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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-10 · Heft 9 (10.3.1884) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 9 (10.3.1884)
Date
1884-03-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische ■ך“-—־ן Pränumerations-Preis für Mitglieder des ö.-u. Cantoren-Äereines ohne Musikbeklage viertelj. . st. 1.— mit Musikbeil viertelj. fl. 1.25 für Nichtmitglieder in Oesterr » Ung. ohne Musikbell. vierteljährig .... fl. 1.25 mit Musikbeil, vierteljfl. 1.50 für Abonnenten im Auslande o. Musikbeil, viertelj. fl. 1.50 mit Musikbeil. viertelj. fl. 1.75 'S J; Organ für die Gesammt-MmZZell jüdisiher (tMorev. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Icrkob ^Bcdaciian und Administration Wien,. II-, Novaragafse 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Nr. 9 Wien, 10. Mär; 1884. 4. Jahrgang. Arber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. VII. Nach langem Aufenthalte in der fernen Fremde kehrt ein in der Schule des Lebens gereifter Mann wieder zurück in feine Heimat. Er mußte in großen Städten seinen Aufenthalt nehmen, er verweilte lange in der Kunstsphäre Italiens, noch länger im kalten Norden; er sah den Dogenpalast zu Venedig, hatte Gelegenheit die stolze Nesidenz des Czaren zu bewundern, sah überhaupt gar viele herrliche Meisterwerke-der Baukunst und sein Blick ist gesättigt von all' dem, was er draußen im Leben Großes und Schönes anstaunte. Nun steht er wieder auf dem geliebten heimatlichen Boden, feine Pulse beben in freudiger Erregung dem theuren Orte entgegen, wo er die beseeligenden Thränen der Jugend geträumt und all' die Herrlichkeiten, der Familie, der Religion und des Lebens genossen, an denen wir noch im spätesten Alter mit jeder Faser unseres Herzens hängen. Er eilt die ihm noch immer bekannte Straße entlang, dem geliebten Elternhause entgegen; ״sonderbar', ruft er einem eben Vorübergehenden zu, ״ist denn der Kirchthurm, der mir einst so himmelanftrebend vorkam, abgetragen worden, ist die Synagoge, dieses dem Kinde so hoch und hehr erschienene Bauwerk, ist es etwa in die Erde gesunken, erkenne ich das Haus, in dem meine Wiege stand, mit diesen winzigen Fensterlein, dem kleinen Pförtchen, denn wirklich noch wieder? Die Schule, die anderen Häuser, die Straße, alles so unansehnlich, so klein'. ״Mit Nichten', antwortete jener, ,unsere Häuser sind keineswegs kleiner geworden, aber Du, Du warst draußen in der weiten Fremde, Dein Auge hat all' die Errungenschaften der großen Städte, die Erzeugnisse der Kunst und Wissenschaft gesehen, darum erscheint Dir Alles so klein.' Man verzeihe uns diese Licenz — wir erlaubten uns dieselbe deshalb, weil sie am lebendigsten die Gefühle ausdrückt, die uns beschleichen, indem wir den Schir Zion I aufschlagen. Wir sehen sie wieder die geliebten Notenköpfe, die einst dem jugendlichen Auge so geheimnißvoll, so überaus schwierig erschienen, wir hören sie wieder die theuren Töne, die das Herz des Chorknaben so mächtig bewegten und in ihrem Zusammenklingen eine hell strahlende Zauberwelt erschlossen; wir durcheilen die Notenpläne, überall selige Erinnerungen der glücklichen Kindertage, überall das heilige Echo der sonnigen Jugendzeit. Doch, sonderbar! Dünkt uns das Buch nickt kleiner? erscheint uns dies oder jenes nicht etwas anders als sonst? Nein, nein! Das Buch bleibt dasselbe — Inhalt und Werth desselben bleiben unverändert — allein unser Gesichtskreis hat sich erweitert, unsere Gedankenwelt ist eine umfangreichere geworden. Diese Anschauung, d. h. das Zurückgreifen auf die Vergangenheit muss bei der beurtheilenden Durchsicht der im SchirZionl niedergelegten Kunstbestrebungen unser steter Begleiter sein. Wir verzichten bei dieser unserer Arbeit, nach verbotenen Quinten und Octaven zu forschen, auf Vorhalte und Durchgangsnoten rc. aufmerksam zu machen, denn es ist nicht das Arbeilsheft eines Schülers, welches zu corrigiren, sondern das Werk eines hochbedeutenden Mannes, an dessen Leistungen wir uns fortzubildeu, an dessen Arbeiten wir Anregung zu fernerem Schaffen sinden sollen, wir haben es mit der cultur» historischen Bedeutung einer berühmten Persönlichkeit zu thun, und nur der fachmännischen Klarlegung der Ursachen für diese Bedeutung sei unsere Arbeit gewidmet. Die allererste bedeutungsvolle That ^Sulzer's ^st die Einführung eines Sängerchores für die Synagoge'*). Möge der Gedanke seinem eigenen Bewußtsein entkeimt, oder wirklich die Frucht einer erhaltenen Anregung gewesen sein, immerhin bleibt der Umstand hochwichtig genug, dass Sulzer dem so sehr beliebten willkürlichen Eingreifen von Chasan, Baß und Singerl beim jüdischen Gottesdienst einen Damm setzte und ein Gesetz schuf, nach welchem jedem Einzelnen seine Aufgabe genau zugewiesen wurde. Zunächst ließ sich Sulzer hierbei allerdings von seinem angeborenen Schönheits- und Ordnungssinn leiten, welche es ihm abnöthigten, der Gesangsverwilderung der ״Judsnschul* mit dem wüsten Schreien und Lärmen ein Ende zu machen, ohne jedoch auf den nothwendigen Apparat zur Ausführung von Kunst- *) Auch die Amtstracht der Cantoren, wie die gleichartige Kleidung des Chorpersonals ist eine Errungenschaft Sulzer's.

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