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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-02 · Heft 8 (2.3.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 8 (2.3.1884)
Date
1884-03-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— -L — So viel eine gute Schule über die Aneignung der Süßigkeit*), deS Adels und der Charakteristik des Tones sagen kann, werden wir späterhin ansühren.- Auch eine richtige Mundstellung gehört zu den ersten Erforder׳ nisten des guten Gesanges, weil sie zu der im vorigen Aufsatze abgehandelten Tonbildung unumgänglich nothwendig ist. Man könnte sich alle bisher gegebenen Regeln sorgfältig eingeprägt haben und sich doch vergeblich bemühen, einen kunstgerechten Ton hervorzubringen, wenn man sich nicht die gute Mundstellung angeeignet hätte, welche in vielen Schulen leider auch so sehr vernachlässiget wird. Daher müssen folgende Haupt- und Grundregeln darüber aufgestellt und genau befolgt werden. 1. Nur bei einer elliptischen Mundstellung ( 0> ) ist der schöne Ton hervorzubringen und zu erlernen. Vollkommen kann dies Princip nur beim Vocal A erfüllt werden, aber jemehr bei der Aussprache der anderen Vocale die Mundstellung jener Normal-Mundstellung genähert wird, desto besser ist sie. Die elliptische Mundstellung ist namentlich für den Adel des Tones die Basis, ohne sie ist und bleibt er gemein **). 2. Bei dem Singen des Vocals A muss bei Erwachsenen die Entfernung der Zähne von einander durchschnittlich einen Zoll betragen, nicht darunter, wenn es dem Schüler nicht beschwerlich fällt. Von dieser Weite kann der Sänger in der Praxis nach Maßgabe der Umstände zu jeder Zeit et:oas abnehmen, wird er aber an eine engere Mundstellung als Schüler gewöhnt, so wird er schwer den Lonanschlag finden, keine schöne Vocal-' Aussprache bekommen und sich vergeblich bemühen, diese fehler haste Angewöhnung abzulegen. 3. Der Unterkiefer darf weder vorwärts, noch seitwärts geschoben werden, auch dürfen die Lippen nicht und kein Theil des Mundes angespannt werden, sondern alles muss in einer ungezwungenen und natürlichen Lage sein. 4 Die Zunge muss gerade und gestreckt liegen, so dass sie mit der Spitze die Unterzähne leise berührt. Sie darf nie wellenförmige Bewegungen machen, noch viel weniger gleich einem Kegel im Munde aufrecht stehen oder eine Wölbung nach oben bilden. Da viele Anfänger zu diesen Untugenden Neigung haben, so muss denselben sogar mit Gewalt gesteuert werden, nämlich durch Niederdrücken der Zunge mittelst eines flachen, breiten und stumpfen Instrumentes (dessen Stelle nötbigenfalls der Stiel eines silbernen Löffels vertreten kann), womit so lange fortzufahren ist, bis jede Spur dieser Fehler verschwunden und keine Neigung dazu mehr vorhanden ist. 5. Die Lippen dürfen nicht nach innen gezogen werden, so dass sie über die Zähne hängen, weil sie in dieser Lage gleich Schwämmen den Ton aufsaugen und widerlich umwandeln; aber eben so wenig dürfen die Zähne von den Lippen gänzlich entblößt sein, weil sonst der Ton schrillend und gläsern wird. Die richtige Lage der Lippen ist vielmehr im Allgemeinen bei günstigem Baue derselben dann vorhanden, wenn sie natürlich ist, so dass die oberen Zähne ein wenig zu sehen sind; jedoch muss der Lehrer bei jedem einzelnen Individuum besondere Beobachtungen über den Einfluss der Lippen auf den Ton anstellen und darnach seine Anordnungen treffen, weil die Bildungen der Natur in dieser Beziehung höchst mannigfaltig sind. Der eine Schüler muss seine Lippen z. Bbei dem Vocal E mehr nach außen wölben, als bei A, wenn der Ton von ihnen nicht beeinträchtiget werden soll, während ein anderer mit sehr gewölbten Lippen beim Singen des Vocals A dieselben ein wenig nach innen ziehen muss, wenn die Zähne nicht allzusehr davon entblößt werden sollen. 6. Bevor man einen Ton angibt, muss die Mundstellung bereits genommen sein. Wird diese Regel vernachlässigt, so dass Tonangebung und Mundöffnen einen Moment bilden, so entsteht ein widerlicher, geheulartiger Ton. 7. Die Mnndstellung darf während der Dauer eines Tones nur nach den im folgenden Absätze unter 3. gegebenen Regeln und unter den. daselbst aufgestellten Bedingungen gewechselt werden, wenn nicht ein Mißklang entstehen soll, welcher für ein gebildetes Ohr höchst beleidigend ist*). 8. Die Mundstellung darf nicht gewechselt werden, wenn ein und derselbe Vocal mehrmals in unmittelbar auf einander folgenden Worten vorkommt; z. B. »Ach, arme Anna.׳' — .Es lebe Eduard!' u. s. w. Von der Mundstellung hängt nämlich das Colorit der Vocale ab; wechselt man sie daher in diesem Falle, io tritt der Nachtheil ein, dass derselbe Vocal, mehrmals wiederholt, bald hell, bald dunkel, und mit ihm der Ton bald heiter, bald düster erscheint. 9. Die Mundstellung darf in keiner Passage, sie mag einen Namen haben, welchen sie will, gewechselt werden, auch im Triller nicht. Die Vernachlässigung dieser Regel heißt Vocalisiren**). Durch dieses wird z. B. das Anfangs breit und hell ausgesprochene a immer dunkler, dann o, bis es zuletzt in einem unbenennbaren Summen ganz verschwindet ***). 10. Weder Unterkiefer, noch Lippen, noch Zunge dürfen bei Triller und Passagen in eine zitternde Bewegung gerathen, sondern müssen in unbeweglicher Ruhe liegen. Die im vorigen Abschnitt beschriebene Mundstellung ist die schulgerechte Normal-Mundstellung, von welcher die soeben zu beschreibenden Arten nur Modifikationen sind. Jene dient zur Bildung des schönen Tones und ist überall anwendbar; die Mundstellung dient jedoch nicht allein zur kunstgerechten Hervorbrinzung des Tones, sie übt auch einen wesentlichen Einfluss auf den Charakter desselben, sowie auf die Aussprache aus und hat sonach auch eine ästhetische Bedeutung. Vom ästhetischen Standpunkt ist die Mundstellung also, wie wir gleich zeigen werden, eine dreifache: I. Die im vorigen Abschnitte beschriebene Normal-Mund׳ stellung. II. Wird dieselbe in dem Grade modisicirt. dass der Sänger den Mund wie zum Lächeln verzieht, so wird der Ton in hohem Grade weich und zärtlich, die Aussprache der Vocale breit, hell und flüssig. Sie eignet sich vorzüglich zum Vortrage sentimentaler Stellen und bringt hier, unterstützt von einem günstigen Organismus und vorausgegangener richtiger Tonbildung, große Wirkung hervor. Es springt in die Augen, dass jeder Vocal seiner Natur nach eine eigenthümliche Mundstellung erheischt, welche zu be- *) Eine angeeignete Süßigkeit kann eben so wenig wahrhaft süß werden, als man Essig durch Zusatz von Zucker niemals wirklich süß machen kann. Süßigkeit im Tone und Vortrag sind Naturbegabungen. **) Wenn wir anordnen, dass die Mundstellung bei allen Vocalen der elliptischen genähert werden soll, so verstehen wir dabei, dass dies nur insoweit geschehen darf, als dadurch die Reinheit des Vocales nicht gestört wird. *)Wechsel der Mundstellung heißt in der Kunstsprache jede Veränderung in der Lage des Unterkiefers, der Lippen und der Zunge. **) Vocalisiren nennt man auch das abwechselnde Singen der Scalen und Solfeggien aus den Vocalen a, e und 0. ***) Dieser Fehler findet sich heutzutage ganz besonders häufig und ist um so sorgfältiger zu vermeiden, je leichter er sich cinschleicht. Denn in Pafiagen ist die leiseste Bewegung der Lippen schon bemerkbar.

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