Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 7 (23.2.1884)
- Date
- 1884-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts sahen vielmehr solche oder ähnliche Erscheinunzen gar viele, wenngleich es Keinem gelang, jenen Grad musikalischer Vollkommenheit zu erreichen, wie Lovy. Dieser Umstand veranlagte uns, Letzterem eine eingehendere Besprechung zu widmen, obgleich wir der Ansicht sind, dass ein vollständiges Nichtbeachten eines Majerl Jurberger, Kanarik, Dowid'l Brod, Kaschtan 2c. entschieden eine Lücke in der Geschichte des Synagogengesanges bilden würde. Diese Männer, deren glänzende Befähigung und charakteristische Gesangswcise jeden Einzelnen als eine Spccialität seines Faches kennzeichnete, haben redlich mitgeholsen, den großen Befreiungskampf auf synagogal-gesanglichem Gebiele, wenn auch nur in ethischer Weise, vorzubereiten. Es ist ja eine allbekannte Erscheinung in dem Leben eines jeden strebsamen Menschen, dass Gedanken und Anschauungen, welche uns erfüllen, jedoch durch Umstände gehindert nicht ,bis zur Thar bcranreifen konnten, nur zu oft erst in der praktischen Verwerthung durch einen Andern als das Product unseres Geistes und unserer Forschung erkannt werden. Allein nicht die Vorbereiler irgend eines epochemachenden Werkes weiden in der Geschichte verzeichnet, sondern Demjenigen wird die Anerkennung zuerkannt, der durch muthiges Eingreifen, durch geniales Benützen der Vorbereitungen den Gegenstand in's Leben einführt und durch fachgemäße Nutzanwendung der Oessenrlichkcit übergibt. Von diesem Gesichtspunkte ans betrachtet, kann es keines- Wegs auffallend erscheinen, dass die Volksanschannnz eine vorsulzerifcke Epoche in der Entwickelungsgeschichte des Synagogengesanges nicht kennt und in den! Begriffe ,Synagogengesaug" auch den Ausgangspunkt desselben in Meister Sulzer u!rd feinem Lebir Zion erblickt. Und nicht mit Unrecht! Was nützt uns wohl die emsigste, aufreibendste Arbeit, wenn stch dieselbe ans die Studierstube beschränkt, und hinter Folianten vergraben, das belle Tageslicht scheut? — Welche Erfolge haben wir von den Grübeleien und Ansichten der vorsulzcrischen bedeutenden Chasanim aufznwcisen, wenn sie, selbst bei der festesten Usberzeugnng, dass cs anders werden müsse, doch nicht die Befähigung oder den Muth halten, ihren Anschauungen Gestalt und Form zu verleihen; wenn sie glcichmüthig mit ansahen, dass zweideutige Talente, die sich am Expcrimentiren betheiligten, eine stets wachsende Verwildernng des Synagogengesangcs herbciführten, und sie selbst in vergeblichen Versuchen ihre Kräfte erlahmen fühlten? — Es lagerte tiefe Stille auf den Gotteshäusern Israels! Nicht Grabesruhe, die zum Schlummern einlnllt und die Schaffenskraft lähmt, sondern die peinliche, beängstigende Pause, die jedem bedeuiungsvollen Ereignisse vorausgeht. (Fortsetzung folgt.) Reformen in der Synagoge. 2n einer der letzten Nummern verflossenen Jahres erschien in Ihrem geschätzten Journale ein .Eingesendet" unter dem Pseudonym ״Vom«“, in welchem Elaborate der geehrte Herr Verfasser die Reformen in der Hohenemser Gemeinde mit überaus warmem Eifer verficht, nach dem bekannten Spruch: ,Dessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe!" Nun dagegen hätten wir nichts zu bemerken. Der Autonomie einer selbstständigen Gemeinde, wenn sie sich auch des Geburtsortes eines jSul*e1fä rühmen kann, können wir nicht entgegentreten, wenn selbe, wie der geehrte Herr Einsender bemerkt, ihre religiösen Institutionen nach eigenem Geschmacke zu regeln, Willens ist, nach dem bekannten Ausspruche Friedrichs des Großen, nach welchem jeder nach seiner eigenen Facon selig werden kann. Was mich aber zur Erwiderung des besagten Artikels bewegt, ist die im Schlußpassus dargethane. ans dem Munde eines jüdischen Priesters geradezu verblüffende Bemerkung: Der מנהג des דוכן sei ein Anachronismus, also eine vergilbte, verblaßte Neminiscenz längst vergangener Zeiten; ein Ueberbleibsel des jernsälemitischen Gottesdienstes, mit dem der Opfercultus zusammenhieng. Wir sind keineswegs gesonnen, die Spalten dieser Blätter, welche den höheren Zwecken eines zielbewußten Strebens dienen, zur Arena eines subjectiven Wortkampfes zu benützen; aber bei aller Achtung vor dem gelehrten Herrn Einsender muss der Ansicht entgegengetreten werden, dass eine solch' ehrwürdige, durch Jahrhunderte geheiligte Ceremonie, wie cs der דרכן ist, so nolens volens von dem rituellen Gottesdienste gestrichen werden soll. Herr Verns meint, die Erlheilung des Priesterfegens hätte nur dort eine.Berechtigung, wo ,die Ahroniden auch wirklich an Neligiösität und Würdigkeit ihre Glaubensbrüdcr überragen". Wir erlauben uns, den gelehrten Herrn auf eine Stelle des Midrasch aufmerksam zu machen, wo es wörtlich heißt: "שלא תאמר איש פלוני מגלה עריות ושופך דמים והוא מברכנו? אמר הק״בה מי מברכך וגו׳ כל כהן המברך מתברך. Wir könnien noch mehrere Stellen zur Begründung und Berechtigung der Aufrechterhaltung der Ceremonie des Priestersegens anführen, wollen jedoch, wie bereits bemerkt wurde, uns in keine Polemik einlasfen. Nur einer Neminiscenz aus meiner Jugendzeit in diesem geschätzren, der Veredlung und Pflege des Synagogengesanges gewidmeten Blatte zu erwähnen, sei mir gc!teiltet: Nie, so kam es wenigstens mir vor, nie konnte der Gottesdienst an den hohen Festtagen schöner und weihevoller ausklingen, als durch den Pricstersegen, namentlich am Nenjahrstage! Diese Ceremonie bildete gleichsam den Schlußstein, der die hehre Andacht der jomim D01־oim in der würdigsten Weise abschloss! Noch sehe ich sie, die ehrwürdigen Männer aus dem Ahronidischen Stamme, die Stufen zur Bundeslade hinanschreiten, mit Talith bedecktem Haupte, die durch Jahrhunderte geheiligte Segensformet sprechend! Und die herrliche Jntroduction zu dieser Feierlichkeit das ותערב vorgetragen von dem alten Chasan mit allem Zauber der traditionellen Gesangsweise!''׳) Und die dem Priestersegen so pietätvoll angepaßten, den jeweiligen Festen entsprechenden Melodien! Wie spiegelt sich die Festesstimmung in diesen von den Priestern gesprochenen Worten so sehr und stimmungsvoll ab! Das aufjauchzende, hochaufjubelnde מ״ במכה am Passahfefte, dem Frühliugsfeste der Natur; die sehnsuchtsvollen Melodien der Sinaiklänge am Feste der Gesetzgebung und die schwcrmüthigen des Lanbhüttenfestes! Mögen die Reformer noch so sehr bestrebt fein, ihre Ansichten und Anschauungen zur Geltung zu bringen, uns werden sie jenen Idealen nicht entfremden, die dem Zeitgeiste nicht widersprechen. Wir sind es nicht, die ״in gewohnter Träumerei und gedankenloser Schwärmerei ihrem religiösen Bedürfnisse huldigen." Aber Denjenigen, die mit rücksichtsloser Hand Stück für Stück von dem alten, ehrwürdigen Baue reißen, könnte man zurufen: O, reißet nur ein, entfernet nur, unter der Devise des *) Aber nicht nur vom alten Chasan! Ich hörte einmal am Schewnoth - feste den herrlichen Sulzer die Worte des Priesterfegens ״vorfp rechen", dies waren wirklich Klänge, längstentschwnndene Zeiten wiedergebend׳, Töne, 1 die aus Zions heiligen Hallen hernberzuschallen schienen und die Herzen der Beter zur höchsten Andacht stimmten.