziehende Stein- und׳ Brettermanern, die einen dürftigen Schutz gegen die unbändige Windsbraut bieten sollen, unterbrechen hie und da die Einöde. Man versuchte es, mit Aufbietung vieler Opfer und Mühe, das Steingerölle zu entfernen und den Boden urbar zu machen, allein schon die nächste Bora riss das lose ׳haftende Erdreich mit sich und ließ den kahlen Felsen als weitere Versuchsstätte für Menschenbestrebung . und Menschenarbeit zurück. Nur in den ' Niederungen oder den von Felsen eingeschlossenen Räumen blieb der Mensch Sieger, und es thut dem Auge wohl, einige gutbcstellte Felder und gleich daneben auch Menschenwvhnungen zu erblicken. Dennoch muss der denkende Mensch tief ergriffen werden j von der wunderbaren Harmonie des Natnrlebens — von der sürsorglich-waltenden Hand der Allmacht. — Zuvörderst schien es mir, als ob die imponirende, gebieterische Schönheit des mit Wäldern reichgesegneten Berglandes unmöglich neben der bestrickenden und bezaubernden Sinnlichkeit des wasserreichen und berglosen Oberitaliens unvermittelt bestehen konnte, indem die Natur