Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 8 (2.3.1884)
- Date
- 1884-03-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Sparsamkeit die Cumulirung der Aemter über das Maß des , Zulässigen treiben, die in anderer Richtung einen überflüssigen j Luxus entfalten und die Kraft des Cantors in unmenscklicher Weise ausbeuten. An diese wenden wir uns. Im Interesse des Gottesdienstes, im Interesse ihrer eigenen Kinder mögen sie den bisherigen Weg verlassen und eine theilweise Entlastung des Cantors durchführen. Wir sind überzeugt, dass dann Klagen von beiden Seiten weniger häufig wären, und dass Fälle, wie der heute besprochene, sich niemals ereignen könnten. Aeber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. VI. 'So beiläufig könnte die Situation gezeichnet werden, in welcher sich Sulz er. vor mehr als fünf Dccennien am Anbeginn seiner, künstlerischen Laufbahn befand. Wahrlich ein nach jeder Nichmng schwieriges, aber auch edles Unternehmen! Fast überwältigend für die Kraft eines jungen, unerfahrenen Mannes, wäre die Triebfeder seines Beginnens nicht echt idealer Natur, wäre es nicht seine tiefste Ueberzeugung und sein unbeugsamer Wille gewesen, in dieser Rüstkammer verjährten Wulstes endlich einmal Umschau zu halten. — Doch wo sollte er anknüpfen, um die Brücke zwischen Vorurtheil und Bildung herzustellen?' Wer sollte ihm hilfreich zur Seite stehen, um scheinberechtigt Unzulängliches und traditionell Berechtigtes auseinanderzuhalten, das gewonnene Product in eine zeitgemäße Form zu kleiden und dem entsprechend das Alte mit dem Neuen zu versöhnen. Solche Fragen mögen wohl das Herz des 20jährigen Jünglings belastet haben, der von der damals allerdings unansehnlichen, aber intelligenten Wiener israel. Gemeinde zum Canlordienste berufen und mit der heiligen Mission betraut wurde, dem Synagogengesange neue Bahnen zu eröffnen. Am Anbeginne seiner Laufbahn stehend und dennoch schon zum Leiter hochwichtiger Unternehmungen auserkoren, fühlte Sulzer nur zu sehr die Unvollkommenheit seiner Kräfte, indem er die Wahrnehmung nicht zurückweisen konnte, dass Phantasie und Wissen sich bei ihm nicht brüderlich die Hand reichten und daher manche Lücke auszufüllcn sei, wollte er nicht Gefahr laufen, bei seinen vorliegenden Bestrebungen aus der Rolle zu fallen. Deshalb war sein Augenmerk in erster Reihe darauf gerichtet, sich hervorragende Lehrer, Freunde und Berather zu verschaffen. Auch in der Wahl seiner Umgebung kennzeichnet sich die Begabung eines Menschen, und das Glück verließ, sein Schoßkind nicht. Wäre Sulzer zwischen die Näder des gewöhnlichen Lebens gefallen, er wäre vielleicht unter der Ungunst der Verhältnisse gleich andern genialen Menschen untergegangen; allein die Vorsteher seiner Gemeinde zählten zu der Elite der damaligen Judenheit; an der Wiege seiner Bestrebungen standen Würfel und v. Seifried; seine Freunde waren Schubert und Liszt; sein täglicher Verkehr waren die berühmten Sänger und Sängerinnen am Kärnthnerthortheater. — Die eminenten musikalischen Aufführungen jeglicher Gattung gingen an dem von Hohenems nach der Residenz eingewanderten, phantasiereichen Jüngling keineswegs erfolglos vorüber, und gewiss gab der weltberühmte Knabenchor zu Sanct Stefan die allererste Anregung zur Creirung eines Knabenchores für die Synagoge. In dieser anregenden, glücklichen Umgebung und getragen von der Sehnsucht, in seinem Fache das möglichst Höchste zu erreichen, entwickelte sich die künstlerische Individualität Sulzer's so glänzend, dass er bald die Kraft seiner Fittige fühlte, dem kühnen Fluge seiner Gedanken folgend, mit der Veröffentlichung seiner Arbeiten dem Publikum gegcnüberzutreten. Wie dem nun berühmten Manne sein Werk gelungen?! Wir könnten ruhig die Feder hinlegen und brauchten keines- Wegs den Triumph zu verzeichnen, den Sulzer's Bestrebungen errungen; das Iudenthum der ganzen Welt hat darüber entschieden; die Zeitschriften aller Nationen haben darüber berichtet. -Jedoch unsere Aufgabe ist es, dem Entwickelungsgange des Synagogengesanges zu folgen, deshalb, fühlen wir uns verpstichtet, um in unserer Arbeit nicht blos Fragmente zu bieten, den Schöpfungen Sulzer's — den vielbesprochenen und oft erläuterten — auch unsere volle Beachtung zuzuwenden. — Die Werthschätzung der Errungenschaften eines bedeutenden Menschen setzt jedoch keineswegs eine einfache Glorification, wo dieselbe leider allen synagogaleN Musikschöpfungen der neueren Zeit entgegengebracht wird, voraus; damit ist weder der Person.noch der Sache ein Dienst erwiesen; wenn wir unsere Individualität an dem entrollten Lebensbilde eines hervorragenden Mannes fortzubilden beabsichtigen; wenn wir die anerkannten Schöpfungen eines bedeutenden Menschen als den Gradmesser unseres Wirkens betrachten sollen: dann ist das Verschweigen von menschlicher Unvollkommenheit ebensowenig berechtigt, als die willkürliche Verunglimpfung eines echten Kunstproduktes. Gelänge es einem Maler je, ein naturgetreues Porträt auf die Leinwand zu bringen, wenn sein Pinsel nicht Licht und Schatten in nothwendiger Weise zur Anordnung brächte? Nach dieser nicht üblichen Vorausschickung wenden wir uns wieder dem Hauptzwecke unserer Arbeit zu, indem wir bemerken, dass das Geheimnis von Sulzer's Bedeutung in dessen dreifacher Wirksamkeit als Componist, als Sänger und als Mensch oder Charakter ruht. .Wir räumen allerdings gern ein, dass der Sänger Sulzer in erster Reihe unsere Beachtung verdient; allein in Erwägung des Umstandes, dass es nicht Jedem vergönnt war, die Sangesleistungen Sulzer's bewundern zu können, dürfte die Behauptung kaum angefochten werden, dass die Bedeutung Sulzer's, nach außen.hin, lediglich seinen componistischen, wenn nicht organisatorischen Fähigkeiten zuzuschreiben sei. — Die Com- Positionen Sulzer's finden sich bekanntlich, in den beiden Bänden Schir Zion, Dudoim, in kleinern Nummern, Psalmen, Requien, Liedern 2c. Wir wollen das Bekenntnis nicht unterdrücken, dass die Durchsicht der Sulzer'schen Werke eine anregende, aber keineswegs geringfügige Beschäftigung in sich schließt; doch eine gewisse Schaffensfreudigkeit unterstützt unser Unternehmen und getragen von dem Bewußtsein, der guten Sache einen ehrlichen Dienst zu erweisen, schlagen wir den ersten Band des Schir Zion auf. (Fortsetzung folgt). Von der Aenderung und den Krankheiten der Stimme. Wunderbar ist der Zusammenhang, in welchem die Stimm- und Zeugungs-Organe zu einander, stehen. Beide halten in ihrer Ausbildung, so-zu sagen, Schritt mit einander, denn sobald die Mannbarkeit eintritt, erleidet auch die Stimme eine große Veränderung, welche beim Manne in einer völligen Umwandlung, beim Weibe in Erweiterung und Krafterhöhung besteht. Die hohe