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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-03-02 · Heft 8 (2.3.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 8 (2.3.1884)
Date
1884-03-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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und tönende Sopranstimme, oder der kraftvolle Alt des Knaben geht während der Aenderungsperiode und durch dieselbe in Tenor oder Baß über, wäbrend die des Mädchens voller, kräftiger und umfangreicber wird. Diese Stimmänderung gebt aber nicht plötzlich oder schnell vor sich, sondern bildet eine förmliche Krisis, welche bei den verschiedenen Individuen von längerer oder kürzerer Dauer ist. Während dieser Uebergangsperiode verschwindet bei Manchen die Stimme fast gänzlich, bei Andern ist sie beiser, klanglos, bei einem Dritten febleu einzelne Töne, so dass sie lückenhaft erscheint; bei allen männlichen Individuen aber tritt sie auS der Höhe in die Tiefe allmälig hinunter, ist dabei bebend und schnappt von einer jener Regionen oft und leicht in die andere über. Zn der Aenderungszeit ist nämlich der Kehlkopf in einem so raschen und üppigen Wachsthume begriffen, wie kein anderer Theil des Körpers es jemals ist und sein kann; denn oft in wenigen Tagen ist die Ausbildung desselben, ^von welcher eben die Umwandlung der Stimme ausgeht und abhängt, so weit vorgeschritten, dass aus einem Alt, Baß geworden scheint, indem nämlich der Knabe schon bis zu einem gewissen Tone in die Sphäre des Baßes hinabsteigen und zugleich noch Alt singen kann. Die Knabenstimme schwindet nun, jemehr die Erweiterung des Kehlkopfes und der Stimmritze erfolgt, auf immer wenigere Töne zusammen, bis sie der männlichen gänzlich das Feld ränmt. Die Zeit, wo die Aenderung eintritt, ist bei den verschiedenen Personen eine andere und läßt sich in keiner Weise ihr Eintritt vorausbestimmen; dagegen läßt sich, angestellten Beobachtungen zufolge, das Resultat der Mutation annäherungsweise mulhmaßen. Diesen Beobachtungen nach geht die tönende, nach der Hohe neigende Stimme des Knaben in Tenor, die des Mädchens in hohen Sopran über; die nach der Tiefe zu kräftigere Stimme hingegen wird bei dem Knaben durch die Mutation in Baß oder Bariton, bei dem Mädchen in Alt oder tiefen Sopran verwandelt. Dies sind die Erscheinungen, welche das ungestörte Walten der Natur hervorbringt; wird ihr verborgenes Schaffen während dieser Periode aber gestört oder gehemmt, so sind die Wirkungen der Stimmänderung nicht die angegebenen, und wird die Stimme durch Krankheiten, Ausschweifungen, falsches Singen, heftige Erkältungen und andere störende Einflüsse nicht unwiderbringlich und gänzlich vernichtet, so gehen aus der Mutation dann doch statt umfangreicher, tönender und gewaltiger Stimmen, beschränkte, metallarme und schwache Stimmen hervor, die zugleich gewöhnlich in ihre nächste Gattung verfallen, so dass statt Bariton Baß, statt Tenor Bariton, tiefer Sopran statt hoher, Alt statt tiefen Soprans entsteht. Diese Stimmen sind weit geringerer Qualität, als die ungestört entwickelten, indem z. B. ein solcher Bariton hinter einem natürlichen sehr zurücksteht. Solche Stimmen sind auch sehr beschränkt, eben so in der Höhe, wie in der Tiefe. Eine seltene Erscheinung ist die, dass Knabenstimmen in der Mutation längere Zeit hindurch die hohe Stimme klar, voll und gesund behalten, während sie sehr schnell an Tiefe gewinnen. Solche Stimmen bieten dann das Schauspiel einer Doppelstimme dar, welche z. B. den ganzen Alt und hohen Sopran in sich vereiniget. Je seltenere Naturgeschenke solche Organe sind, desto sorglicher müssen sie vor Störungen bewah rt werden, und um so bedauerlicher ist es, in manchen Currenden bisweilen ein wahres Stimm-Zerstörungssystem befolgt zu sehen, wonach der in die Mutation Getretene nach und nach alle tieferen Stimmen durchsingen muß, wie ihm allmählich die Höhe entgeht, so dass ein und derselbe Mensch Sopran, Alt, T enor und Baß gesungen hat. Ist es auch nicht möglich, die Stimme während der Wechselzeit vor allen schädlichen Einflüssen sicher zu stellen, so ist es doch Aufgabe der Gesangwissenschaft, sie möglichst davor zu schützen. Beim Beginn der Zeit des Wechsels verbieten in dieser Beziehung gewissenhafte Gesangmeister das Singen ganz und gar, und insofern dies das sicherste Mittel ist, die Stimme zu schützen, sind sie dafür allerdings zu loben, namentlich, wenn mau die diesem Alter eigenthümliche Unbedachtsamkeit und Keckheit in's Auge faßt. Ist diese indessen von einem Schüler nicht zu befürchten, darf der Lehrer vielmehr auch in seiner Ab- Wesenheit seitens des Zöglings pünktlichen Gehorsam voraussetzen, so kann er ihn nach folgenden streng zu beobachtenden Grundsätzen auch während der Mutation allerdings singen lassen. — Vor allen Dingen müssen die hohen und tiefen Töne von den Uebungen gänzlich ausgeschlossen bleiben, so weit sie nämlich nicht ohne alle Schwierigkeiten ansprechen. Eben so wenig dürfen heisere und zitternde Töne geübt werden, auch muß der Meister die Stimme des Schülers in dieser Periode täglich beobachten und studiren, und hat sich dieselbe auf eine Octavs beschränkt, so muß das Singen gänzlich unterbleiben. Hauptprincip aber bleibt: Unter allen Umständen darf in dieser Periode nur wenig gesungen werden. Aber nicht allein der Krankheit der Aenderung ist die Stimme unterworfen, sondern auch anderen krankhaften Zuständen. Bisweilen wird sie von einer Art Lähmung befallen, welche sie besonders durch unwillkürliches, nicht zu verhinderndes Detoniren kundgibt; auch spricht sie dann namentlich in der Höhe schwer an. Bemerkt man dies, so stelle man alles Singen sofort ein und beginne es nicht eher wieder, bevor nicht die Stimme ihre völlige Frische und Biegsamkeit zurückerlangt hat. Alles Ueben und Versuchen ist von Nachtheil und völlige Ruhe das beste Gesundheitsmittel. Dieselbe Regel gilt bei der Heiserkeit und allen anderen krankhaften Zuständen der Stimme. Von der Tonbildung. (Fortsetzung.) Wir fügen nun noch Folgendes hinzu: Bei den eben erwähnten Sängern ist der Ton sanft, weich, voll und stark, hat also alle materiellen Eigenschaften eines schönen Tones, aber nicht seine geistigen, Süßigkeit, Adel und Charakter, und eS fehlt ihm daher der hinreißende Ausdruck der Wahrheit. Hingegen kann eine minder glückliche Stimme (versteht sich bei gleichem Grade der Ausbildung), geleitet von lebendigem Gefühle, die außerordentlichsten Wirkungen Hervorbringen. Von einem nach diesen Grundsätzen gebildeten Tone wird man sagen können: Es liegt ein Ideal in ihm, er ist von der Idee des Göttlichen durchdrungen und belebt. Diese Eigenschaft aber ist es allein, welche den Gesang zum Kunstwerke adelt und ihn befähigt, unsere Seele wie keine andere Kunst zu beherrschen. Durch solchen Ton vorgetragen, kann eine gewöhnliche Composition zum größten Meisterwerke der Musik erblühen, das unser ganzes Wesen durch und durch erfüllt.

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