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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-23 · Heft 7 (23.2.1884) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 7 (23.2.1884)
Date
1884-02-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Schule zu verlasse». Wenn sie hingegen Erlaubnis hatten, auszngehen, so gingen sie oftmals vor die Porta angelica, unweit des Monte Mario, um gegen das Ecko zu singen und an den Antworten desselben ihre eigenen Fehler kennen zu lernen. Zn andern Zeiten wurden sie entweder in den Kirchen zu Nom zum Singen bei den öffentlichen Musiken gebraucht, oder es war ihnen wenigstens erlaub! dahin zu geben, um die vielen großen Meister zu hören, welche unter der Negierung Urbans VIII. (von 1624 bis 1644) blühten. Wenn sie in das Collegium zurückkamen, wandten sie ihre Nebenstunden dazu an, nach diesen Mustern zu arbeiten unb dem Meister von ihren Arbeiten Rechenschaft zu geben,, der seinerseits über die innersten und nützlichsten Geheimniße der musikalischen Kunst Vorlesungen zu halten pflegte." Vergleicht man diesen Studienplan mit dem Bildungsgange der heutigen Sänger, so wird man die Klage über Mangel an Studium nicht ungerecht finden. — Dass die zweite Abart des Tones, die wir Nasenton nannten, durch Eindringen desselben in die Nasenhöhle entsteht, ist dadurch physikalisch zu beweisen, dass er durch Zudrücken der Nasenlöcher fast ganz erstickt oder doch in dem Trade uuscbön wird, dass er eigentlich kein Ton mehr zu nennen ist. Hat also der Schüler Nasenton, so lasse ihn der Lehrer während eines verlängerten Tones diese Probe machen und so lange wiederholen, bis davon keine Einwirkung auf den Ton mehr zu spüren ist. Hat man aber die Kunst gelernt, den Ton an dem Gaumen über den Oberzähnen anzuschlagen, so kann man den Kehlkopf während eines verlängerten Tones betasten, oder die Nasenlöcher zuhalten, ohne dass dadurch eine Veränderung in der Tonbildung hervorgeb rächt wird. Hat nun der Schüler die bisher gegebenen Regeln in Anwendung zu bringen gelernt, d. h. ist sein Ton frei vom Nasen- und Kehlklange und ist er nicht gestoßen, sondern gezogen, so hat er schon einen wesentlichen Schritt zum Ziele gethan, denn er bat die Methodik des Tones inne. Damit ist aber bei weitem noch nicht genug geschehen. Ein schulgerecht angeschlagener Ton ist immer noch kein künstlerischer, kein ästhetischer, er ist erst die reine, geläuterte Materie, aus welcher der Künstler sein Werk erschaffen kann. Jener ist ein guter, dieser ein schöner Ton. Um den Namen eines schönen Tones zu verdienen, muss er sanft, weich, voll, stark, süß, edel und charakteristisch sein, d. h. sein innerstes Wesen, gleichsam seine Seele, muss den jedesmaligen Textworten entsprechen. Dass der Ton weich sei, war eine Hauptforderung der guten italienischen Schule, welche durch ein Bild versinnlicht ׳wurde. Man sagte nämlich von einer Stimme, welche dieser Forderung vollkommen entsprach: ״Pa voce 11a buona pastau, d. h. ,die Stimme hat einen guten Teig, eine gute Masse". Diese Metapher besagt zuerst, dass der Ton einen Körper haben müsse, dass er also nicht hohl sei, sondern dass er uns gleichsam das Gefühl einflößt, als könne man ihn mit dem Tastsinne wahrnehmen. Dann liegt aber auch in diesem Spruche, dass dieser Körper nicht hart, spitzig und spröde sei, denn gleichwie . ein Bildhauer aus Granit keine solche Form wie aus cararischem Marmor meißeln wird, so kann auch aus einer unbildsamen und harten Tonmasse keine künstlerisch schöne und rührende Tonschöpfung gebildet werden, der Teig muss leicht zu kneten sein. Es liegt aber auch drittens das Gesetz der Bildsamkeit in , dem sinnreichen Vergleiche des Tones mit ,gutem Teigs", der sich leicht dehnen, zusammendrücken, zu dünnen Fäden und stark-n Massen, kurz, in jede beliebige Form verwandeln läßt. So bildsam muss der Ton des Sängers sein. Die Eigenschaften der Sanftheit, Weichheit, Fülle und Stärke macht man der Stimme durch folgendes Studium zu eigen: der Schüler setze die Töne, deren er mit Leichtigkeit mächtig ist, also nicht die tiefsten und nicht die höchsten, im Pianissimo ein, gehe im allmäligen Crescendo zum Fortissimo über und im allmäligen Decrescendo zum Pianissimo wieder zurück. Je unmerklicher die Grade sind, durch welche der Ton nach und nach anschwillt, je zarter die Abstufungen, durch welche ec von der höchsten Stärke zum leisesten Piano zurückkehrt, desto vollkommener ist diese Aufgabe geiölt. Dieses Studium, welches im Italienischen 21683a di voce, An- und Abschwellen der Stimme, im Deutschen Tonschwellen, Srimmaushatl heißt, muss mit der größten Ausdauer betrieben werden, weil es nicht allein dazu dient, der Stimme die Fähigkeit zu gewähren, sanfte, weiche, volle und starke Töne hervorzubringen, also einen Hauptbestandthcil des ganzen Gesangstudiums ausmacht, sondern weil es auch das einzige Mittel ist, die Brust und die übrigen Stimmorgane großer Anstrengung fähig zu machen- Bei dieser Uebuug hat der Lehrer darauf zu merken, dass das Anschwstten so genau als möglich die eine Hälfte, und das Abschwellen die andere Hälfte der ganzen Dauer des Tones betrage. Dadurch wird der Schüler angehalten, dem Gesetze der Allmäligkeit des Tonsckwellens seine ganze Aufmerksamkeit zu weihen, um in den Phasen der Tonstärke nicht Sprünge zu machen, wodurch die eigenthümliche Wirkung und Schönheit dieser Kunstleistung zerstört werden würde, indem dieselben gerade darin bestehen, dass der Ton in einem ununterbrochenen, stufenwcisen und gleichmäßigen Wachsen und Abnehmen begriffen ist. Es wird aber dadurch auch der Lernende bei Zeiten in Berechnung seiner physischen Kräfte geübt (worin ein großer Sänger besonders glänzt), indem er nach und nach erkennen lernt, bis zu welcher Stärke er seine Stimme anschwellen kann, und zwar mit welchem Aufwands von Kraft und Masse des Athems er den Ton auf das Höchste zu steigern vermag, ohne in Gefahr zu kommen, nicht endigen zu können. Diese Kenntnis ist dem Sänger namentlich bei Cadenzen und Fermaten unerläßlich. ׳ Die besten italienischen Sänger haben eins Cadenz oder einen verlängerten Triller stets nur mit der 21688a di voce vorbereitet, und es ist in der elastischen Gesangkunst Gesetz, auf allen länger dauernden Noten die Tonschwellnng auszuführen, und überhaupt so oft es nach dem guten Geschmacke, ohne in den Fehler der Ueberladung zu verfallen, geschehen kann. Wer daher dieses Studium nicht eifrig betreibt, wird Hauptvorzüge jederzeit entbehren und demnach immer nur ein mittelmäßiger Sänger bleiben. Sollte aber Jemand glauben, er könne, ohne dieses Studium fleißig geübt zu haben, dis Stimme austönen lasten, der wird sich bald von seinem Jrrthum überzeugen. Als Priucip muss bei dieses Studium sestgestellt und anerkannt werden, dass der schöne Ton nur auf dem Vocal A zu erlernen ist, weil bei diesem allein alle Tonwerkzeuge in einer völlig ungezwungenen Lage sind *). Der Beweis für die Wahrheit dieses Satzes liegt rücksichtlich der inneren Tonwerkzeuge in der Erfahrung, dass auf dem Vocal A der Ton am vollsten, klangreichsten und stärksten ist, sowie, dass er sich darauf am leichtesten *) Die meisten Lchüler kehlen ans den Vocal A und der Lehrer kann nur durch große Geiyandtheir zu einem schönen kehlsreien A gelangen.

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