Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 8 (2.3.1884)
- Date
- 1884-03-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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nebmungen und den in Folge derselben getroffenen Maßnahmen von Fall zu Fall ir ausführlich Bericht erstatten werde. Pest, 24 Februar 1884. Tis za. In Steinamauger bat am 17. d. M. eine Wähler-Versammlung stattgefunden. Es traten 2 Candidaten für das Mandat eines Reichslagsabgeordneten aus, nämlich der von uns bereits einmal erwähnte Antisemit Tamassi und der bisherige Abgeordnete Pazmandi. Letzterer hielt eine freisinnige Rede, welche sehr beifällig ausgenommen wurde und zur Folge hatte, dass Tamassi aus dem Saale gewiesen wurde. Lemberg. (Taufe eines Judenmädchens.) Ein für die UNmittelbar Betroffenen erschütternder und zur Beruhigung eines großen Theiles der Bevölkerung geeigneter Fall, welcher der Hauptsache nach bereits mitgetheilt wurde, erregt hier noch immer bedeutendes Aufsehen. Der Kaufmann Philipp aus Galizien übersiedelte vor ungefähr zwölf Zähren nach dem Tode seiner Gattin nach Prag und beliess anläßlich dieser Uebersüdluug sein damals vierjähriges Kind Regina, um dasselbe der Gefahr der in seiner neuen Heimat ungewissen Erwerbsverhältsuiße nicht auszusetzen, der Pflege der mütterlichen Großeitern, inrnm er durch wiederholte B. suche, sowie durch häufige Correipondenz mit dem Kinde in stetem Contacte blieb. Am 22. December v I. erhielt nun Pbstivp von seinem Schwiegervater in Lemberg die telegraphische Anfrage, ob seine Tochter Regina — die mzwischen 15 Jahre alt geworden — nicht zu ihm nach Prag gereist sei. da sich dieselbe am 22. Deeember Vormittags wie gewöhnlich in die christliche Bürgerschule begeben, aus derselben aber -nicht mehr zurückgekehrt und gänzlich verschwunden sei. Der erschreckte Vater sendete sofort ein Telegramm zurück, dass sein Kind nicht bei ihm sei, und ordnete unverzüglich Recherchen an. Nach zwei Tagen banger Erwartung kam endlich der Bescheid, dass das Kind sich im Nonnenkloster der Basmanerinnen im Lemberg befinde. Herr Philipp begab sich hierauf sogleich hieher und erwirkte nach langem Bitten den Eintritt in das Kloster, sowie eine Confrontation mit seiner Tochter Bei der Unterredung, welche in Gegenwart der Convicts-Vorsteherin Marie Kowaleka und der Lehrerin Jauuszewska stattfand, wollte der Vater die Gründe des mysteriösen Vorfalles aus dem Munde des Kindes selbst vernehmen, doch dieses, durch die Anwesenheit obiger Personen augenscheinlich geängstigt, fand nur Thränen, aber keine Worte der Eiklärung. Die Bitte des Vaters, mck dem Kinde allein und ohne fremde Einflußnahme sprechen zn können, wurde abgeschlagen. H.rr Philipp wendete sich hierauf an den griechischkatholischen Bischof Lembratowicz, der ihm mit der lakonischen Bemerkuug entgegnete, das Mädchen habe ihn schon vor einem Jahre freiwillig um Aufnahme in den Schoß seiner Kirche gebeten. Zugleich ward er an den Domherrn v. Bielecki gewiesen, welcher, allerdings im Widerspruche zu der origen Zeitangabe, ausführte, das Kind sei erst vor ungefähr drei Wochen in Begleitung zweier christlicher Mitschülerinneu — welche nach der Angabe des Domherrn in seinem Znstitute zu Nonnen herangebildet werden sollten, später jedoch entlassen worden waren - — zu ihm gekommen und habe daselbst den Wunsch eäußert, den mosaischen Glauben abzulegen. Ein weiterer Schritt bei dem Polizei-Director blieb resultallos; der Statthalter abe^. fand es für gut Herrn Philipp einfach auf den Rechtsweg zu verweisen, während seine Gattin einige Tage später selbst die Taufpatbenstelle bei dem Kinde übernahm. Vergebens gab der Vater den Kirchenoberen zu bedenken, dass der vom Gesetze geforderte freie Entschluss zum Glaubenswechsel noch nicht vorliege. Schließlich erklärte derselbe, dass er in den Uebertritt zu willigen bereit s i, wenn nur das Kind ihm und der Familie zm^kaegeben werde Er wolle, fügte er hinzu, sein Kind, an das ihn ^^^M^en Bande der Natur knüpfen, auch als Christin nicht minder lieben, dasselbe in Prag als solche weiter erziehen lassen^ keinen Zwang auf die Glaubensüberzeugung auSüben und sich diesfalls jeder behördlichen und kirchlichen Controle unterwerfen. Der' Domherr v. Bieleeki entliess Herrn Philipp mit dem Bescheide, sein Verlangen zur Berathung zu bringen. Das Resultat dieser Berathung lautete dahin, dass der Bitte keine Folge gegeben werde, da auf nochmaliges Befragen das Kind erklärt habe, iin Kloster verbleiben zu wollen. Nach dreiwöchentlichem, erfolglosem Aufenthalte in Lemberg sah sich der Vater genöthigt, nach Prag zurückzureisen, und erhielt auf ein von dort abgeschicktes, demüthig bittendes Telegramm die Antwort: ,Ihre Tochter wurde am heutigen Tage unter Beobachtung der betreffenden Gesetze getauft. Sembratowicz." Wie wir vernehmen, ist. ein weiteres Einschreiten des gekränkten Vaters beim Minister des Innern, Grafen Taaffe, bisher erfolglos geblieben; alle Hoffnung knüpft sich aber an eine von Sr. Majestät dem Kaiser Herrn Philipp gewährte Audienz, in welcher der Kaiser sich mit Wohlwollen um den Sachverhalt erkundigte und die eingehendsten Erhebungen zu pflegen zugesagt hat. In der That wird es sich kaum gesetzlich begründen lassen, dass ein selbst freiwillig und im Sinne des Gesetzes von 1868 vollzogener Glaubenswechsel geeignet sein 'sollte, die väterliche Gewalt auszuheben, den Familienvater seiner Anrechte auf seine Angehörigen zu entkleiden. Man sieht mit Spannung dem Ausgange der Sache entgegen. Lemöerg. 24. Februar. Nach einem Telegramme ans Pultawa hat gestern in Folge eines Ukases der russischen Regierung die Aus- Weisung aller in den Dorfschasten und Städlen des Gouvernements von Pultawa ansässigen Juden begonnen, welche den Nachweis des Grundbesitzes in ihrem bisherigen Aufenthaltsorte zu führen außer Stande sind. Der Gouverneur hat der Bitte der Juden-Deputation um vorläufige Sistirung der Ausweisungsordre nicht stattgegeben. Die Deputation wendete sich deshalb telegraphisch an den Minister des ■ Innern Grafen Tolstoi, er möge eine Verfügung treffen, damit nicht zahllose friedliche Staatsbürger mit ihren Familien ohne jeden plansiblen Grund dem Elende preisgegeben werden- Bisher ist jedoch das Gesuch der Vertreter der Juden nicht beantwortet worben. In Sloczow fand vorige Woche eine Schlußverhandlung statt, welche den Inden wenig Ehre, macht; der Sachverhalt ist folgender: Vorigen Sommer feierte der Oleöker Rabbiner die Hochzeit seines Enkels. Selbstverständlich haben sich seine An- Hänger von Nah und Fern zahlreich eingefnnden, und zur Trauung wurde ein Fackelzug veranstaltet. Gendarmen befahlen,, die Fackeln auszulölchen, weil gerade ein heftiger Wind war, welcher Befehl aber nicht befolgt, und überdies einer der Gen-- darmen derart mißhandelt wurde, dass er schwer erkrankte. Sechs Excedenten wurden verhaftet, welche sich bis jetzt in Haft bestnden, und wurden theils zu sieben und theils zn drei Monaten schweren Kerker verurtheilt. Augustaw. Dem עברי אנכי schreibt man: Für die Juden gibt es keinen Rath-. Leben sie allein, ohne sich unter die Völker zu mischen, dann verabscheut man sie; mengen sie sich unter dieselben, dann können sie erst nicht ruhen. Hieher macht die Aufklärung- Fortschritte und es ist demnach nichts Seltenes, Jüdinnen unter einander russisch oder polnisch sprechen zu hören. Aber wie verdrießt Las unsere Feinde! Eine solche Jüdin führte neulich das Geschäft in das Haus eines christlichen Adeligen, dessen Frau die Jüdin barsch anfuhr: ״Warum sprechet Ihr unsere Sprache, wenn Ihr unter Euch seid? Jüdinnen sollten sich doch nicht anmaßen, uns in Sprache, Sitte und Unterhaltung alles nachzuahmen!" Auch der Herr des Hauses gab seinem Unwillen lauten Ausdruck. Was wollen wir nun thun?" Berlin. Der bekannte Schriftsteller und Naturforscher Herr Dr. Ahron Bernstein, ist den 12. Februar gestorben. Der namhafte Publicift und Volksschriftfteller wurde 1812 in Danzig geboren un