Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 7 (23.2.1884)
- Date
- 1884-02-23
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3452960-3452967--0919-3455003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- S — bildet. Nücksichtlich der äußeren Tonwerkzeuge springt die Wahrheit jenes Lehrprincipes nicht weniger in die Augen, denn bei dem Vocal A liegt die Zunge am flachsten, der Mund ist am weitesten geöffnet und sein Inneres überhaupt ohne alle Anspannung. Wenn nun die Erfahrung gelehrt hat, dass nur auf A der schöne Ton erlernt werden kann; wenn es ferner Grundsatz ist, dass A das Fundament aller Aussprache ist, so müssen doch auch die Vocale 6, o und i fleißig geübt werden, und wir werden später die Art angcben, wie dies geschehen muss. Wenn es nun möglich war, ein Studium anzugeben, wodurch der Ton sanft, weich, voll und stark wird, sobald man es nach guten Vorbildern treibt, so ist dagegen die Kunst, ihn so zu bilden, dass er süß, edel und charakteristisch klingt, nur durch das Anhören und Auffassen musterhafter Sänger zu erlernen. Diese erhabenen Eigenschaften, insonderheit die Charakteristik des Tones, hängen lediglich von dem Einflüsse des Gefühles auf die sinnlichen Werkzeuge ab, während die erfteren durch mechanische Uebung, geleitet von der Kraft des Willens, erworben werden können*). Es braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden, dass, wie bei jeder Thätigkeit, auch beim Gesänge der Wille immer in Wirkung bleiben muss, wenn die Thätigkeit nicht alsbald aufhören soll, und dass diese oder jene Geisteskraft nach der Natur des Gegenstandes mehr oder weniger in Anspruch genommen wird. So bleibt auch beim Ausdrucke des Edlen, Charakteristischen und dessen, waS wir die Süßigkeit des Tones nannten, der Wille immer noch in seiner Thätigkeit, nur wird hier das Gefühl vorzugsweise beschäftigt, und dieses wieder durch den Verstand geleitet, da hingegen bei Hervorbringung des sanften, weichen, vollen und starken Tones nur der Einfluß des Willens auf den Organismus erforderlich war. Nur so wird es erklärlich, dass claisisch gebildete Sänger, deren Stimmen und mechanische Ausbildung׳ Bewunderung erregen, doch kalt lassen können, weil ihr Gefühl hinter jener zurückbleibt, und darauf gründet sich auch die Forderung einer guten Gesangschule, dass ein Sänger mit den körperlichen zugleich seine geistigen Kräfte läutere und übe. Das erkannte schon Aristoteles. Denn nachdem er alle Stimmorgane aufgezählt und naturbistorisch betrachtet bat, sagt er : ״Aber das Herz hat auch seinen Autheil am Tone." (Fortsetzung folgt). *) Zu einem schönen Toncharakter kann der Lehrer nichts beitragen, das ist das natürliche lZigenthum jedes Menschen. Der Lehrer kann dloS die regetrechre Benützung der bei der Tonbildung dienenden Organe lebren, er wird jedoch bei zwei verschiedenen Schülern einen ganz gleich en Ton eben so wenig erzielen, als zwei Menschen sich ganz gleich sehen, wenn auch die gleiche Schule sofort zu erkennen ist. Das eigenthümtiche Gepräge des Tones hängr von der individuellen Beschaffenheit des Rachens :c. ab. Vereinsnachrichten. Sitzungsbericht über die am 16. Februar 7 Uhr Abends abgehaltene Vorstandssitzung des österreichisch - ungarischen Cantoren- Vereines. Tagesordnung: a) Verificiruug des Protokolles der letzten Vorstandssitzung; b) Kenntnisnahme der Constituirung der Zweigniederlassung in Böhmen und Bestätigung des gewählten Ausschusses derselben; c) Eventualia. Anwesend: I. Bauer, A. Fischer, S. Hirsch, M. Petersilka, I. Schiller, M. Schlesinger, Z. Singer, L. Stern. Vorsitzender: Präses I. Singer. Nach Verifiurung des Protokolles der letzten Vorstandssitzmig bringt der Vorsitzende das bereits in Nr. 6 der osterr.-ungar. Eantorenzeitung veröffentlichte Protokoll der constitnirenden Versammlung der Zweigniederlassung in Böhmen zur Verlesung. Dasselbe wird zur Kenntnis genommen und die für die Zweigniederlassung gewä-hlten Ausschußmitglieder werden ohne Debatte einstimmig bestätigt. Zugleich wurde der Beschluss gefaßt, an die Mitglieder des Cantorenvereines in Böhmen die Aufforderung ergehen zu lassen, von nun an die vierteljährigen V e re i n s b e it r ä g e an den Ausschuss der Zweigniederlassung, respective an den Cassier derselben, Herrn Philipp Bachrach in P r a g e i n z u s e n d e n. Nach Erledigung der * eingelaufenen Petitionen, von welchen eine über Antrag des Präses-Stellvertreters I. Bauer an die Zweig- Niederlassung in Böhmen abgetreten wird, macht der Vorsitzende die Mittheilung, dass der allverehrte Ehrenpräses des österr.-ungarischen Cantorenvereines, Herr Prosts S. Sülze x,j mit 30. März 1884 seinen achtzigsten Geburtstag vegehen werde, und es erscheine als geboten, an diesem Tage dem Herrn Prost Sulzer, dem Altmeister der Cantoren, von Seite des Cantorenvereines eine Ovation in irgend einer Weise darznbringen. Auf Antrag des Präses-Stellvertreters I. Bauer wird zu diejem Zwecke ein ßomite, bestehend aus dem Präses I. Singer, Cassier A. Fischer und 2. Präses-Stellvertreter L. Stern, eingesetzt und dasselbe anfgeftrdert, über diese Angelegenheit dem Plenum baldigst Bericht zu erstatten. Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. Kleine Chronik. Wien. In der letzten am 21. Jänner d. I. abgehaltenen Sitzung der israel. Allianz hat der Vorstand der Unterstützung der nothleidenden russisch-jüdischen Ackerbaucolonien in den Staaten der nordamerikanischen Union vorerst einen Betrag von Fünftausend Gulden votirt, welche auch bereits dem Präsidium der Nouteüore agricultural Aid Society in New-Pork zur Verwendung nach ihrem Ermessen übermittelt worden sind. Die Wiener Allianz bleibt hiebei allerdings hiesnr den von ihren Schwesterassociationen in gleicher Richtung vollzogenen Hilss» leistungen zurück; allein sie steht vor der gleichzeitig auftretenden Aufgabe, den dringenden civilisatorischen Bedürfnissen im eigenen Vaterlande, namentlich in Galizien, Rechnung zu tragen. Ohne erst eine kostbare Zeit zu verlieren, um reichlicher zuströmende Zuflüsse, die ihm in Aussicht gestellt worden, abzuwarten, hat der Vorstand über Einvernehmen mit maßgebenden Notabilitäten Galiziens selbst, namentlich mit einem zu Lemberg gebildeten Comite, so wie auf begründete Anregungen der Betheiligten selbst, außer dem bereits votirten Beitrage zur Unterstützung eines in Lemberg zu errichtenden Lehrerseminars folgende, vorläufige Subventionen zur Förderung galizischer Cultnrzwecke bewilligt. 1000 flzur Errichtung einer eonfessionelleli Volksschule in Saybusch, die einer solchen gänzlich enträth; 500 fl. zur Erhaltung der wohlorganisirten, aber nothleidenden Schule in Boleslaw; 200 fl. zur Erhaltung der consessionelleu Schule in Brody; 200 fl. zu jener des sonst mit dem Ausscheiden von 30 Zoglingen bedrohten Waisenhauses daselbst; 1000 fl. zur Errichtung von fünf Stipendien für Jünglinge, die sich dem Ackerbaue widmen.